7 neue Erden

Von Burkhard Niehues  

Was zum Teufel sind eigentlich Exoplaneten?
Exoplaneten, Planeten, die um andere Sonnen kreisen, sind momentan der absolute hot shit unter geltungssüchtigen US-Astronomen, die Ihre Birne unbedingt mal ins TV (Sky) hängen wollen („exo“, von „exovertiert“). Das Weltraumteleskop Kepler hat offenbar einen erdähnlichen Gesteinsplaneten entdeckt, der anderthalb mal so groß ist wie die Erde und zwanzig Tage länger für die Umrundung seines Sterns braucht, die lahme Sau! Mittlerweile wurden etwas über tausend dieser Planeten aufgespürt. Einige dummerweise auch von Keplers weniger bekanntem Zwillingsteleskop „Pichler“, dessen Linse durch einen technischen Defekt stark getrübt ist. Leider sind die Planeten auch schweineweit weg wie etwa Pichler-452b im Blauen Kreuz des Südens: 1.400 Lichtjahre, 4 Lichttage und ein (langes) Lichtwochenende (den Umweg um die dunkle Materie noch nicht eingerechnet!). Die wenigen Messdaten, die als zuverlässig eingestuft werden können, sind zudem wenig ermutigend. Der Planet wurde durch indirekte Messung aufgespürt. Pichler-452b ist vollständig von einem Ozean aus reinem Alkohol bedeckt und bewegt sich so dicht um seinen blauen Riesenstern, dass dieser seine Atmosphäre langsam aber sicher verdampft, und infolgedessen selbst heftig herumtorkelt. Die Existenz von intelligentem Leben ist eher fraglich, bestenfalls wird es wohl dauerbreit und einseitig literarisch begabt sein. Astroanglisten sprechen auch vom „Bukowsky-Effekt“. Bei der Transitmethode wird eine extrem schwache Lichtschwankung gemessen, die auftritt, wenn der Planet von der Erde aus gesehen an seinem Stern vorbeizieht. Pech für die Wissenschaftler: oft ist es eine beim Querlüften aus der ISS entwischte Mücke, die auf das Weltraumteleskop gekackt hat. Weiß der Himmel, wir werden wohl nie erfahren, was da draußen abgeht! Herkömmliche Dieselraketen sind zu langsam! Trotzdem werden astronomische Summen verbraten, um kakerlakenartige Aliens aufzuspüren, die auf drei Beinen gehen und sich von Erdöl (mit oder ohne Gas) und Yellowcake ernähren. Ein Nachbarplanet von Pichler-452b , Pichler-452cw, befindet sich sogar in der bewohnbaren Zone, dreht sich aber viel zu schnell. Die Folge: Monsterstürme, die mit Mach 5 über seine Oberfläche fegen. Hochentwickeltes Leben wäre hier allenfalls unter Tage möglich. Regenwurmartige Maulwurfwesen, die kein Fernsehen kennen. Immerhin wären Sie da unten sicher vor dem Geplapper und Getwitter, dass wir seit Jahrzehnten ins All blasen. Für wortkarge, aber hochintelligente Außerirdische nördlich des Polarsterns wäre das hingegen tödlich.

In Hongkong essen sie Hunde

Wenn man, wie ich, Städtereisender ist und dann in Hongkong nach urbanem Leben sucht, wird man mehr als fündig. Wenn Stadt, dann Hongkong. Man erreicht hier die Stadtparks über siebenstöckige Einkaufscenter. Es ist jeder freie Fleck irgendwie urbar gemacht und der Benutzung durch Menschen frei gegeben worden. Nur da, wo es gar nicht mehr geht, wo die Berge zu steil sind, hat man nicht gebaut. Dort findet man dann völlig überraschend eine entrückte Natur.

Die gruenen Hügel wechseln sich mit Wolkenkratzer ab, dass man sich fragt, wer hier eigentlich zuerst hier war. Hongkong ist von einem Fischerdorf über ein Piratennest zur Mega-Metropole mutiert und vereinigt den asiatischen Größenwahn der Neuzeit mit den Auswüchsen einer sich vermehrenden Spezies auf Kosten der Umwelt, der Pflanzen und Tiere. Das neue China spiegelt sich hier wider und gibt sich freiheitlich, wie sonst nirgends im Riesenreich des Drachens.

Die Menschen sind zurückhaltend, freundlich, konsumsüchtig und rücksichtslos. Sie geniessen Freizügigkeit, alte Rituale und Schlange stehen. Es ist hier kein Problem, für ein Ausflugsziel drei Stunden anzustehen. Einerseits ist es ein devoter Habitus, sich dem Schicksal zu ergeben, anderseits sind sie aber durchaus fähig, eigene Bedürfnisse mit Verve zu artikulieren.

Das ist hier kein Widerspruch. Dieses ambivalente Verhältnis zum Alltagsleben zeichnet diese Hongkong-Chinesen aus. Und ihr Hang zu einem Essen, das nicht fragt, was drin ist, wenn es immer unheimlich lecker ist. Ich weiss nicht, was ich alles am Ende gegessen habe. Vertragen habe ich es immer, satt geworden bin ich auch, also habe ich lieber nicht nachgefragt.

Als ich kleine Hundwelpen in Käfigen sah, wusste ich nicht, ist es eine Tierhandlung oder doch die Auslagen eines Feinschmeckerlokals. Wenn hier ein Einwohner mit seinem Hund Gassi geht, könnte man meinen, er führt sein Proviant aus. Beweise dafür, dass sie hier Hunde essen, habe ich freilich nicht entdecken können.

Eine Stadt, laut und lecker, die man so schnell nicht vergisst. Nicht Tokio und nicht Bangkok, nicht Schanghai und nicht Seoul und doch von jedem etwas und ein bisschen mehr. Wenn man Hongkong erlebt hat, wie ich es erlebt habe, kann man sich ne Menge asiatischer Großstädte sparen und ist vom Städtereisen insgesamt erstmal vollends gesättigt.

Hänsel und Gretel für Anglistiker

Hänsel und Gretel
(in einer Übersetzung ins Denglische von Wilfried Mommsen, 2011)
„In einem Local Forest lebte einst ein als Independent Freelancer tätiger Wood Refraction Engineer mit neuer Frau und zwei hippen Kids als Patchwork-Family: Der Boy war als Hänsel und das Girl als Gretel gebrandet.
Das Business des coolen Woodworkers war längst keine Cash-Cow mehr, sondern hatte ein All-Time-Low erreicht und der Break-Even-Point war in weite Ferne geraten: Die paar Peanuts reichten weder für Traditional Bio noch für trendiges Convenience Food.
Mit seiner Frau, einer wahren Bitch, machte er deshalb ein Late-Evening-Bedroom-Brainstorming: „Du weißt, dass wir derzeit unterdurchschnittlich performen, Darling. Wenn das weiter so floppt, bin ich jobless, und wir können unseren Lifestyle nicht halten. Wir brauchen einen neuen Masterplan, ´ne komplett neue Agenda, ein Mission Statement.“ und fügte fragend an „Vielleicht sollten wir eine Mindmap anlegen, Angel?“
„Alles ganz easy!“, antwortete die Frau, „Wir unternehmen mit den Kids morgen einen Adventure-Trip nach Forestland und setzen sie mit ihren Foodbags an einen nicen Fire Place. Danach machen wir einen auf Job und sourcen die Kids heimlich aus. Da sie weder über die Skills verfügen, noch nen Smartphone oder ´nen Routenplanner dabei haben, gibt es abends kein back home. Ich sage nur: Mission accomplished!“
„Honey Bee“, sagte der Mann, „Das ist Bullshit, Du hast wohl ´nen Blackout. Ich lass die Kids doch nicht ohne Snacks, Scout und Bodyguard, noch dazu underdressed und mit falschem Outfit auf ´ner Outdoor-Experience allein!“
„Stupid Asshole!, entgegnete die Frau erbost. „Dann erreichen wir nie den Turnaround und landen alle vier in Body Bags, das ist ein Hard Fact. Kannst ja schon mal den Funeral Master ordern!“
Die Kids hatten gehört, was die Bitch von Stiefmutter gesagt hatte und waren entsprechend down. Gretel war besonders depressed: „Shit, das klingt verdammt nach Showdown und sudden death.“
„Cool bleiben, Gretel“, sprach Hänsel, „Ich kriege das schon gemanaget.“
Als die Eltern am Chillen waren, zog er seine Boxershorts, darüber die Cargo Pants und die anderen Casual-Wear-Klamotten aus dem Fashion Store und dem Marken-Outlet an und verließ das Building durch den Exit. Zum Glück war´s ne Full Moon Situation, die kein Flash Light erforderte. Hänsel überlegte kurz. Schnell war die Decision klar: „Ich werde zum Stone Collector!“, dachte er und sammelte die schönsten Pieces ein.
Zurück im Apartment sagte er zu Gretel: „Keep cool and don´t panic, Sister. Es gibt ein Happy End: Ich hab´ ne Exit Strategie“ und legte sich wieder in sein Bett zum Chillen.
Am nächsten Tag brach der Dad mit seinen Kids zu dem Final Trip auf. Und während sie so walkten und talkten, nutzte Hänsel jede sich ihm bietende Opportunity, von seiner Stone Collection Gebrauch zu machen.
Als der Dad die Kiddies dann im Wald aussetzte, konnten Sie des Nachts dank der Full Moon Situation und der analogen Stone-Navigation den Weg zurückfinden. Sie klopften an die Frontdoor, und als die Bitch von Stiefmutter aufmachte und sah, dass es Hänsel und Gretel waren, rief sie in der ihr eigenen Directness: „Fuck, Ihr seid es!“

Einzig der Vater war happy…
Nicht lange danach war der Sales Forecast im Bereich Forest & Wood vom District Sales Manager erneut downgegradet worden, und es drohte eine ernste Income Reduction. Die Eltern trafen ein neues Arrangement, wobei diesmal die Frau im Besitz der alleinigen Auhority war. Die Kids sollten von der Stiefmutter, welche die Leadership und das Projectmanagement dafür übernommen hatte, in den Local Forest geguidet werden. Dieses mal jedoch much more deeper als zuvor.
Die Kids hatten den Plan vernommen und wussten, dass ihnen ein neuer March in die Danger Zone bevorstand. Hänsel wollte sich deshalb wieder als Stone Collector betätigen, doch die Stepmother hatte das Home zum Castle gemacht und alle Türen verriegelt.
Als sie am nächsten Tag aufbrachen, kam Hänsel auf eine clevere Idee. Er zerbröselte das mitgegebene Brot aus seinem Bread-and-Butter-Lunchpaket in kleine Stücke und ließ es gelegentlich offroads fallen. So wollte er nachts den Rückweg finden. Doch die Vögel hatten alles weggepickt, der nächste Info Point war in unerreichbarer Ferne, und sie verirrten sich immer mehr im Wald. Welch ein Horror Quest!
Nach drei Tagen fortgesetzten Dinner Cancellings und Herumkauens auf Magic Mushrooms entdeckten sie ein Building und als sie approachten, sahen sie, dass es aus Sweet Finger Food war, der Dach aus feinsten Cakes bestand und die Windows gesugart waren.
Als sie einen Donut und einige Marshmallows vom Candyhouse abgebrochen und gegessen hatten, ertönte ein merkwürdiger Sound. Aus dem Background erklang eine Indoor-Voice:
„Crispy, Crispy, Cracker

 Wer macht hier einen auf Unauthorized Self Service?“ 
Die Kids gaben als Response:
„Crispy Crispy, Cracker,

 Stopp the elend Gemecker!“ 
Voller Fun enjoyten die Angehörigen der Fun Generation ihre Flat Rate Eating Experience und verschlangen immer mehr vom Candyhouse.

Da erschien auf einmal die Ownerin, eine hässliche alte Frau im Grunge-Look, wahrlich kein It-Girl, nichts für den Catwalk und erst recht nicht für Germanys Next Top Model. Eher etwas für nen guten Makeup-Artist mit viel Fantasy oder ne Beauty Clinic mit Capacity.
Die Frau, die lange schon keinen Ladyshaver gesehen hatte, bat die Kids zu sich in ins Haus, das sich als cooles Full Capacity Nutrition Fullfillment Center entpuppte.
Was die Kids nicht ahnten: Bei der Frau handelte es sich um eine Kidnapperin. Einen üblen Borderline-Maniac zudem, der für seine Cruelness bekannt und totally nuts war und bereits mehrere Kiddies in der Pantry Küche einer Killing & Eating Experience zugeführt hatte.
Gretel wurde zur Facility Managerin zwangsverpflichtet und musste zum harten Dienst am Wischmop antreten. Hänsel wurde hingegen in einen Special Cage gesperrt und dort zum andauernden Carboloading gezwungen, Schließlich wollte die Cannibal Lady ihn rund und dick machen und dann genussvoll verspeisen.
Um zu überprüfen, ob Hänsel bereits einen höheren Body Mass Index aufwies, musste er der perversen, aber sehschwachen Kidnapperin zum Beleg seiner Body Constitution den Finger für eine Sensual Experience entgegen strecken.
Doch Hänsel schob ihr stets den Slimline-Ballpen, den er in einem unbeobachteten Moment aus dem Office seines Daddys entwendet hatte, durch die Gitterstäbe. So vermutete die sehschwache Hijackerin, die weder über Eyeglasses noch Contact Lenses verfügte, die Carbo-Diet sei noch nicht angeschlagen.
Doch einige Wochen später verlor sie die Geduld, und es kam zum Showdown. Ihr Plan: Gretel den High Temperature Oven kontrollieren lassen, um sie in einem unbeobachteten Moment ins Feuer des Backofens zu schubsen und leckere Spare Ribs aus ihr zu machen.
Doch Gretel war nicht nicht nur smart, sondern auch clever, hatte die Falle erkannt und stieß die sehschwache Hexe mit einem „Gotcha“ in den Ofen, wo sie elendlich verbrannte.
Unter lautem Rufen von „Free Hänsel! Set him free!“, öffnete die schwesterliche Matchwinnerin seinen Cage und befreite ihn.
Welch ein Surprise: Im House of Horror erwartete sie das Highlight überhaupt. Mit dem dort liegenden Gold Treasure hatten sie den Jackpot erwischt!
Sie sackten alles ein und fanden wie durch ein Wunder den Weg zurück zur Home Base. Welche Freude: Die mobbende Stepmother war verstorben und ihr Daddie versprach ihnen – Lessons learned… – Besserung in Sachen Future.
Da hatten alle Sorgen ein Ende und dank des Jackpots starteten sie in eine New Econony durch.“

Ethik: Sarah Wieners Hühner 

Von „Der Graslutscher“

„Oh, auch schön!
Manchmal sagen Promis etwas so Steilvorlagiges, dass man vor lauter Verzückung gar nicht weiß, wo man anfangen soll, und sich als Schreiberling überlegt, für so was doch lieber einen YouTube-Channel einzurichten, weil das geschriebene Wort nicht genug Emotion pro Sekunde transportieren kann.
Wie immer das Löbliche zuerst: Sarah Wiener lässt die bei sich lebenden Hühner alle am Leben, obwohl sie gerne Hühnerfleisch im Mund hat. Die Begründung gerät dann wie so oft etwas whatthefuckesk. Zugegeben, Live-Interviews können eine glitschige Angelegenheit sein. Man passt kurz mal nicht auf und hat die Hälfte der Sendezeit nur „Kill Flanders!“ ins Mikrofon gebrüllt.
Es ist so: Sarah will die eigenen Hühner nicht töten, weil das „glückliche Wesen“ seien, die ihr immer nachrennen. Für den mit Hühnerfleisch aufgepeppten Christstollen holt sie sich daher immer ein paar Hühner bei ihrer Nachbarin, die sie sehr gut kenne (die Nachbarin, nicht die Hühner).
Erst einmal ein Tipp von mir an Sarahs Hühner: Hört bloß nicht auf, ihr hinterherzurennen, das kann böse enden! Ob die Hühner von Sarahs Nachbarin ihrem Schicksal entkämen, wenn sie ihr auch irgendwie hinterherrennen könnten? Ich könnte mir vorstellen, dass das grundsätzlich auch recht glückliche Tiere waren.
Tatsächlich dürfte das größte Hindernis für das Glück der Nachbarshühner ein mit hoher Geschwindigkeit auf den Hals dieser Tiere herabsausendes Beil gewesen sein. „Hey, meine Hühner esse ich nicht, die sind so glücklich, deswegen esse ich die toten Hühner von der Nachbarin, die wirken so geknickt.“ Mein Zynismus-Detektor ist gerade leicht überlastet.
Aber um die Kirche mal im Dorf zu lassen: Ein solches Set an Einstellungen ist uns Menschen von Geburt an einprogrammiert: Wir messen bestimmten Individuen mehr Bedeutung bei als anderen, auch wenn es keine objektive Grundlage dafür gibt, sondern einfach nur den Umstand, dass sie uns mehr oder weniger nahestehen.
In hiesigen Haushalten leben ja auch 13 Millionen Katzen und 8 Millionen Hunde, die fürstlich umsorgt werden, zum Pudel-Friseur dürfen (wobei ich mir nicht sicher bin, ob so ein Pudel das nicht nachhaltig ätzend findet) und Weihnachtsgeschenke bekommen. Bei Verletzungen oder Krankheit werden nicht selten hohe Beträge ausgegeben, während auf dem Tisch irgendein Stück Fleisch herumliegt, für das man die Aufzucht des Schweins auf Centbeträge hin „optimiert“ hat. Optimiert heißt hier, dass Kastrationen ohne Betäubung geschehen und jedes dieser Tiere eine Art lebendig-ins-Brühbad-Russisch-Roulette mit einer Chance von 3:1 spielt.
Und vom veganen Elfenbeinturm aus nehmen wir solch absurde Bewertungen vor: Im Gedankenexperiment vom „ertrinkenden Kind“ fragt Peter Singer, ob wir eben dieses ertrinkende Kind retten würden, wenn wir dazu in einen See waten müssten, wobei wir unseren 500 Euro teuren Anzug opfern würden. Die meisten Menschen würden nicht zögern, die Rettung ist ihnen dieser Schaden wert. Mit 500 Euro könnten wir aber auch jetzt und hier hunderte an Wurmkrankheiten leidende Kinder heilen, sie sind uns nur einfach nicht so nahe wie ein unmittelbar vor uns ertrinkendes Kind.
Sarah Wiener hat hier also nicht überdurchschnittlich zynisch gehandelt, sondern eher überdurchschnittlich zynisch formuliert. Ich plädiere insofern für etwas vorweihnachtlichen Frieden, auch für Hühner und Schweine, selbst wenn die uns nicht hinterherrennen wollen. Und für Kinder, selbst wenn die nicht zwingend direkt vor unseren Augen ertrinken, sondern in ein paar 1000 km Entfernung dringend ein Moskitonetz brauchen.
Und nächstes Jahr sagen wir Sarah eine Woche vor der Bestellung, wir hätten eines ihrer Hühner gegen eines der Nachbarin ausgetauscht. Das könnte interessant werden ;)“
Das ist ein Ranking der effektivsten Hilfsorganisationen (für $4,35 kann man ein Moskitonetz bekommen): http://www.givewell.org/charities/top-charities
Und das ist die Stiftung für Effektiven Altruismus, die auf solche Widersprüche aufmerksam macht: https://ea-stiftung.org/
und hier der Artikel zum Interview auf FFH: https://www.suedtirolnews.it/unterhaltung/leute/koechin-sarah-wiener-laesst-eigene-huehner-zu-weihnachten-leben

Die Kegelrobbe 

Von Peter Breuer 

„Die Kegelrobbe ist eines der wenigen Tiere, deren Figur (mit angelegten Flossen) man ohne weitere Nachbearbeitung aus einem Stück Birnenholz drechseln kann. Allerdings heißt sie gar nicht „Kegelrobbe“, weil sie sich in Neunerformationen am Ende von Holzbahnen aufstellt, sondern weil ihre Zähne ebenfalls kegelförmig sind. 
So possierlich und gemütlich die Kegelrobbe mit geschlossenem Mund aussieht, so grauenerregend ist der Blick in ihren geöffneten Schlund. Bis vor fünf Minuten ging ich davon aus, dass Kegelrobben mit mahlenden Bewegungen lediglich den ein oder anderen zu langsamen Fisch verzehren, aber diese Tiere können mit ihrem monströsen Gebiss ein Ruderboot in einen wertlosen Haufen Späne verwandeln. Tun sie natürlich nicht, aber sie könnten. Und sie werden immer mehr: 317 Geburten hat der Verein Jordsand im vergangenen Winter gezählt und in der aktuellen Wurfsaison liegen jetzt schon über 145 neue Jungtiere auf der Helgoländer Düne. Die Tierschützer freuen sich, aber seit ich eben die Zähne der Kegelrobbe gesehen habe, sind das für mich erschreckende Zahlen!
Ich könnte meine neue Phobie kleinreden und einfach beschließen, nie wieder in der Nordsee zu schwimmen. Was an meinem Leben nicht so viel ändern würde. Allerdings neigen die Kegelrobben auch zu Ausflügen in die Elbe: Erst vor fünf Wochen sind Kegelrobben auf einer Sandbank im Hamburger Westen gesichtet worden. Wie jeder weiß, können Kegelrobben auch ohne Probleme bis zu einer Woche an Land verbringen. Sie hätten also Muße, mir in Ufernähe aufzulauern, was besonders gefährlich wäre, da sie in Rudeln jagen. Ich hasse das Internet.“

#Popmusik: Kohlrübenwinter in Huxleys

Von Thomas Blum

Abgehobene Arschmusik
Heute Abend im Huxley’s: Pisse und Sleaford Mods
Gewöhnlich klingen die Titel neu erscheinender Popmusikalben ja immer ein wenig so, als seien sie von den fiesen Werbeagenturensöhnen der CDU im Wachkoma erdacht worden. Ein bisschen schmierig, ein bisschen menschelnd, ein bisschen nach Weichzeichner, nach deutschnationaler Rama-Familie und verordnetem Optimismus: »Seelenbeben«, »Muttersprache«, »Von Mensch zu Mensch«, »Immer noch Mensch«, »Die Leichtigkeit des Seins«. Oft handelt es sich um Musik, von der man schon ahnt, dass sie durchweg verkitscht, vergrönemeyert oder verstadionrockt daherkommt. Es sind Plattentitel, die einen, wenn man sie liest, dazu bringen, den vorliegenden Datenträger erst einmal auf seine Tauglichkeit als akustischer Kampfstoff zu überprüfen bzw. ihn, noch vor dem Anhören, einfach gleich an Beatrix von Storch zu schicken.
Da ist es erholsam, wenn eine Platte einmal anders heißt als eine neue Parfümsorte oder ein Reklameslogan eines Versicherungskonzerns oder eines Eierlikörherstellers. »Kohlrübenwinter« zum Beispiel ist ein guter Titel für eine Schallplatte bzw. für zwei sogenannte 7-inches, also Platten im Single-Format, »Kohlrübenwinter 1« und »Kohlrübenwinter 2«. Erzwungene Askese, Vor- bzw. Nachkriegszeit, Massenverelendung. Ein unserer Gegenwart angemessenerer Titel also. »Kohlrübenwinter«, so heißen die neuen Singles einer Gruppe mit dem schönen Namen Pisse. Die Titel der auf den Schallplatten zu findenden Stücke fügen sich überaus geschmeidig in eine den gegenwärtigen kapitalistischen Realismus abbildende Gesamtästhetik: »Alt sein«, »Dienstleistungsgesellschaft«, »Armes Schwein«, »Hundegelatine«. In »Alt sein« heißt es: »Ich möchte alt sein / Mit einem Krückstock / Will ich einschlagen / Auf den Fahrkartenkontrolleur / Und wenn ein Mädchen / Mich anlächelt / Dann ist’s mir gleich / Denn dieser Fisch laicht nicht mehr // Ich möchte alt sein // Ich möchte schimpfen / Auf die jungen Leute / Und ihre Scheißwelt / Denn es wird alles immer schlimmer.« Eine zwar subjektive, insgesamt aber sehr gelungene Gegenwartsanalyse, wie man sie gewiss weder bei Durs Grünbein noch bei Tim Bendzko oder Andrea Berg finden wird. Gut möglich also, dass Pisse die derzeit drittbeste Band hierzulande ist. Zu dieser Ansicht jedenfalls würde ich mich versteigen. Wenngleich das Urteil des sich fachkundig gebenden Hannoveraner Fanzines »Human Parasit« eher negativ ausfällt (»Kunstmist fürs Kulturbüro«, »schwachsinnige Ostcombo«, »abgehobene Arschmusik«).
Die aus Leipzig, Berlin oder Hoyerswerda – die Band selbst äußert sich da widersprüchlich – stammende Musikformation Pisse wird heute Abend in Berlin ihr Liedgut live darbieten, und zwar gemeinsam mit den britischen Kollegen von Sleaford Mods, die mit Begriffen, die Körperausscheidungen und -öffnungen bezeichnen, auch nicht sparen und zu denen in dieser Zeitung bereits Informatives zu lesen war: »Die zwei Männer mit ihren an den Händen festgewachsenen Bierflaschen sind tendenziell nicht einverstanden. Nicht mit dem vom entfesselten Kapitalismus hergestellten desolaten Zustand Englands (…) und vermutlich auch mit allem anderen nicht.«
Konzert: Pisse & Sleaford Mods, 24.11., 20.30 Uhr, Huxley’s Neue Welt, Neukölln

#Neukölln: Philosophieren unerwünscht

​von Thomas Blum

„Nich’ ßum Vajnüjen untawegs

Auf dem Bahnsteig des Neuköllner U-Bahnhofs Karl-Marx-Straße, den man erstaunlicherweise vor über 20 Jahren vergessen hat, in U-Bahnhof Eberhard-Diepgen-Straße umzubenennen, streifen zwei sich allem Anschein nach langweilende Angestellte des sogenannten Sicherheitsdienstes der Berliner Verkehrsbetriebe umher. Es ist kurz nach Mitternacht. Offenbar sind sie auf der Suche nach einem leichten Opfer, einem Menschen, den sie dafür anbrüllen und piesacken können, dass er unerlaubterweise seine müden Beine auf einem der zum Sitzen oder Kauern völlig ungeeigneten Metallgestelle abgelegt hat, sich heimlich entspannt oder gar in bösartiger Absicht ein Kaugummieinwickelpapierchen fallen lässt.

Also schreien sie, weil gerade kein anderer da ist, in ungehobelter Weise das faltige, kleine Männlein an, das 20 Meter entfernt von mir auf einer Bank eingenickt ist. »He, Freundchen! Dit is’ hia keen Freizeitpaak!«
Die beiden uniformierten BVG-Schergen – anhand ihrer Umgangsformen und ihres auf geistige Windstille hinweisenden Mondkalbgesichtsausdruckes sofort als Vertreter jener Sorte Mensch erkennbar, die ohne nachzudenken alles tut, was ihr gesagt wird – sprechen mit dem anfangs verstört und orientierungslos wirkenden Großväterchen, das da auf der Bank eingeschlafen war, als handle es sich bei ihm nicht um ein menschliches Wesen, sondern um eine Art dreidimensionalen Schmutzfleck. Darin besteht der Job der breitbeinig herumstolzierenden Hilfssheriffs, die ihr Walkie-Talkie bisweilen drohend hin- und herschwenken wie eine Keule: eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen, Menschen zu kujonieren und zu demütigen, die noch nicht vollständig eingenormt sind in die verwaltete Welt oder noch störrisch genug, die Teilnahme an der totalen Betriebsamkeit zu verweigern. Menschen wie den erwähnten älteren Herrn, der eine recht zerfledderte Ausgabe der »Deutschen Ideologie« von Karl Marx auf seinem Schoß liegen hat und der von den beiden Wachmännern ohne erkennbaren Grund zum Verlassen des Bahnhofs aufgefordert und obendrein geduzt wird.
»Alta, hia kannste nich’ schlafn! Mach ma’ hinne!«
»›Wer von sei’m Tach nich’ zwee Drittel für sich selbst hat, is’ n Sklave‹, sacht Nietzsche. Kennse den, den Nietzsche? Oder den Kalle Marx?«, erwidert der Angeschriene schüchtern und zeigt mit dem Finger auf das Schild, das den Namen des U-Bahnhofs ausweist. »Schon der Dichta Thomas Mann hat …«
Doch noch bevor das angetrunkene Männlein seine Erörterungen fortsetzen und seine Peiniger über die Nietzsche-Rezeption des Literaturnobelpreisträgers in Kenntnis setzen oder gar berühmte Stellen aus dem »Zauberberg« oder der »Geburt der Tragödie« rezitieren kann, wird ihm seine Bierflasche aus der Hand genommen. Dann wird es rüde zurechtgewiesen: »Wat redste da für jeschwoll’net Zeuch? Jetz’ mach ma’ halblang hier. Wir sind hier nich’ ßu unsam Vajnüjen untawegs. Jetzt is’ Feiaahmd hia! Abmarsch jetze! Zackzack!«
Der solcherart Angegangene könnte auf einen Zug warten, kein Obdach haben oder tatsächlich zu seinem Vergnügen hier sitzen. Um ein wenig seinen Gedanken nachzuhängen, sich einen Schluck Bier einzuverleiben, ein wenig über die Junghegelianer zu sinnieren, ein wenig zu dösen. Solcherlei Treiben und aggressives Plappern von jeschwoll’nem Zeuch aber ist auf einem U-Bahnhof der Weltkulturhauptstadt Berlin nicht vorgesehen, nicht gestattet, nicht marktkonform, nicht vereinbar mit den Beförderungsbedingungen der BVG. »Berlin ist mehr ein Weltteil als eine Stadt«, wie der Dichter Jean Paul es einmal treffend formuliert hat, und man ahnt, was er damit gemeint haben könnte. Anders gesagt: Wir sind hia nich’ ßu unsam Vajnüjen untawegs. In Berlin zu leben hat Arbeit, Knechtschaft und Verdruss zu sein. Ein U-Bahnsteig ist kein Vorlesungssaal, kein Aufenthaltsraum für Literaturschwatzbudenbetreiber, Philosophie-Penner und andere Störer, die meinen, sie müssten Nietzsche zitieren und damit unschuldige Wachschutzleute provozieren. Wäre ja noch schöner, wo kämen wir denn da hin?
»Dit Bewusstsein is’ keene präexistente Katejorie«, sagt der Mann noch. Dann schleifen ihn die sogenannten Sicherheitsdienstler unsanft die Treppe hoch, und er ist nicht mehr zu verstehen.“