AnnenMayKantereit: Brave Jungs mit spätpubertären Ergüssen

Preddöhl

preddöhlSowas gibt es wirklich. Reichskriegsflagge am Anger und eine Kneipe, wo man vorher anrufen muss, damit der Wirt aufsperrt. Der Dorfladen öffnet nur, wenn man die blutleckenden Doggen gebändigt bekommt.

An der Kirche aus dem 13. Jahrhundert liegt ein Pferdehof, der von einer Gruppe von „Kampf-Kunst-Frauen“ verwaltet wird. Mit dem schnodrigen und immer schlecht gelauntem Charme der Prignitzer Landpomeranzen wird hier ein unwiderstehliches und unwidersprochenes Regime geführt, dass, wegen seiner Barrierefreiheit und der Behindertengerechtigkeit, auch die entsprechenden sozialen Träger aus Berlin anspricht, die dann ihre Ferienfreizeiten hier ableisten können.

Wenn am späten Vormittag die Huskies jaulen, weiß man, dass man den krächzenden Hahn überhört und verschlafen hat. Denn der auch schlecht gelaunte angestellte Bauer plagt sich bereits ab fünfe mit der dörflichen Arche voller blökender Tiere herum und muss sich dann zum Mittag seinen nicht immer freundlich ausfallenden Rapport der alles diktierenden Kampffrauen anhören.

Seine wütenden Attacken gegen die Tiere weckten mich immer in meinem Bauwagen, der eiskalten Übernachtungsstelle, bevor ich mein zu betreuenden Jungen weckte und vielleicht und mit viel Glück einen Kaffee von unserer Köchin Maria ergatterte. Denn verschlafen konnte ich mir nicht leisten, hatte ich doch hier eine Mission.

Janni ist einfach zauberhaft. Mit kleinen Geräuschen und Rülpsen bekommt man ihn zum Lachen. Er, der ein nicht so einfaches Leben im Rollstuhl hat, sollte in Preddöhl, wie so oft, ein paar unbeschwerte Tage erleben. Und für sein Wohl und Wehe war ich verantwortlich.

Dafür ließ ich mich von ihm „verhauen“, machte Übungen und wurde der König der Bespaßer. Die Freude, auch die Schadenfreude, waren ihm deutlich anzusehen und überdeckten die Gedanken an voll geschissenen Windeln und bepissten Bettlaken. Dieses kleine unselbstständige und fremdbestimmte Leben musste von mir nun gestaltet werden.

Jeder in unserem Team hatte so eine oder ähnliche Aufgabe. Dieser bunte und zufällig zusammengestellte Haufen „Verrückter“ sollte für 15 Tagen in dieser brandenburgischen Provinz die Unterhalter für diese kleine Gruppe unterschiedlicher Behinderter spielen und für eine Aufwandsentschädigung Eltern- oder Wohngruppen-Vertreter für die Osterferien sein.

Die Prignitz hat mehr zu bieten, als Reichskriegsfahnen. Wir waren in einem Bärenwald, wo man geteilter Meinung darüber sein kann, ob es den zur Schau gestellten Bären auch wirklich gut ginge oder ob es sich einfach um Tierquälerei handelt. Die Kinder und Jugendlichen hatten aber ihren Spaß und irgendwas mussten wir ja bei diesem kaltem Modderwetter ja machen. Der Affenwald war dann bei allmählich ansteigenden Temperaturen nicht mehr so umstritten.

Die italienische Küche von Maria war exzellent, doch für Manche durchaus gewöhnungsbedürftig. Doch wir wurden satt und es gab ja nicht nur Pasta.

Nun ist der Ritt auf Shetland-Ponys nicht jedermanns Sache. Menschen mit Behinderung haben aber oft eine besondere Beziehung zu Tieren, so waren die fast täglichen Ausritte eine echte Bereicherung des nicht immer voll gepacktem Schlecht-Wetter-Tagesablaufes. Immerhin funktionierte das W-Lan, um uns die neusten Hits von schlechten, aber beliebten Kinderfilmen runter zu laden.

Rundum eine anstrengende, aber lohnende Geschichte: Nicht immer hat man die Möglichkeit und die Gelegenheit, was Gutes zu tun und es Menschen anzutun. Diese tolle Aufgabe möchte ich jedenfalls nicht mehr missen, auch wenn man am Ende der Zeit doch ganz schön durch ist. Ich lerne nicht nur fremde Menschen kennen, die auch immer eine Bereicherung darstellen, ich lerne viel über mich und meine Grenzen.

Dafür und für vieles Andere an Erfahrungen, Inspirationen und auch Erfolge ist dieses Nest Preddöhl einfach der Ort.

Mein Coming out

funny-wtf-picture-unrelated-12Wie immer liefen wir in den Ravensbergen, einem großen Wald südlich von Potsdam, herum und quatschten und quatschten. Ich tauschte mich mit meiner Mutter über meine Brüder, über Nachbarn und über ihre Sorgen sehr gerne aus. Immerhin war ich auch der Letzte, der bei ihr und ihr geblieben war.

Irgendwie wollte ich es an diesem Tage wissen und war ganz aufgeregt. Ich hatte einen Freund aufzuweisen, das Timing war also recht günstig. Sie reagierte völlig cool. Sie bemitleidigte mich nicht, stellte kaum Fragen und war auch sonst nicht irgendwie anders. Ich stellte ihr meinen damaligen Freund vor, den sie gleich ins Herz schloss und anschließend gingen wir in den DEFA-Film „Coming out“, um ihr nicht alles erklären zu müssen.

Keine Ahnung, ob sie enttäuscht war oder sie mit der Tatsache noch länger sich rumschleppte. Ich merkte nichts von einer Veränderung. Im Gegenteil, irgendwie akzeptierte sie mich noch besser, als vorher.

Bei meinen Freunden war das auch ganz cool. Während der Disse im Spartakus schrie ich es heraus und mein Kumpel verstand es dann endlich und grinste.

Beim anderen Kumpel dauerte etwas länger. Wir hatten ziemlich getankt und fummelten anschließlich etwas rum, wahrscheinlich war er auf irgendwas gerade geil. Nachdem wir uns geknutscht hatten, schliefen wir ein. Irgendwas schwebte dann noch eine Woche im Raum. Als wir es geklärt hatten, entspann sich noch eine kleine sexuelle Liaison, obwohl er eigentlich hetero war.

Meinem damaligen Chef sagte ich es auch mal, ich glaube, er hatte darauf hin Angst vor mir und mied mich dann. Andere Kollegen warfen mir mal vor, dass ich es nicht gesagt habe und vermuteten mangelndes Vertrauen. Aber ich musste und muss das ja nicht Jedem erzählen, die erzählen mir ja auch nichts über ihr Sexualleben.

Heute ist es für mich zwar relativ selbstverständlich, damit umzugehen, manchmal ist es aber taktisch von Vorteil, es zu verschweigen. Einerseits vertrauen dir Heteros mehr, was ich manchmal recht ok finde, anderseits wittere ich teilweise Nachteile durch mein Outing.

Man sollte sich treu bleiben und sich selbst klar werden, inwieweit man die Öffentlichkeit von seiner Sexualität unterrichtet. Ich kann auch ein Leben in sexueller Anonymität verstehen, trotzdem ist es mittlerweile meins nicht.

#Keleti in diesen Tagen und wie ich es erlebte

Die tollen und aufregenden Tage beim Sziget-Festival waren fast vorbei, als ich noch eine Zugfahrkarte von Budapest-Keleti nach Berlin ergattern konnte. Da gab es sogar einen Sondertarif von 49.00 Euro. Ich war beruhigt und frohen Mutes, hatte ich doch jetzt soweit alles geplant: Thermalbad, pennen im Hostel, dann nach Keleti und ab in die Heimat.

Die Linie M5 ging direkt zum Bahnhof, nur drei Stationen, ich hatte also noch Zeit. Am Bahnhofsvorplatz kampierten viele Menschen unter freiem Himmel. Irgendwie überraschte es mich nicht, habe ich solche Bilder auch in anderen osteuropäischen Hauptstädten gesehen. An Flüchtlinge und das hier die Situation durchaus eskalieren könnte, dachte ich bei meinem Kurzaufenthalt am Budapester Ostbahnhof überhaupt nicht.

Es war ein buntes Treiben, alle waren beschäftigt und geschäftigt. Es war keine Polizei zu sehen. Wie ich später erfuhr, hatte die ungarische Regierung nur den Vorplatz für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt, nur hier waren sie geduldet.

Ich hatte einen schönen Platz, genoss im Speisewagen ungarisches Gulasch und tschechisches Bier. Die Vorfreude auf zu Hause überlagerten die Bilder vom Bahnhof. Außerdem hatte ich noch das Festival zu verarbeiten.

Eine Woche später sollten die Züge von Keleti nach Deutschland übervoll und ein Notstand über den Bahnhof verhängt sein. Katastrophale und unmenschliche Zustände sollten die Lage eskalieren lassen, die Polizei und Ordnungskräfte das Chaos nicht mehr überblicken. Sechs Dixiklos für sechstausend Flüchtlinge, kaum Wasser und dann noch ein Aufmarsch der ungarischen Faschisten, das waren jetzt die Bilder aus Budapest.

Mittlerweile bin ich wohlbehalten in Berlin angekommen. Wäre ich jetzt in Budapest am Bahnhof, hätte ich bestimmte geholfen. Oder wäre voller Panik zum nächsten Zug Richtung Deutschland gerannt. Oder hätte ein Flugticket gekauft. Oder hätte doch geholfen, in meiner Schule angerufen und gesagt, dass das hier noch ein bisschen dauert und das andere Menschen meine Hilfe benötigen usw.

Ich hoffe, die finden eine Lösung und können sofort den Tausenden helfen. Da sind nicht nur die ungarischen Offiziellen gefragt, sondern ganz Europa. Damit Keleti ein Bahnhof der Menschlichkeit, der Mitmenschlichkeit wird und alle Reisenden nicht aufgehalten werden.

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Übers Meer (heute ist Rio Reisers Todestag)

Tag für Tag weht an uns vorbei,

bringt das Boot in den Wind!

Und ein Kuss und ein Tag im Mai, sei nicht traurig mein Kind.

So viele Jahre und so viele Sterne ist es schon her seit wir draußen sind auf dem Meer.

Sonnenblumen und Löwenzahn hab ich lang nicht gesehn.

Nur die Wellen des Ozean und so viel ist geschehn.

Wie viele Himmel und wie viele Länder ist es wohl her seit wir draußen sind auf dem Meer?

Sing ein Lied für den Ozean, sing ein Lied übers Meer.

Und ich singe ein Lied für dich, wird das Herz mir auch schwer.

So viele Tage und so viele Stürme  müssen vergehn dann wir werden uns wiedersehn.

Die Hoffnung für Ungarn: Sziget

Als ich jemanden fragte, warum das Musikfestival Sziget auf einer Donauinsel in Budapest so ganz anders als das Bild von Ungarn, dass ich mir in den letzten Jahren machen musste, ist, antwortete er: Tja 50% der Ungarn sind halt Arschlöcher und der Rest ist hier.

Es ist eben nicht nationalistisch, rassistisch, homophob, fremdenfeindlich, antisemitisch, diskriminierend, diktatorisch, meinungseinschränkend, rechtsradikal, faschistisch und hässlich. Genau das Gegenteil erlebt man hier.

Im Magic Mirror legen Transen aus Berlin Housemusic auf, die World Music Stage bringt Volksmusik der Roma auf Clubstyle, Asaf Avidan spielt auf der großen Bühne vor einem Meer von Israel-Flaggen, internationale Bands spielen vor Menschen aus über 90 Ländern, nicht nur das Essen ist so kosmopolitisch, dass sich Festivals in Deutschland noch eine Scheibe abschneiden können.

Die Zelte der Gäste sollen im Anschluss der Festival-Woche Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden, das liest man bei jeder Konzertankündigung. Bunt und multikulturell will Sziget sein und es ist es auch mit einer unglaublichen Leichtigkeit, einer einzigartigen Kreativität voller Farben und einer glaubhaften Herzlichkeit.

So manchen Politiker aus der Orban-Kaste wird das alles hier nicht gefallen haben. Aber der wirtschaftliche Erfolg wird sie wohl umgestimmt haben und zähneknirschend mussten sie diesen weltoffenen Kosmos wohl ertragen. Wenn Sziget Ungarn wäre oder Ungarn Sziget, da wäre dem Land viel geholfen.

Immerhin war es ja schon mal ein Leuchtfeuer der Freiheit, damals, 1989. Der Goulaschkommunismus war bereits davor für viele DDR-Bürger, auch für mich, das gelobte Land. Als dann der eiserne Vorhang in Ungarn Risse bekam, nahm die Befreiungsbewegung von der sozialistischen Doktrin so richtig Fahrt auf. Die Flüchtlinge aus der DDR, die vom ungarischen Malteser-Hilfswerk betreut wurden, hatten den Atem des freien Westen bei Budapest das erste Mal genossen. Viele haben das heute leider vergessen.

Aber auf diese historische Leistung sollte sich das ungarische Volk besinnen. Sie sollten die Faschisten und Fast-Faschisten abwählen und sich wieder eine freie und ungezwungene Gesellschaft geben. So wie ich sie auf der Donauinsel Anfang August 2015 erleben dürfte und dafür sehr dankbar den Ungarn, oder der besseren Hälfte, bin.

Geklaut: Komische Menschen

„Meine schönste U4-Story. Gerade so passiert. Eine Frau steigt in der Längenfeldgasse ein und fragt mehrere Leute, ob sie mit ihr über Gott reden wollen. Niemand will. Ich sag: „Ok“. Sie legt los. Sünde, Porno, Internet, volles Programm. Ich will gerade antworten und werde unterbrochen. (Jetzt wird’s absurd gut!) Und zwar vom Bierkavalier. Er lehnt sich zu ihr vor und fragt: „Darf ich Sie auf ein Bier einladen?“ Gotteskriegerin: „Was?“ Er wird lauter. Sie versteht ihn nicht. Ich frage sie für ihn. Started from the bottom now I´m a ehrenamtlicher Dolmetscher zwischen crazy Bierkavalier und crazy Bibelfrau. Sie will nicht, er geht. Stille. Sie so zu mir: „Es gibt sehr komische Menschen“.“ via Sebastian Huber