#Popmusik: Kohlrübenwinter in Huxleys

Von Thomas Blum

Abgehobene Arschmusik
Heute Abend im Huxley’s: Pisse und Sleaford Mods
Gewöhnlich klingen die Titel neu erscheinender Popmusikalben ja immer ein wenig so, als seien sie von den fiesen Werbeagenturensöhnen der CDU im Wachkoma erdacht worden. Ein bisschen schmierig, ein bisschen menschelnd, ein bisschen nach Weichzeichner, nach deutschnationaler Rama-Familie und verordnetem Optimismus: »Seelenbeben«, »Muttersprache«, »Von Mensch zu Mensch«, »Immer noch Mensch«, »Die Leichtigkeit des Seins«. Oft handelt es sich um Musik, von der man schon ahnt, dass sie durchweg verkitscht, vergrönemeyert oder verstadionrockt daherkommt. Es sind Plattentitel, die einen, wenn man sie liest, dazu bringen, den vorliegenden Datenträger erst einmal auf seine Tauglichkeit als akustischer Kampfstoff zu überprüfen bzw. ihn, noch vor dem Anhören, einfach gleich an Beatrix von Storch zu schicken.
Da ist es erholsam, wenn eine Platte einmal anders heißt als eine neue Parfümsorte oder ein Reklameslogan eines Versicherungskonzerns oder eines Eierlikörherstellers. »Kohlrübenwinter« zum Beispiel ist ein guter Titel für eine Schallplatte bzw. für zwei sogenannte 7-inches, also Platten im Single-Format, »Kohlrübenwinter 1« und »Kohlrübenwinter 2«. Erzwungene Askese, Vor- bzw. Nachkriegszeit, Massenverelendung. Ein unserer Gegenwart angemessenerer Titel also. »Kohlrübenwinter«, so heißen die neuen Singles einer Gruppe mit dem schönen Namen Pisse. Die Titel der auf den Schallplatten zu findenden Stücke fügen sich überaus geschmeidig in eine den gegenwärtigen kapitalistischen Realismus abbildende Gesamtästhetik: »Alt sein«, »Dienstleistungsgesellschaft«, »Armes Schwein«, »Hundegelatine«. In »Alt sein« heißt es: »Ich möchte alt sein / Mit einem Krückstock / Will ich einschlagen / Auf den Fahrkartenkontrolleur / Und wenn ein Mädchen / Mich anlächelt / Dann ist’s mir gleich / Denn dieser Fisch laicht nicht mehr // Ich möchte alt sein // Ich möchte schimpfen / Auf die jungen Leute / Und ihre Scheißwelt / Denn es wird alles immer schlimmer.« Eine zwar subjektive, insgesamt aber sehr gelungene Gegenwartsanalyse, wie man sie gewiss weder bei Durs Grünbein noch bei Tim Bendzko oder Andrea Berg finden wird. Gut möglich also, dass Pisse die derzeit drittbeste Band hierzulande ist. Zu dieser Ansicht jedenfalls würde ich mich versteigen. Wenngleich das Urteil des sich fachkundig gebenden Hannoveraner Fanzines »Human Parasit« eher negativ ausfällt (»Kunstmist fürs Kulturbüro«, »schwachsinnige Ostcombo«, »abgehobene Arschmusik«).
Die aus Leipzig, Berlin oder Hoyerswerda – die Band selbst äußert sich da widersprüchlich – stammende Musikformation Pisse wird heute Abend in Berlin ihr Liedgut live darbieten, und zwar gemeinsam mit den britischen Kollegen von Sleaford Mods, die mit Begriffen, die Körperausscheidungen und -öffnungen bezeichnen, auch nicht sparen und zu denen in dieser Zeitung bereits Informatives zu lesen war: »Die zwei Männer mit ihren an den Händen festgewachsenen Bierflaschen sind tendenziell nicht einverstanden. Nicht mit dem vom entfesselten Kapitalismus hergestellten desolaten Zustand Englands (…) und vermutlich auch mit allem anderen nicht.«
Konzert: Pisse & Sleaford Mods, 24.11., 20.30 Uhr, Huxley’s Neue Welt, Neukölln

#Neukölln: Philosophieren unerwünscht

​von Thomas Blum

„Nich’ ßum Vajnüjen untawegs

Auf dem Bahnsteig des Neuköllner U-Bahnhofs Karl-Marx-Straße, den man erstaunlicherweise vor über 20 Jahren vergessen hat, in U-Bahnhof Eberhard-Diepgen-Straße umzubenennen, streifen zwei sich allem Anschein nach langweilende Angestellte des sogenannten Sicherheitsdienstes der Berliner Verkehrsbetriebe umher. Es ist kurz nach Mitternacht. Offenbar sind sie auf der Suche nach einem leichten Opfer, einem Menschen, den sie dafür anbrüllen und piesacken können, dass er unerlaubterweise seine müden Beine auf einem der zum Sitzen oder Kauern völlig ungeeigneten Metallgestelle abgelegt hat, sich heimlich entspannt oder gar in bösartiger Absicht ein Kaugummieinwickelpapierchen fallen lässt.

Also schreien sie, weil gerade kein anderer da ist, in ungehobelter Weise das faltige, kleine Männlein an, das 20 Meter entfernt von mir auf einer Bank eingenickt ist. »He, Freundchen! Dit is’ hia keen Freizeitpaak!«
Die beiden uniformierten BVG-Schergen – anhand ihrer Umgangsformen und ihres auf geistige Windstille hinweisenden Mondkalbgesichtsausdruckes sofort als Vertreter jener Sorte Mensch erkennbar, die ohne nachzudenken alles tut, was ihr gesagt wird – sprechen mit dem anfangs verstört und orientierungslos wirkenden Großväterchen, das da auf der Bank eingeschlafen war, als handle es sich bei ihm nicht um ein menschliches Wesen, sondern um eine Art dreidimensionalen Schmutzfleck. Darin besteht der Job der breitbeinig herumstolzierenden Hilfssheriffs, die ihr Walkie-Talkie bisweilen drohend hin- und herschwenken wie eine Keule: eine Atmosphäre der Angst zu erzeugen, Menschen zu kujonieren und zu demütigen, die noch nicht vollständig eingenormt sind in die verwaltete Welt oder noch störrisch genug, die Teilnahme an der totalen Betriebsamkeit zu verweigern. Menschen wie den erwähnten älteren Herrn, der eine recht zerfledderte Ausgabe der »Deutschen Ideologie« von Karl Marx auf seinem Schoß liegen hat und der von den beiden Wachmännern ohne erkennbaren Grund zum Verlassen des Bahnhofs aufgefordert und obendrein geduzt wird.
»Alta, hia kannste nich’ schlafn! Mach ma’ hinne!«
»›Wer von sei’m Tach nich’ zwee Drittel für sich selbst hat, is’ n Sklave‹, sacht Nietzsche. Kennse den, den Nietzsche? Oder den Kalle Marx?«, erwidert der Angeschriene schüchtern und zeigt mit dem Finger auf das Schild, das den Namen des U-Bahnhofs ausweist. »Schon der Dichta Thomas Mann hat …«
Doch noch bevor das angetrunkene Männlein seine Erörterungen fortsetzen und seine Peiniger über die Nietzsche-Rezeption des Literaturnobelpreisträgers in Kenntnis setzen oder gar berühmte Stellen aus dem »Zauberberg« oder der »Geburt der Tragödie« rezitieren kann, wird ihm seine Bierflasche aus der Hand genommen. Dann wird es rüde zurechtgewiesen: »Wat redste da für jeschwoll’net Zeuch? Jetz’ mach ma’ halblang hier. Wir sind hier nich’ ßu unsam Vajnüjen untawegs. Jetzt is’ Feiaahmd hia! Abmarsch jetze! Zackzack!«
Der solcherart Angegangene könnte auf einen Zug warten, kein Obdach haben oder tatsächlich zu seinem Vergnügen hier sitzen. Um ein wenig seinen Gedanken nachzuhängen, sich einen Schluck Bier einzuverleiben, ein wenig über die Junghegelianer zu sinnieren, ein wenig zu dösen. Solcherlei Treiben und aggressives Plappern von jeschwoll’nem Zeuch aber ist auf einem U-Bahnhof der Weltkulturhauptstadt Berlin nicht vorgesehen, nicht gestattet, nicht marktkonform, nicht vereinbar mit den Beförderungsbedingungen der BVG. »Berlin ist mehr ein Weltteil als eine Stadt«, wie der Dichter Jean Paul es einmal treffend formuliert hat, und man ahnt, was er damit gemeint haben könnte. Anders gesagt: Wir sind hia nich’ ßu unsam Vajnüjen untawegs. In Berlin zu leben hat Arbeit, Knechtschaft und Verdruss zu sein. Ein U-Bahnsteig ist kein Vorlesungssaal, kein Aufenthaltsraum für Literaturschwatzbudenbetreiber, Philosophie-Penner und andere Störer, die meinen, sie müssten Nietzsche zitieren und damit unschuldige Wachschutzleute provozieren. Wäre ja noch schöner, wo kämen wir denn da hin?
»Dit Bewusstsein is’ keene präexistente Katejorie«, sagt der Mann noch. Dann schleifen ihn die sogenannten Sicherheitsdienstler unsanft die Treppe hoch, und er ist nicht mehr zu verstehen.“

Dünne 15jährige in Jeansjacken

​von Peter Breuer

„Dünne 15-jährige in Jeansjacken, die von ihren Mofas steigen und einen unbeholfenen Jungen im Anorak vom Fahrrad stoßen und gegen ein Garagentor drücken. Seine Kinderbrille fällt auf den Asphalt und einer der Mofafahrer dreht mit dem Absatz seines Cowboystiefels das gesplitterte Brillenglas zu noch kleineren Scherben. „Na Herr Superschlau, jetzt wird die Welt ein bisschen unschärfer.“ Einmal noch wird er gegen das Garagentor geschubst und die schmerzhafte Vorahnung einer Faust, die auf seine Nase trifft, bleibt zum Glück nur ein Phantomschmerz. Im Weggehen zieht der größere der beiden einen Hammer aus der Jackentasche und trennt mit einem Schlag die Klingel seines Fahrrads vom Lenker.
Der unbeholfene Junge steckt das leere Gestell seiner Brille in die Anoraktasche und schiebt die abgebrochene Klingel zwischen die Gussstahlrippen eines Gullis. Er hört, wie das Metall platschend im Wasser auftrifft. Während er sein Rad nach Hause schiebt, überlegt er, was für die beiden an seiner Demütigung so befriedigend gewesen sein könnte. Vierzehn Jahre später sterben beide Mofajungen innerhalb eines Jahres. Der eine stürzt sich verzweifelt aus dem Fenster, das er als Fensterputzer gerade eben geputzt hat, der andere verreckt an einer Überdosis. Ihre Eltern sind von einem Tag auf den anderen sehr alte Leute. Sinnlos.“

Outsider

​von Kris Morgenthau 

„Ich muss mal wirklich mal was loswerden. 
Ich merke in letzter Zeit, wie mich diese Sache immer mehr zerfrisst, ungewollt, weil ich weiß, dass es an sich kompletter Schwachsinn ist und sogar das Nachdenken darüber es einfach nicht wert ist.
Geht mir nicht auf den Piss mit fragen wie „Wie, du bist 22 und hast noch keinen Führerschein, kein Auto und wohnst noch bei Mama?“ oder „Wie, du bist 22 und hast noch keine Ausbildung, kein volles Bankkonto und auch sonst kein Plan, was du mal machen willst?“ 
Nein, verdammte Scheiße, habe ich nicht. Ich habe auch keine 3k likes auf Instagram, poste nicht jeden verkackten Scheiß auf Snapchat und nein, ich höre auch kein Pop-Punk, Melodic Hardcore und jegliche andere Fickpisse, wo es in letzter Instanz doch nur darum geht, wer mehr oder cooler in dieser Sache ist und wer mehr digitalen Wert hat. Ich habe so eine Scheiße nicht nötig, und wer meint mich nicht zu mögen, weil ich keine 20 Bilder am Tag poste, wo ich meinen hässlichen Köter zur Schau stelle, meinen ekelhaften Biosalat poste, welcher mir selber nicht mal schmeckt, wo ich keine Bio-Vegan-Drogenfreie Wichse konsumiere, wo ich keine 200kg Hanteln stemme oder sonst welche komplett irrelevanten Dinge mache, der soll mich einfach bitte in Ruhe lassen und sich solche Kommentare sparen.
Ich habe weder n Auto, weder viel Kohle, weder n Sixpack, perfektes Aussehen, n Haus, ne eigene Wohnung, Instafick, Snapchat, ne verdammte Pop-Punk/Melo-Hardcore Band, ich mache auch nicht jedes Jahr Urlaub in nem anderen Drecksland.
Geht mir nicht auf den Sack mit so einem… jämmerlichen, ekelhaftem Kindergebrabbel.

Ich weiß, wer meine Freunde sind, und dass sie mich mögen wie ich bin. Und wem das einfach nicht reicht, weil ich der Person zu hässlich, zu arm, zu unbekannt bin, soll mich hier einfach entfreunden und mir auch sonst auf allen anderen Ebenen aus dem Weg gehen und sein erbärmliches Kartoffelleben wo anders führen.

Ich bin ein netter, lustiger Typ, entweder man findet mich attraktiv oder halt nicht, entweder ich bin gut so wie ich bin für jemanden, oder auch nicht.
Aber bitte… verpisst euch mit euren verkackten Leben und lasst mich einfach in Ruhe <3 
Black Metal ist Krieg“

„Ich bin Autist, 16 Jahr“

​Der 16-jährige Sohn von Heidrun Siegmund hatte einen Schulwechsel und bekam die Hausaufgabe sich vorzustellen. Unten stehend sein eindrücklicher Text dazu:
Ich sag euch was ihr wahrscheinlich noch nicht wisst…..

Ich höre gerne keltische Musik, Metal und vieles mehr.

Dazu Zahlen und Geschichten auf einen Block zu schreiben mag ich sehr.

Ich mag es in der Natur, Bäume, Wiesen, Felder oder ein See –

sehe ich jeden Tag, wenn ich mit meinen Hunden geh.

Ich habe Gefühle wie ihr auch, sie kommen wie bei euch aus dem hohlen Bauch.

Ich schlafe, esse, trink und bin auf bis spät in die Nacht.

Ich sag euch was den Unterschied macht.

Meine Haut ist besonders empfindlich gebaut, beim Duschen prasseln sie wie Stecknadeln auf meine Haut.

Meine Augen haben ein besonderes Blickfeld, ich sehe was dir nicht auffällt.

Meine Ohren haben einen besonderen Hörsinn, es gibt keinen Filter, alle Geräusche gratis mittendrin.

Mein Geruchssinn ist besonders fein, eine Strafe bei Douglas zu sein.

Mein Geschmackssinn ist besonders gemein, am liebsten soll es immer das gleiche sein.

Traurigkeit nehme ich sehr stark wahr – es ist kaum auszuhalten – ich kann niemals auf eine Beerdigung gehen, das ist klar!

Mit Smalltalk kann ich garnichts anfangen, wie kann man nur zu so langweiligen Themen gelangen.

Lästern ist unehrlich und ich verstehe es nicht, ich sage es dir ehrlich ins Gesicht.

Auch hättest du dir denken können werde ich nie verstehen, ich kann doch nicht hellsehen.

Aufregung kann ich nur schwer unterdrücken, die Spannung lässt

mich ins falsche Licht rücken.

Mich interessiert fast alles und manches sehr intensiv – musst du mir zuhören, kriegst du ein müdes Tief.

Ich nehme alles ungefiltert wahr, dass macht angestrengt, müde und unkonzentriert dass ist klar.

Wenn du besonders hörst, siehst, schmeckst, riechst, fühlst, liebst –

dann bist du anders

anders besonders

besonders anders

Ich sag euch was ihr wahrscheinlich noch nicht wisst

Ich bin Autist.

Text: Autist 16 Jahre

#Lollapalooza: Für 140 Euro ein schlechtes Gewissen?

Als ich mir vor Monaten die Karte für das US-amerikanische Festival „Lollapalooza“ kaufte, konnte ich nicht ahnen, in welche Ambivalenz ich da hinein schlitterte. Es war diese unausgesprochene Zerrissenheit, die man wahrscheinlich sein Leben lang mit sich mitschleppt. Ist man ein Gutmensch mit all seinen nachhaltigen Konsequenzen oder doch nur so ein Produkt des auf ungebändigtem Konsum ausgerichteten Systems?

Das Festival ist, wie die tausend anderen Festivals dieses Sommers ebenso, massiv umweltschädlich, produziert Unmengen an Müll, schadet der Gesundheit vieler Menschen, mit oder ohne Karte und ist ausschließlich ein Geschäft für den Veranstalter, der hofft, sich eine goldene Nase zu verdienen. Der Lärm schädigt Mensch und Tier, öffentlicher Raum wird zur Verwertung privater Interessen missbraucht, Naturräume werden oftmals in einem irreparablen oder für lange Zeit unbenutzbaren Zustand hinterlassen, den auch die vom Veranstalter als Kaution hinterlassenen Millionen nicht kompensieren können.

Das Line up las sich großartig. Radiohead, die Truppe, die man kaum live erlebt, die seit Jahrzehnten so grandiose Musik abliefert, diese Formation mal in echt zu sehen und ihre Musik genießen zu können, war der Hauptgrund zum frühzeitigen Kauf des Tickets. Auch die übrigen Bands hörten sich vielversprechend an. Ich liebe einfach Festivals, die Atmosphäre, die Mischung der verschiedenen Musikstile, die Aktionen außerhalb der Bühnen und natürlich die Festivalbesucher machen solch ein Wochenende zu etwas Einmaligem.

Der Treptower Park mitten in der Stadt ist aber auch eine ganz besondere Location. Ich hatte nur 4 Stationen mit der S-Bahn und schon befand ich mich in einer Welt, die nach Freiheit, Ausgelassenheit und Feiern roch. Das war Sziget und Roskilde, nur ohne Zelt.

Die Kontroversen zwischen Anwohner, Bezirkspolitiker und Veranstalter konnte ich anfangs gar nicht verstehen. Wollten da ein paar besorgte Bürger ein weltoffenes Festival auf Provinzniveau torpedieren? Am Ende war ich natürlich froh, dass dieses rennomierte Festival in Berlin und im Treptower Park stattfand.

Abgesehen von den Umweltschäden, die dieses Festival garantiert hinterlassen hat, kann ich der selbstverständlichen Verfügbarkeit von öffentlichen Räumen am wenigsten abgewinnen. Wir hatten in unserer Anwohnerinitiative zur Fussball-WM eine ähnliche Diskussion, wie offen man für private Großevents auf öffentliche Grund sein kann oder sollte. Sie polarisierte ebenso. Einerseits wollte man als Kleingeist, Nörgeler und Blockwart nicht verschrien sein, wenn man dagegen auftritt.

Da macht mal jemand etwas, trägt das Risiko, will sein Geschäft machen, aber auch vielen Menschen viel Freude bringen. Und dann verhindert man solche Events? Wir haben es nicht verhindert, sondern waren Gäste. Es war ein Erfolg.

Anderseits müssen öffentliche Räume hart verhandelt werden, sie dürfen nicht so ohne Weiteres zur Verfügung stehen. Es muss strenge Auflagen geben, der zu erwartende Schaden muss behebbar sein, der Vorteil für die Menschen vor Ort und für die Stadt muss einfach mehr wiegen, als die zu erwartenden Nachteile.

Für mich war es ein tolles Erlebnis und ich würde es auch wieder machen, obwohl es für viele Mitbürger eher ein Graus ist. Ich fliege ja auch mehrmals im Jahr und das nur zu meinem Vergnügen. Ich weiß, dass es umweltschädlich ist, werde meine Gewohnheiten trotzdem nicht verändern. Meine Fehltritte sollten nur nicht zu inflationär ausfallen und werden vielleicht durch meinem weit gehendem Konsumverzicht und eher spartanischen Lebensweise kompensiert. Aber Festivals werde ich mir weiterhin gönnen.

 

 

Preddöhl

preddöhlSowas gibt es wirklich. Reichskriegsflagge am Anger und eine Kneipe, wo man vorher anrufen muss, damit der Wirt aufsperrt. Der Dorfladen öffnet nur, wenn man die blutleckenden Doggen gebändigt bekommt.

An der Kirche aus dem 13. Jahrhundert liegt ein Pferdehof, der von einer Gruppe von „Kampf-Kunst-Frauen“ verwaltet wird. Mit dem schnodrigen und immer schlecht gelauntem Charme der Prignitzer Landpomeranzen wird hier ein unwiderstehliches und unwidersprochenes Regime geführt, dass, wegen seiner Barrierefreiheit und der Behindertengerechtigkeit, auch die entsprechenden sozialen Träger aus Berlin anspricht, die dann ihre Ferienfreizeiten hier ableisten können.

Wenn am späten Vormittag die Huskies jaulen, weiß man, dass man den krächzenden Hahn überhört und verschlafen hat. Denn der auch schlecht gelaunte angestellte Bauer plagt sich bereits ab fünfe mit der dörflichen Arche voller blökender Tiere herum und muss sich dann zum Mittag seinen nicht immer freundlich ausfallenden Rapport der alles diktierenden Kampffrauen anhören.

Seine wütenden Attacken gegen die Tiere weckten mich immer in meinem Bauwagen, der eiskalten Übernachtungsstelle, bevor ich mein zu betreuenden Jungen weckte und vielleicht und mit viel Glück einen Kaffee von unserer Köchin Maria ergatterte. Denn verschlafen konnte ich mir nicht leisten, hatte ich doch hier eine Mission.

Janni ist einfach zauberhaft. Mit kleinen Geräuschen und Rülpsen bekommt man ihn zum Lachen. Er, der ein nicht so einfaches Leben im Rollstuhl hat, sollte in Preddöhl, wie so oft, ein paar unbeschwerte Tage erleben. Und für sein Wohl und Wehe war ich verantwortlich.

Dafür ließ ich mich von ihm „verhauen“, machte Übungen und wurde der König der Bespaßer. Die Freude, auch die Schadenfreude, waren ihm deutlich anzusehen und überdeckten die Gedanken an voll geschissenen Windeln und bepissten Bettlaken. Dieses kleine unselbstständige und fremdbestimmte Leben musste von mir nun gestaltet werden.

Jeder in unserem Team hatte so eine oder ähnliche Aufgabe. Dieser bunte und zufällig zusammengestellte Haufen „Verrückter“ sollte für 15 Tagen in dieser brandenburgischen Provinz die Unterhalter für diese kleine Gruppe unterschiedlicher Behinderter spielen und für eine Aufwandsentschädigung Eltern- oder Wohngruppen-Vertreter für die Osterferien sein.

Die Prignitz hat mehr zu bieten, als Reichskriegsfahnen. Wir waren in einem Bärenwald, wo man geteilter Meinung darüber sein kann, ob es den zur Schau gestellten Bären auch wirklich gut ginge oder ob es sich einfach um Tierquälerei handelt. Die Kinder und Jugendlichen hatten aber ihren Spaß und irgendwas mussten wir ja bei diesem kaltem Modderwetter ja machen. Der Affenwald war dann bei allmählich ansteigenden Temperaturen nicht mehr so umstritten.

Die italienische Küche von Maria war exzellent, doch für Manche durchaus gewöhnungsbedürftig. Doch wir wurden satt und es gab ja nicht nur Pasta.

Nun ist der Ritt auf Shetland-Ponys nicht jedermanns Sache. Menschen mit Behinderung haben aber oft eine besondere Beziehung zu Tieren, so waren die fast täglichen Ausritte eine echte Bereicherung des nicht immer voll gepacktem Schlecht-Wetter-Tagesablaufes. Immerhin funktionierte das W-Lan, um uns die neusten Hits von schlechten, aber beliebten Kinderfilmen runter zu laden.

Rundum eine anstrengende, aber lohnende Geschichte: Nicht immer hat man die Möglichkeit und die Gelegenheit, was Gutes zu tun und es Menschen anzutun. Diese tolle Aufgabe möchte ich jedenfalls nicht mehr missen, auch wenn man am Ende der Zeit doch ganz schön durch ist. Ich lerne nicht nur fremde Menschen kennen, die auch immer eine Bereicherung darstellen, ich lerne viel über mich und meine Grenzen.

Dafür und für vieles Andere an Erfahrungen, Inspirationen und auch Erfolge ist dieses Nest Preddöhl einfach der Ort.