Ordnung muss sein! „Aber ich schweife ab“

Von Labbi Chester 

Lieber Herr Polizeipräsident in Berlin: ich muss Ihnen da mal was erzählen, was mir passiert ist. Also – ich muss dazu ein wenig ausholen, damit Sie mein Dilemma auch verstehen können. Ist alles nicht so einfach – ist sogar sehr kompliziert. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht – na, Sie werden schon sehen und eine Lösung finden, Sie sind ja der Präsident und Präsidenten können sowas. Quasi alleine schon deshalb, weil sie eben Präsident sind – aber ich schweife ab.
Also: Es war so. Mein Chef, der ist mit meinem Auto auf der Autobahn gefahren und in einer Baustelle hat es gestaut und er hat gebremst, und der vor ihm auch und der hinter ihm auch, aber der nochmals dahinter nicht. Und danach sah mein Auto ein bisschen aus wie ein Schifferklavier wenn Sie verstehen, was ich meine. Also hinten gefaltet und vorne auch. Ich war da nicht drin, und ich konnte auch danach nicht einsteigen, weil – hinten kaputt, Sie verstehen, und ich sitze doch so gerne ganz hinten – aber ich schweife ab.
Langer Rede, kurzer Sinn – das Auto war hin. Also richtig hin, so, dass man damit nicht mehr fahren darf. Sagt der Mann vom TÜV und der muss es ja wissen, ist ja ein Sachverständiger. Und nett war er auch – aber ich schweife ab.
Jetzt ist das mit kaputten Autos so, dass man sie ersetzen muss auch wenn man nicht will und man bekommt von der Versicherung natürlich kein neues, und einen überhöhten Restwert ziehen sie einem auch noch ab die – aber ich schweife ab. Überführen durfte man das Auto noch, hat der Mann vom TÜV gesagt und so haben wir gemeinsam, mein Chef und ich das Auto überführt irgendwohin in den Norden, wo man ganz in der Nähe in Polen spazieren gehen kann – aber ich schweife ab.
Und zurückgekommen sind wir – Taraaa! – mit einem anderen Auto und zwar mit einem richtigen Labbimobil. Also so ein richtiges Auto für mich: bisschen höher, bisschen rustikaler – halt so, Sie verstehen schon. Und dieses andere Auto hatte auch einen Test bestanden, TÜV sagt man dazu und also konnten wir das Auto von dort wo wir es gekauft haben nach Berlin fahren. Also so einfach natürlich nicht, man braucht dazu ein Kurzzeitkennzeichen – das ist nur 5 Tage gültig und ein Tag geht schon drauf, bis man es bekommt. Zwei Stunden anstehen für eine Nummer, die einem sagt, dass man vier Stunden später das Kennzeichen bekommt – bzw. halt kaufen kann. Von wegen bekommen – ha ha, aber das wissen Sie ja.
Mit so einem Autokennzeichen darf man also überführen – und das muss man, weil – man muss das neue Auto ja anmelden. So auf der KFZ-Prüfstelle – zulassen. Genau: zulassen heißt das. Man muss das Auto zulassen.
Berlin? KFZ zulassen? dämmert’s – ich warte mal, bis alle fertig gelacht haben. Der Spruch „Ich lasse mein KFZ in Berlin zu“ ist so lustig, dass man dafür in jeder Berliner Eckkneipe eine Lokalrunde KR23 kostenlos aufs Haus kriegt. Aber ich schweife ein wenig ab.
Also nix mit einfach zulassen: Auto gekauft am 18.8. – und die nette Dame von der KFZ-Stelle blättert und findet auch einen schnellen Termin. Irgendwann im September – aber wenigstens im September 2017. So rund 5 Wochen später als wir das Labbimobil gekauft haben. Nun müsste man das neue Fahrzeug ja innerhalb von 14 Tagen zulassen. Dieser Treppenwitz stammt ja nicht von uns, den haben Sie gemacht. 14 Tage! KFZ zulassen! in Berlin!

Ich warte mal, bis alle fertig gelacht haben – 14 Tage! Wenn Sie das in der Eckkneipe sagen, bekommen Sie noch kostenlos einen Bommerlunder obendrauf. Aufs Haus. Oder zwei. Mindestens. Aber ich schweife ab.
Die Sache ist nämlich die: Wenn man das Auto zugelassen hat, dann bekommt man die Papiere (viele) und eine Umweltplakette (eine). Und die ist grün (in unserem Fall – weil: isn Benziner… aber ich schweife ab).
Wir wollten natürlich nicht solange warten – schließlich wollten wir dem Gesetz Genüge tun und das neue Labbimobil schnellstmöglich ordnungsgemäß anmelden, weil man das muss und weil wir ja auch fahren wollen. Jetzt gibt es da so Stellen, die können etwas, was die Mitarbeiter auf der KFZ-Prüfstelle nicht können (oder nicht wollen): in 5 Tagen ein KFZ zulassen. Punkt. Ende. Aus. Das geht! Aber kostet – 200 Ocken! Hallo! 200 Euro – zusätzlich natürlich. Ich wette, die behalten nur die Hälfte und die andere Hälfte geht an – aber ich schweife ab. Gut, haben wir gemacht. Geld investiert. 200 Euronen. Damit wir das bekommen, was man eigentlich sowieso bekommen sollte: Zulassungspapiere und eine grüne Umweltplakette – die kostet nochmals extra. So ein Abziehbildchen ist aber auch teuer. Wie auch immer.
So, und jetzt komm ich zur Sache. Während wir also auf die Zulassungspapiere warten steht mein Labbimobil mit Kurzzeitkennzeichen (noch nicht mal abgelaufen) auf einem Parkplatz. Ordnungsgemäß möchte ich betonen. Schön zwischen zwei weißen Linien und bei mir umme Ecke. Da muss man auch kein Geld einwerfen – aber ich schweife ab.
Und es begab sich nun im Jahre des Herrn 2017 dass zwei Ordnungsamt-Mitarbeiter morgens loszogen um ihres Amtes zu walten und von Amts wegen für Ordnung zu sorgen. Und ich kann mir vorstellen, was dann passiert ist:
Da laufen die beiden – es sind ja immer zwei: einer kann lesen, der andere kann schreiben – die Straße entlang, immer auf der Suche nach Unordnung, die sie beheben können. Ist ja ihr Job. Und dann sieht der eine – der, der lesen kann – unser Auto. Und weils so ein schönes ist, schaut er es ganz genau an und irgendwas stört ihn, er sieht nochmals hin. Ganz genau. Und dann überkommt ihn die Erleuchtung wie zu Pfingsten die Jünger: „Kiek mal Keule“ sagt er zum anderen – der, der schreiben kann „dit Wägelchen hat ja keene jrüne Umweltplakette, wa!“ Keule kuckt und sieht auch nichts. „Haste recht, wa!“ sagt Keule. „Dit je jar nich!“ sagt der Schreiber „Dit is een Straftatbestand wenn nich jar ne Ordnungswidrigkeit!“ und Keule nicht zustimmend. Und dann beschließt der Schreiber, dass man da was dagegen unternehmen müsse und zwar in Form eines Knöllchens. Also kniet er sich hin und diktiert – weil er lesen kann – dem Schreiberling das KFZ-Kennzeichen ins grüne Notizheft: B-041452. Schreiber-Keule notiert. Zwar kommt dem Leser das Kennzeichen irgendwie komisch vor, auch dieser neckische gelbe Streifen rechts mit den drei Zahlen kann er sich irgendwie nicht erklären. Aber was solls, darum geht’s ja auch nicht, es geht um die fehlende Umweltplakette. Der Schreiber notiert präzise und füllt das Knöllchen aus: „fehlende Umweltplakette“. Und diesen grünen Schein klemmen sie dann unter den Scheibenwischer. Zufrieden gehen sie weiter, im Wissen, dass sie etwas Ordnung in diese Stadt gebracht haben.
Jetzt frage ich Sie, lieber Herr Berliner Polizeipräsident: Wenn ich eine Umweltplakette erst dann bekomme, wenn ich das Auto angemeldet habe – aber nicht bei einem Kurzzeitkennzeichen, wie sollte dann auf der Scheibe eine Umweltplakette kleben? Hä? Nicht nur, dass sie nicht kann – sie darf noch nicht mal, man soll sich diese Dinger ja nicht selbst malen und sagen Sie selbst:  Haben Sie schon mal eine Umweltplakette mit einem 5-Tage gültigen KFZ-Kennzeichen gesehen? Ne? Dachte ich es mir noch fast. Jetzt haben also Pat und Patachon ein Fahrzeug mit Kurzzeitkennzeichen gefunden, festgestellt, dass es keine Umweltplakette hat – nicht festgestellt, dass es keine haben kann und auch keine haben darf und kurzerhand ein Knöllchen ausgestellt. Ähm… ich stelle fest: zwei Köpfe machen nicht zwingend doppelt klug, sie können auch doppelt doof machen.
Ich finde, Sie, lieber Herr Polizeipräsident, sollten dafür sorgen, dass das Ordnungsamt dazu übergeht, den Zweierteams in Zukunft einen dritten Mann zur Seite zu stellen. Am besten einer, der denken kann.

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