Facebook-Anstupsen ist Frieden 

Von Christoph Kappes 

Die Reinheit des Anstupsens
Was bedeutet es, jemanden anzustupsen, diese frühe und vielleicht etwas kindliche Facebook-Funktion? Facebook schweigt dazu. Auch über eine Kultur des Anstupsens wurde bisher nicht berichtet. Dennoch weiss niemand, ob das Anstupsen nicht insgeheim blüht.
Ist Anstupsen Zustimmung, Widerspruch? Sicher nicht. Da das Anstupsen völlig ohne Bedeutung zu sein scheint, muss man es herausfinden. Wer anstupst, will sich bemerkbar machen. Das Anstupsen ist ein mehrschrittiger Kommunikationsvorgang: A macht eine Selektion, der B eine zweite Selektion folgen lassen kann: Dem Anstupsen folgt das Angestupstwerden, dem Sichbemerkbarmachen das Bemerken. Erfolgreiches Anstupsen bewirkt die Verbindung zwischen A und B, die Kante zwischen Knoten. Erfolgreiches Anstupsen ist reine Beziehung.
Der Fehler der Menschen ist, sich auf Social Media immer ausdrücken zu wollen. Man will etwas zeigen, seine Meinung sagen, überzeugen. Aber muss das wirklich sein? Heisst Zivilisiertheit nicht auch, anderen das eigene Ego nicht ins Gesicht pressen zu wollen, umgeben von blauen Kästchen? Warum lernen wir nicht, dass wir in diesem Medium selten Zuneigung erfahren, stattdessen immer nur Kritik? Die Schriftlichkeit hat uns mit dem Buch die Kritik gebracht, das Internet uns sofortiges Widersprechen, das nicht zum Abschluss kommen will, bis alle Energie verbraucht ist. Wer aber anstupst, sagt nichts, meint nichts, trifft keine Aussage über ein Drittes ausserhalb der Beziehung zwischen ihm und dem Gestupsten.
Wer Fremde anstupst, riskiert alles. Anstupsen kann alles bedeuten: was unter Fremden ein Zunahetreten sein kann, auf das mit schroffer Ablehnung zu rechnen ist, kann unter Freunden eine Berührung sein. Das Anstupsen zeigt, ob eine Grenze ist. Wer den falschen anstupst, hat sie überschritten, und das entscheidet der Gestupste. Wer anstupst, unterwirft sich so der Willkür des Gestupsten: Er darf jede Bedeutung im Anstupsen vermuten – auch eine solche, die den Stupser ins Unrecht setzt. Wer anstupst, macht sich nackt.
Anstupsen kann wegen der unendlich unklaren Bedeutung nur bedeuten: Sieh mich. Ich lade Dich ein auf eine Reise mit mir. Während alle Kommunikation auf Facebook darum ringt, sich endlich so auszudrücken, dass man verstanden wird, sagt das Anstupsen: Ich bin da – und Du suchst aus, ob Du verstanden werden willst.
Was die Welt braucht, ist reines Anstupsen. Wer anstupst, lädt zum Frieden ein.

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