Von der frechen Aneignung öffentlichen Raums

Ich hab da so meine Laufwege. Jeden Tag marschiere ich die Danziger rauf und runter. So zwischen Prenzlauer und Eberwalder bis zum Mauerpark.

Plötzlich, und das nicht nur einmal, versperren mir Fahrräder den Weg. Sie sind so plaziert, dass man kaum elegant vorbei kommt, ohne auf den Radweg ausweichen zu müssen, um dann Gefahr zu laufen, von einem der Zweiradraser erfasst und mitgenommen zu werden.

Die dort frech mitten auf dem Bürgersteig aufgestellten Fahrräder sind Mieträder von den bereits unzähligen kleinen Betreibern von Fahrräder zum Mieten. Sie brauchen keine festen Stationen mehr, sondern werden penetrant in die Laufwege der Fussgänger gestellt.

Nun ist eine Stadt des Fahrrads sehr zu begrüßen, sofern die Entwicklung weg vom Auto geht und man es spürbar merkt, dass die Straße leerer wird. Aber die kommerzielle Nutzung von öffentlichen Räumen auf Kosten der schon durch Baustellen und widerrechtlich auf dem Gehweg fahrenden Fahrradfahrer, durch breite Kinderwagen und das Aufstellen von Tischen und Stühlen diverser Restaurants im Freiraum der Fussgänger stark eingeschränkten Bürgersteige abzulehnen.

Wir hatten mal bei uns eine Diskussion um eine kommerzielle public viewing Geschichte, wo ein Veranstalter Teile des Thälmannparkes für die Übertragung von Fussballspielen der Europameisterschaft nutzte und viele Anwohner sich aufregten und sich fragten, wie so etwas möglich ist und wer das genehmigt hat. Ich fand die Idee dieses Fussballfestes damals ziemlich gut und hatte wenig Verständnis für die besorgten Bürger. Heute sehe ich das anders.

Die Aneignung von öffentlichen Räumen ist eine sehr emanzipatorische Aktion mündiger und selbstbewusster Bürger. Sie ist zu begrüßen und zu fördern.

Wenn aber der seit Jahren immer mehr verschwindene öffentliche Raum auch noch massiv kommerziell genutzt wird und das der Trend der neuen Zeit wird, werden sich die Fussgänger bald ziemlich auf die Zehen treten und für klaustophobisch veranlagte Mitmenschen, wie mir, werden düstere Zeiten anbrechen.

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Auslöschung

Ich steuer auf meine Auslöschung zu. Es fühlt sich unausweichlich an. Mein letzter Sommer. Ich bin fertig mit dieser Welt, die mich nur noch als Beobachter interessiert. Zu Verstellung und Entgegenkommen fehlt mir ein für allemal die Lust. Ich fühle zu nichts Neigung, was sie behaupten, ihre Forderungen, Aktivitäten und Zwecke kommen mir allesamt so verkehrt vor. Da ist nichts, wo ich hin will. Alles, wovon ich weg will. So viele Baustellen. Die Tapete fällt von der Wand. Die Badtür knarrt. Der Mann liegt neben mir und weint, wenn ich ihn berühre. Das einzige, was mich erfüllt, ist Schlaf und Flucht und Netflix. Und wenn ich erwache, beginnt der Alptraum. Die Schwere hält mir noch Stunden die Augen zu und wird mit jeder wachen Minute, die den Schlaf herbeizwingen will, größer. Und ist beim Zwang zu erwachen so groß, dass ich meine tägliche Routine nicht schaffe und nicht einmal eMails überfliegen kann, die sich seit Tagen zu Ungeheuern auftürmen. DSGVO. Panik(mache). Ich suche den geringsten Widerstand, kämpfe das Gefühl, jede Bewegung sei sinnlos, nieder und produziere Content für eine Website, die mit mir zusammen ausgelöscht wird und nur als Ersatzbefriedigung taugt. Recherche, Fakten, Copy&Paste, bloß keine Meinung – vor der graut mir. Kaffee, Toast, Trailer, Frühstück um Vier. Cast, Tags, Synopsis, Copy, Paste. Bis es dunkel wird und die Nacht mich wieder entspannt. Ich darf schlafen. Warum nicht für immer?

wie ich leben soll
weiß ich nicht mehr
waren wir doch teile voneinander halt und orientierung
das ich allein im grunde gar nicht zu denken bin

Brunch ist schwul

Von Kuku Schrapnell

D e r B r u n c h !
Ich liebe ihn, den Brunch. Zwanglos schiebt er sich zwischen die notwendigen Mahlzeiten wie Kaffee (morgens) und irgendwas mit Kohlenhydraten (mittags).

Eine Zeit, in der die meisten Menschen arbeiten oder daran denken, dass sie arbeiten müssten. Aber wer bruncht steht außerhalb. Brunchen ist das neue Flanieren, nur dass man sich aussuchen kann, wen man so trifft, und man sich zum Glück nicht bewegen muss.

Statt zu verwerten, wird alles entwertet. Drei Netze Orangen pressen, aber nicht für die Gesundheit, sondern um zehn Flaschen Sekt drauf zu gießen.

Nach dem ersten großen Gefresse, wo geklaute getrocknete Tomaten, ja! Lachs und die klassischen Senfeier im Mittelpunkt stehen, folgt die erste Pause und alle lästern erstmal los, um Kalorien zu verbrennen.

Dann kommt die zweite Runde mit Nutella oder authentischer Ovomaltine. Vielleicht auch schon mal ein kleines Likörchen oder Aperol Spritz (hehe).

Auch wieder Gespräche über Sexgeschichten, Lästereien und immer schlechtere Wortspiele (hehe Neapel liegt am Fuß des Vesulva hehehehehehehe). Das wiederholt sich dann bis zum frühen Abend bis plötzlich alle laut Time To Say Goodbye singend los müssen und ein heilloses Chaos hinterlassen.

Das alles führt dazu, dass viele Menschen glauben nur Schwule würden brunchen. Das ist aber genau falsch herum gedacht: Während des Brunches sind alle schwul. Brüder und Schwestern, lasset uns brunchen!

Kaluschkis

Meine Oma kommt aus Rumänien. Sie war Siebenbürger Sächsin oder vielleicht auch Donauschwäbin aus dem nördlichen Banat. Als sie sich in Wildenbruch bei Potsdam niederließ und ich sie später als ihr Enkel kennenlernen dürfte, kochte sie immer Kaluschkis. Auf dem mit Holz abgefeuerten alten Herd stand dieses wunderbare Gericht die ganze Woche lang und köchelte vor sich hin. Je länger es so köchelte, um so besser wurde es. Das lag am Sauerkraut. Die gefüllten Krautwickel, in denen man Schweinehack, kräftig mit Kümmel und Knoblauch abgeschmeckt und mit gekochtem Langkornreis vermischt, vorfand, nahmen den Sauerkrautgeschmack immer mehr an. Mit einem Stück guter Butter wurde es perfekt für eine tiefgreifende Kindheitserinnerung.

Heute habe ich versucht, für die Kinder in meiner Schule es nachzukochen, um nach über 

50 Jahren an meine Oma zu erinnern. Es ist mir leidlich gelungen, den meisten hat es geschmeckt und mich hat es in eine sehr melancholische Grundstimmung hinein katapultiert. Dafür hat sich der Tag doch gelohnt.

M10

Von Felix Bartels

„Die M10 ist eine wunderbare Sache. Sie führt mich direkt von meiner alten Wohnung zum Hauptbahnhof, und zwar im 5-Minuten-Takt. Früher fuhr sie alle 10 Minuten, und umsteigen musste ich auch noch. Die höhere Frequenz heute hat zur Folge, dass mir praktisch immer eine M10 vor der Nase wegfährt, wenn ich die paar Schritte zur Haltestelle gehe. Natürlich kommt auch schneller eine nach, doch kann dieser Umstand das Gefühl, die vorige verpasst zu haben, nicht aufheben. Seltsamerweise macht es nicht glücklicher, schneller die Bahn zu bekommen, wenn man dafür häufiger Bahnen sieht, die man nicht bekommt. Fortschritt ist im Grunde viel zu schade für den Menschen.“

Bloß nicht alt!

Von Leander Sukov

Die Freuden des Alters 

(Monolog. Es tritt auf: Der alte Hans) 
Neulich habe ich etwas Merkwürdiges gelesen. ‚Die Freuden des Alters‘ hat einer einen Artikel genannt – die Freuden des Alters. Dass ich nicht lache. Die Freuden des Alters. Welch eine unwürdige Beleidigung. 
Als gäbe es Freude über das Altwerden. Ich bin alt. Ich freue mich nicht darüber. Weiß der, wie es ist, in der falschen Zeit jung gewesen zu sein? Für ihn war´s vielleicht nicht die falsche. Für ihn vielleicht. Aber für mich. Zehn Jahre jünger als ich ist der. Siebzig. Zehn Jahre, die zählen. Wie Goldbarren oder wie Bleistücke. 
Als ich Zwanzig war, 1942, als ich hätte lieben können, und lachen, und glücklich sein und ruhig und sicher und meinetwegen ängstlich, aber nicht voll Todesangst, da haben die Städte gebrannt und ich habe Menschen getötet, weil ich zu feige war, mit mir selber Schluss zu machen oder die Fronten zu wechseln oder irgendetwas zu tun, um keine Menschen zu töten. 
Als ich Zwanzig war, da haben wir alle, da haben alle, die so alt sind wie ich, Juden vergast und Zigeuner, da haben wir Kommunisten erschlagen und Sozialdemokraten und Homosexuelle. Da haben wir alle, alle, die so alt sind wie ich, Blut und Blei regnen lassen über fremdem Land. Das war als ich jung war.
Und als ich Fünfundzwanzig war, da haben wir Hunger gehabt und Durst nach Freude, aber es gab keine Erlabung. Da haben wir die Strassen und die Städte, die Flüsse und die Häfen vom Schutt unserer Verbrechen gereinigt. Wir aber sind schmutzig geblieben. Wir haben die Erinnerung an unsere Verbrechen mit dem Schutt und den Leichen aus unserem Gedächtnis schaufeln wollen. Doch wohin, wohin nur…
Wenn ich durch Hamburg gehe, dann erinnere ich mich. So als ob es gerade erst geschehen ist. Erinnere ich mich an die Juden, die auf der Moorweide zusammengetrieben wurden und ich erinnere mich an die brennende Stadt, ich erinnere mich, obwohl ich mich nicht erinnern will. Nein, nein. Ich habe keine Angst vor der Erinnerung an die Taten, deren Täter auch ich war. 

Ich will nicht daran erinnert werden, dass das meine Jugend war. Denn dann erinnere ich mich auch daran, dass ich alt bin. Und manchmal vergesse ich das. Dann bin ich nicht mehr alt. Dann fühle ich mich ohne Zahl. Dann will ich nicht zurückgerufen werden in die Nummer meiner Jahre. Will nicht. Will nicht. Will nicht. Hört Ihr. Ich will nicht alt sein und darum darf ich mich nicht daran erinnern, jung gewesen zu sein, damals jung gewesen zu sein. Denn meine Jugend, ihre Lage in der falschen Zeit, hat mir mein Leben gestohlen. Weggenommen, verbrannt, verdorben. 
Die Freunden des Alters. Welch eine groteske Albernheit. Als ich dreißig war, 1952, da war das Leben grau lackiert. Da gab es im Leben kein Leben. Alles war wie tot. Aber friedlich. 
Und die Filme. Seht Euch die Filme von damals an. Romanzen in der Heide. Gutsbesitzer und arme Stadtkinder. Manchmal auch in den Alpen. Heide und Alpen. Alpen und Heide. Und die Musik. Ein bisschen Swing noch. Zehn Jahre vorher ist man dafür ins Konzentrationslager gekommen. Jetzt haben die BDM-Mädels mit den SS-Angehörigen danach getanzt. 

Und ich habe geheiratet. Die Erstbeste, und sie hat mich geheiratet, weil es sich so gehörte. Man hatte verheiratet zu sein. Ordentliche Leute haben geheiratet. Und dann haben wir am Ersatzleben gearbeitet. Haben uns abgearbeitet für ein Plagiat. Als ich vierzig war, 1962, da haben wir Fernseher gehabt und Auto und Kinder. Die haben wir für das Plagiat erzogen. Wie ich mich schäme. Wie ich mich schäme für das, was ich ihnen angetan habe mit dieser Erziehung zur Ordentlichkeit. Man muss in Deutschland Ordentlichkeit mit Drei Rs sprechen: Orrrdentlichkeit. Wie auf dem Kasernenhof. Ich ekele mich vor meinem Leben. 
Als ich zwanzig war und schon ein paar Erfahrungen mit Sex hatte, Pissoir und Kriegskamerad, da wollte ich meine Sexualität leben. Aber ich konnte nicht. Ich war mir sicher, sie würden mich abholen und einsperren, wenn ich es versuchte. Also habe ich es gelassen.
Als ich dreißig war und der Alte vom Rhein eine mausgraue Republik regierte, da habe ich versucht, meine Träume zu erleben. Nachts, in den Parks. Aber es war nicht, was ich suchte. Man sprach nicht über Sex, wisst Ihr, man sprach einfach nicht darüber. Stumm lief man in sein Unglück. Wer nicht fragen darf, bekommt keine Antwort. Es gehörte sich nicht, zu fragen. Also tat ich es nicht. Und war verheiratet und fickte meine Frau am Sonnabend nach dem Bad – Pflichterfüllung. Bis die Kinder kamen. Dann musste ich nicht mehr ficken.  Es hat uns nicht gefehlt. Die Pflicht war erfüllt.
Siebenunddreißig Jahre hat es noch gedauert. Dann ist sie gestorben. Tot. Abgetreten. Ich: einsam, traurig. Habe bei den Kindern rumgelungert und bin viel in Kneipen gegangen. Eigentlich war ich 1988 nur besoffen. Morgens, mittags, abends. Sonst konnte ich nicht schlafen. Dann habe ich mich in der Szene rumgetrieben. Habe mich hinein gestürzt, wie man so sagt. Da war ich 66 Jahre alt, bald 67. Ein angehender Greis. Viel gelaufen ist nicht. Und doch mehr als in meinen ganzen Leben vorher. Aber ich war ja schon alt. Schrecklich, unumkehrbar alt. So alt wie jetzt. Die paar Jahre machen keinen Unterschied, oder ich kann ihn nicht fühlen. Ich will jung sein, wieder jung sein. Ich will nicht, dass ich erst mit 66 glücklich gewesen bin. Ich will jung sein und 66 Jahre lang glücklich sein. Ich will nicht alt sein, ich will nicht alt sein.
ca, 2004 für R. der auf meinen Blättern zweimal der „alte Hans“ wurde.

Ordnung muss sein! „Aber ich schweife ab“

Von Labbi Chester 

Lieber Herr Polizeipräsident in Berlin: ich muss Ihnen da mal was erzählen, was mir passiert ist. Also – ich muss dazu ein wenig ausholen, damit Sie mein Dilemma auch verstehen können. Ist alles nicht so einfach – ist sogar sehr kompliziert. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht – na, Sie werden schon sehen und eine Lösung finden, Sie sind ja der Präsident und Präsidenten können sowas. Quasi alleine schon deshalb, weil sie eben Präsident sind – aber ich schweife ab.
Also: Es war so. Mein Chef, der ist mit meinem Auto auf der Autobahn gefahren und in einer Baustelle hat es gestaut und er hat gebremst, und der vor ihm auch und der hinter ihm auch, aber der nochmals dahinter nicht. Und danach sah mein Auto ein bisschen aus wie ein Schifferklavier wenn Sie verstehen, was ich meine. Also hinten gefaltet und vorne auch. Ich war da nicht drin, und ich konnte auch danach nicht einsteigen, weil – hinten kaputt, Sie verstehen, und ich sitze doch so gerne ganz hinten – aber ich schweife ab.
Langer Rede, kurzer Sinn – das Auto war hin. Also richtig hin, so, dass man damit nicht mehr fahren darf. Sagt der Mann vom TÜV und der muss es ja wissen, ist ja ein Sachverständiger. Und nett war er auch – aber ich schweife ab.
Jetzt ist das mit kaputten Autos so, dass man sie ersetzen muss auch wenn man nicht will und man bekommt von der Versicherung natürlich kein neues, und einen überhöhten Restwert ziehen sie einem auch noch ab die – aber ich schweife ab. Überführen durfte man das Auto noch, hat der Mann vom TÜV gesagt und so haben wir gemeinsam, mein Chef und ich das Auto überführt irgendwohin in den Norden, wo man ganz in der Nähe in Polen spazieren gehen kann – aber ich schweife ab.
Und zurückgekommen sind wir – Taraaa! – mit einem anderen Auto und zwar mit einem richtigen Labbimobil. Also so ein richtiges Auto für mich: bisschen höher, bisschen rustikaler – halt so, Sie verstehen schon. Und dieses andere Auto hatte auch einen Test bestanden, TÜV sagt man dazu und also konnten wir das Auto von dort wo wir es gekauft haben nach Berlin fahren. Also so einfach natürlich nicht, man braucht dazu ein Kurzzeitkennzeichen – das ist nur 5 Tage gültig und ein Tag geht schon drauf, bis man es bekommt. Zwei Stunden anstehen für eine Nummer, die einem sagt, dass man vier Stunden später das Kennzeichen bekommt – bzw. halt kaufen kann. Von wegen bekommen – ha ha, aber das wissen Sie ja.
Mit so einem Autokennzeichen darf man also überführen – und das muss man, weil – man muss das neue Auto ja anmelden. So auf der KFZ-Prüfstelle – zulassen. Genau: zulassen heißt das. Man muss das Auto zulassen.
Berlin? KFZ zulassen? dämmert’s – ich warte mal, bis alle fertig gelacht haben. Der Spruch „Ich lasse mein KFZ in Berlin zu“ ist so lustig, dass man dafür in jeder Berliner Eckkneipe eine Lokalrunde KR23 kostenlos aufs Haus kriegt. Aber ich schweife ein wenig ab.
Also nix mit einfach zulassen: Auto gekauft am 18.8. – und die nette Dame von der KFZ-Stelle blättert und findet auch einen schnellen Termin. Irgendwann im September – aber wenigstens im September 2017. So rund 5 Wochen später als wir das Labbimobil gekauft haben. Nun müsste man das neue Fahrzeug ja innerhalb von 14 Tagen zulassen. Dieser Treppenwitz stammt ja nicht von uns, den haben Sie gemacht. 14 Tage! KFZ zulassen! in Berlin!

Ich warte mal, bis alle fertig gelacht haben – 14 Tage! Wenn Sie das in der Eckkneipe sagen, bekommen Sie noch kostenlos einen Bommerlunder obendrauf. Aufs Haus. Oder zwei. Mindestens. Aber ich schweife ab.
Die Sache ist nämlich die: Wenn man das Auto zugelassen hat, dann bekommt man die Papiere (viele) und eine Umweltplakette (eine). Und die ist grün (in unserem Fall – weil: isn Benziner… aber ich schweife ab).
Wir wollten natürlich nicht solange warten – schließlich wollten wir dem Gesetz Genüge tun und das neue Labbimobil schnellstmöglich ordnungsgemäß anmelden, weil man das muss und weil wir ja auch fahren wollen. Jetzt gibt es da so Stellen, die können etwas, was die Mitarbeiter auf der KFZ-Prüfstelle nicht können (oder nicht wollen): in 5 Tagen ein KFZ zulassen. Punkt. Ende. Aus. Das geht! Aber kostet – 200 Ocken! Hallo! 200 Euro – zusätzlich natürlich. Ich wette, die behalten nur die Hälfte und die andere Hälfte geht an – aber ich schweife ab. Gut, haben wir gemacht. Geld investiert. 200 Euronen. Damit wir das bekommen, was man eigentlich sowieso bekommen sollte: Zulassungspapiere und eine grüne Umweltplakette – die kostet nochmals extra. So ein Abziehbildchen ist aber auch teuer. Wie auch immer.
So, und jetzt komm ich zur Sache. Während wir also auf die Zulassungspapiere warten steht mein Labbimobil mit Kurzzeitkennzeichen (noch nicht mal abgelaufen) auf einem Parkplatz. Ordnungsgemäß möchte ich betonen. Schön zwischen zwei weißen Linien und bei mir umme Ecke. Da muss man auch kein Geld einwerfen – aber ich schweife ab.
Und es begab sich nun im Jahre des Herrn 2017 dass zwei Ordnungsamt-Mitarbeiter morgens loszogen um ihres Amtes zu walten und von Amts wegen für Ordnung zu sorgen. Und ich kann mir vorstellen, was dann passiert ist:
Da laufen die beiden – es sind ja immer zwei: einer kann lesen, der andere kann schreiben – die Straße entlang, immer auf der Suche nach Unordnung, die sie beheben können. Ist ja ihr Job. Und dann sieht der eine – der, der lesen kann – unser Auto. Und weils so ein schönes ist, schaut er es ganz genau an und irgendwas stört ihn, er sieht nochmals hin. Ganz genau. Und dann überkommt ihn die Erleuchtung wie zu Pfingsten die Jünger: „Kiek mal Keule“ sagt er zum anderen – der, der schreiben kann „dit Wägelchen hat ja keene jrüne Umweltplakette, wa!“ Keule kuckt und sieht auch nichts. „Haste recht, wa!“ sagt Keule. „Dit je jar nich!“ sagt der Schreiber „Dit is een Straftatbestand wenn nich jar ne Ordnungswidrigkeit!“ und Keule nicht zustimmend. Und dann beschließt der Schreiber, dass man da was dagegen unternehmen müsse und zwar in Form eines Knöllchens. Also kniet er sich hin und diktiert – weil er lesen kann – dem Schreiberling das KFZ-Kennzeichen ins grüne Notizheft: B-041452. Schreiber-Keule notiert. Zwar kommt dem Leser das Kennzeichen irgendwie komisch vor, auch dieser neckische gelbe Streifen rechts mit den drei Zahlen kann er sich irgendwie nicht erklären. Aber was solls, darum geht’s ja auch nicht, es geht um die fehlende Umweltplakette. Der Schreiber notiert präzise und füllt das Knöllchen aus: „fehlende Umweltplakette“. Und diesen grünen Schein klemmen sie dann unter den Scheibenwischer. Zufrieden gehen sie weiter, im Wissen, dass sie etwas Ordnung in diese Stadt gebracht haben.
Jetzt frage ich Sie, lieber Herr Berliner Polizeipräsident: Wenn ich eine Umweltplakette erst dann bekomme, wenn ich das Auto angemeldet habe – aber nicht bei einem Kurzzeitkennzeichen, wie sollte dann auf der Scheibe eine Umweltplakette kleben? Hä? Nicht nur, dass sie nicht kann – sie darf noch nicht mal, man soll sich diese Dinger ja nicht selbst malen und sagen Sie selbst:  Haben Sie schon mal eine Umweltplakette mit einem 5-Tage gültigen KFZ-Kennzeichen gesehen? Ne? Dachte ich es mir noch fast. Jetzt haben also Pat und Patachon ein Fahrzeug mit Kurzzeitkennzeichen gefunden, festgestellt, dass es keine Umweltplakette hat – nicht festgestellt, dass es keine haben kann und auch keine haben darf und kurzerhand ein Knöllchen ausgestellt. Ähm… ich stelle fest: zwei Köpfe machen nicht zwingend doppelt klug, sie können auch doppelt doof machen.
Ich finde, Sie, lieber Herr Polizeipräsident, sollten dafür sorgen, dass das Ordnungsamt dazu übergeht, den Zweierteams in Zukunft einen dritten Mann zur Seite zu stellen. Am besten einer, der denken kann.