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Bloß nicht alt!

Von Leander Sukov

Die Freuden des Alters 

(Monolog. Es tritt auf: Der alte Hans) 
Neulich habe ich etwas Merkwürdiges gelesen. ‚Die Freuden des Alters‘ hat einer einen Artikel genannt – die Freuden des Alters. Dass ich nicht lache. Die Freuden des Alters. Welch eine unwürdige Beleidigung. 
Als gäbe es Freude über das Altwerden. Ich bin alt. Ich freue mich nicht darüber. Weiß der, wie es ist, in der falschen Zeit jung gewesen zu sein? Für ihn war´s vielleicht nicht die falsche. Für ihn vielleicht. Aber für mich. Zehn Jahre jünger als ich ist der. Siebzig. Zehn Jahre, die zählen. Wie Goldbarren oder wie Bleistücke. 
Als ich Zwanzig war, 1942, als ich hätte lieben können, und lachen, und glücklich sein und ruhig und sicher und meinetwegen ängstlich, aber nicht voll Todesangst, da haben die Städte gebrannt und ich habe Menschen getötet, weil ich zu feige war, mit mir selber Schluss zu machen oder die Fronten zu wechseln oder irgendetwas zu tun, um keine Menschen zu töten. 
Als ich Zwanzig war, da haben wir alle, da haben alle, die so alt sind wie ich, Juden vergast und Zigeuner, da haben wir Kommunisten erschlagen und Sozialdemokraten und Homosexuelle. Da haben wir alle, alle, die so alt sind wie ich, Blut und Blei regnen lassen über fremdem Land. Das war als ich jung war.
Und als ich Fünfundzwanzig war, da haben wir Hunger gehabt und Durst nach Freude, aber es gab keine Erlabung. Da haben wir die Strassen und die Städte, die Flüsse und die Häfen vom Schutt unserer Verbrechen gereinigt. Wir aber sind schmutzig geblieben. Wir haben die Erinnerung an unsere Verbrechen mit dem Schutt und den Leichen aus unserem Gedächtnis schaufeln wollen. Doch wohin, wohin nur…
Wenn ich durch Hamburg gehe, dann erinnere ich mich. So als ob es gerade erst geschehen ist. Erinnere ich mich an die Juden, die auf der Moorweide zusammengetrieben wurden und ich erinnere mich an die brennende Stadt, ich erinnere mich, obwohl ich mich nicht erinnern will. Nein, nein. Ich habe keine Angst vor der Erinnerung an die Taten, deren Täter auch ich war. 

Ich will nicht daran erinnert werden, dass das meine Jugend war. Denn dann erinnere ich mich auch daran, dass ich alt bin. Und manchmal vergesse ich das. Dann bin ich nicht mehr alt. Dann fühle ich mich ohne Zahl. Dann will ich nicht zurückgerufen werden in die Nummer meiner Jahre. Will nicht. Will nicht. Will nicht. Hört Ihr. Ich will nicht alt sein und darum darf ich mich nicht daran erinnern, jung gewesen zu sein, damals jung gewesen zu sein. Denn meine Jugend, ihre Lage in der falschen Zeit, hat mir mein Leben gestohlen. Weggenommen, verbrannt, verdorben. 
Die Freunden des Alters. Welch eine groteske Albernheit. Als ich dreißig war, 1952, da war das Leben grau lackiert. Da gab es im Leben kein Leben. Alles war wie tot. Aber friedlich. 
Und die Filme. Seht Euch die Filme von damals an. Romanzen in der Heide. Gutsbesitzer und arme Stadtkinder. Manchmal auch in den Alpen. Heide und Alpen. Alpen und Heide. Und die Musik. Ein bisschen Swing noch. Zehn Jahre vorher ist man dafür ins Konzentrationslager gekommen. Jetzt haben die BDM-Mädels mit den SS-Angehörigen danach getanzt. 

Und ich habe geheiratet. Die Erstbeste, und sie hat mich geheiratet, weil es sich so gehörte. Man hatte verheiratet zu sein. Ordentliche Leute haben geheiratet. Und dann haben wir am Ersatzleben gearbeitet. Haben uns abgearbeitet für ein Plagiat. Als ich vierzig war, 1962, da haben wir Fernseher gehabt und Auto und Kinder. Die haben wir für das Plagiat erzogen. Wie ich mich schäme. Wie ich mich schäme für das, was ich ihnen angetan habe mit dieser Erziehung zur Ordentlichkeit. Man muss in Deutschland Ordentlichkeit mit Drei Rs sprechen: Orrrdentlichkeit. Wie auf dem Kasernenhof. Ich ekele mich vor meinem Leben. 
Als ich zwanzig war und schon ein paar Erfahrungen mit Sex hatte, Pissoir und Kriegskamerad, da wollte ich meine Sexualität leben. Aber ich konnte nicht. Ich war mir sicher, sie würden mich abholen und einsperren, wenn ich es versuchte. Also habe ich es gelassen.
Als ich dreißig war und der Alte vom Rhein eine mausgraue Republik regierte, da habe ich versucht, meine Träume zu erleben. Nachts, in den Parks. Aber es war nicht, was ich suchte. Man sprach nicht über Sex, wisst Ihr, man sprach einfach nicht darüber. Stumm lief man in sein Unglück. Wer nicht fragen darf, bekommt keine Antwort. Es gehörte sich nicht, zu fragen. Also tat ich es nicht. Und war verheiratet und fickte meine Frau am Sonnabend nach dem Bad – Pflichterfüllung. Bis die Kinder kamen. Dann musste ich nicht mehr ficken.  Es hat uns nicht gefehlt. Die Pflicht war erfüllt.
Siebenunddreißig Jahre hat es noch gedauert. Dann ist sie gestorben. Tot. Abgetreten. Ich: einsam, traurig. Habe bei den Kindern rumgelungert und bin viel in Kneipen gegangen. Eigentlich war ich 1988 nur besoffen. Morgens, mittags, abends. Sonst konnte ich nicht schlafen. Dann habe ich mich in der Szene rumgetrieben. Habe mich hinein gestürzt, wie man so sagt. Da war ich 66 Jahre alt, bald 67. Ein angehender Greis. Viel gelaufen ist nicht. Und doch mehr als in meinen ganzen Leben vorher. Aber ich war ja schon alt. Schrecklich, unumkehrbar alt. So alt wie jetzt. Die paar Jahre machen keinen Unterschied, oder ich kann ihn nicht fühlen. Ich will jung sein, wieder jung sein. Ich will nicht, dass ich erst mit 66 glücklich gewesen bin. Ich will jung sein und 66 Jahre lang glücklich sein. Ich will nicht alt sein, ich will nicht alt sein.
ca, 2004 für R. der auf meinen Blättern zweimal der „alte Hans“ wurde.

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Ordnung muss sein! „Aber ich schweife ab“

Von Labbi Chester 

Lieber Herr Polizeipräsident in Berlin: ich muss Ihnen da mal was erzählen, was mir passiert ist. Also – ich muss dazu ein wenig ausholen, damit Sie mein Dilemma auch verstehen können. Ist alles nicht so einfach – ist sogar sehr kompliziert. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht – na, Sie werden schon sehen und eine Lösung finden, Sie sind ja der Präsident und Präsidenten können sowas. Quasi alleine schon deshalb, weil sie eben Präsident sind – aber ich schweife ab.
Also: Es war so. Mein Chef, der ist mit meinem Auto auf der Autobahn gefahren und in einer Baustelle hat es gestaut und er hat gebremst, und der vor ihm auch und der hinter ihm auch, aber der nochmals dahinter nicht. Und danach sah mein Auto ein bisschen aus wie ein Schifferklavier wenn Sie verstehen, was ich meine. Also hinten gefaltet und vorne auch. Ich war da nicht drin, und ich konnte auch danach nicht einsteigen, weil – hinten kaputt, Sie verstehen, und ich sitze doch so gerne ganz hinten – aber ich schweife ab.
Langer Rede, kurzer Sinn – das Auto war hin. Also richtig hin, so, dass man damit nicht mehr fahren darf. Sagt der Mann vom TÜV und der muss es ja wissen, ist ja ein Sachverständiger. Und nett war er auch – aber ich schweife ab.
Jetzt ist das mit kaputten Autos so, dass man sie ersetzen muss auch wenn man nicht will und man bekommt von der Versicherung natürlich kein neues, und einen überhöhten Restwert ziehen sie einem auch noch ab die – aber ich schweife ab. Überführen durfte man das Auto noch, hat der Mann vom TÜV gesagt und so haben wir gemeinsam, mein Chef und ich das Auto überführt irgendwohin in den Norden, wo man ganz in der Nähe in Polen spazieren gehen kann – aber ich schweife ab.
Und zurückgekommen sind wir – Taraaa! – mit einem anderen Auto und zwar mit einem richtigen Labbimobil. Also so ein richtiges Auto für mich: bisschen höher, bisschen rustikaler – halt so, Sie verstehen schon. Und dieses andere Auto hatte auch einen Test bestanden, TÜV sagt man dazu und also konnten wir das Auto von dort wo wir es gekauft haben nach Berlin fahren. Also so einfach natürlich nicht, man braucht dazu ein Kurzzeitkennzeichen – das ist nur 5 Tage gültig und ein Tag geht schon drauf, bis man es bekommt. Zwei Stunden anstehen für eine Nummer, die einem sagt, dass man vier Stunden später das Kennzeichen bekommt – bzw. halt kaufen kann. Von wegen bekommen – ha ha, aber das wissen Sie ja.
Mit so einem Autokennzeichen darf man also überführen – und das muss man, weil – man muss das neue Auto ja anmelden. So auf der KFZ-Prüfstelle – zulassen. Genau: zulassen heißt das. Man muss das Auto zulassen.
Berlin? KFZ zulassen? dämmert’s – ich warte mal, bis alle fertig gelacht haben. Der Spruch „Ich lasse mein KFZ in Berlin zu“ ist so lustig, dass man dafür in jeder Berliner Eckkneipe eine Lokalrunde KR23 kostenlos aufs Haus kriegt. Aber ich schweife ein wenig ab.
Also nix mit einfach zulassen: Auto gekauft am 18.8. – und die nette Dame von der KFZ-Stelle blättert und findet auch einen schnellen Termin. Irgendwann im September – aber wenigstens im September 2017. So rund 5 Wochen später als wir das Labbimobil gekauft haben. Nun müsste man das neue Fahrzeug ja innerhalb von 14 Tagen zulassen. Dieser Treppenwitz stammt ja nicht von uns, den haben Sie gemacht. 14 Tage! KFZ zulassen! in Berlin!

Ich warte mal, bis alle fertig gelacht haben – 14 Tage! Wenn Sie das in der Eckkneipe sagen, bekommen Sie noch kostenlos einen Bommerlunder obendrauf. Aufs Haus. Oder zwei. Mindestens. Aber ich schweife ab.
Die Sache ist nämlich die: Wenn man das Auto zugelassen hat, dann bekommt man die Papiere (viele) und eine Umweltplakette (eine). Und die ist grün (in unserem Fall – weil: isn Benziner… aber ich schweife ab).
Wir wollten natürlich nicht solange warten – schließlich wollten wir dem Gesetz Genüge tun und das neue Labbimobil schnellstmöglich ordnungsgemäß anmelden, weil man das muss und weil wir ja auch fahren wollen. Jetzt gibt es da so Stellen, die können etwas, was die Mitarbeiter auf der KFZ-Prüfstelle nicht können (oder nicht wollen): in 5 Tagen ein KFZ zulassen. Punkt. Ende. Aus. Das geht! Aber kostet – 200 Ocken! Hallo! 200 Euro – zusätzlich natürlich. Ich wette, die behalten nur die Hälfte und die andere Hälfte geht an – aber ich schweife ab. Gut, haben wir gemacht. Geld investiert. 200 Euronen. Damit wir das bekommen, was man eigentlich sowieso bekommen sollte: Zulassungspapiere und eine grüne Umweltplakette – die kostet nochmals extra. So ein Abziehbildchen ist aber auch teuer. Wie auch immer.
So, und jetzt komm ich zur Sache. Während wir also auf die Zulassungspapiere warten steht mein Labbimobil mit Kurzzeitkennzeichen (noch nicht mal abgelaufen) auf einem Parkplatz. Ordnungsgemäß möchte ich betonen. Schön zwischen zwei weißen Linien und bei mir umme Ecke. Da muss man auch kein Geld einwerfen – aber ich schweife ab.
Und es begab sich nun im Jahre des Herrn 2017 dass zwei Ordnungsamt-Mitarbeiter morgens loszogen um ihres Amtes zu walten und von Amts wegen für Ordnung zu sorgen. Und ich kann mir vorstellen, was dann passiert ist:
Da laufen die beiden – es sind ja immer zwei: einer kann lesen, der andere kann schreiben – die Straße entlang, immer auf der Suche nach Unordnung, die sie beheben können. Ist ja ihr Job. Und dann sieht der eine – der, der lesen kann – unser Auto. Und weils so ein schönes ist, schaut er es ganz genau an und irgendwas stört ihn, er sieht nochmals hin. Ganz genau. Und dann überkommt ihn die Erleuchtung wie zu Pfingsten die Jünger: „Kiek mal Keule“ sagt er zum anderen – der, der schreiben kann „dit Wägelchen hat ja keene jrüne Umweltplakette, wa!“ Keule kuckt und sieht auch nichts. „Haste recht, wa!“ sagt Keule. „Dit je jar nich!“ sagt der Schreiber „Dit is een Straftatbestand wenn nich jar ne Ordnungswidrigkeit!“ und Keule nicht zustimmend. Und dann beschließt der Schreiber, dass man da was dagegen unternehmen müsse und zwar in Form eines Knöllchens. Also kniet er sich hin und diktiert – weil er lesen kann – dem Schreiberling das KFZ-Kennzeichen ins grüne Notizheft: B-041452. Schreiber-Keule notiert. Zwar kommt dem Leser das Kennzeichen irgendwie komisch vor, auch dieser neckische gelbe Streifen rechts mit den drei Zahlen kann er sich irgendwie nicht erklären. Aber was solls, darum geht’s ja auch nicht, es geht um die fehlende Umweltplakette. Der Schreiber notiert präzise und füllt das Knöllchen aus: „fehlende Umweltplakette“. Und diesen grünen Schein klemmen sie dann unter den Scheibenwischer. Zufrieden gehen sie weiter, im Wissen, dass sie etwas Ordnung in diese Stadt gebracht haben.
Jetzt frage ich Sie, lieber Herr Berliner Polizeipräsident: Wenn ich eine Umweltplakette erst dann bekomme, wenn ich das Auto angemeldet habe – aber nicht bei einem Kurzzeitkennzeichen, wie sollte dann auf der Scheibe eine Umweltplakette kleben? Hä? Nicht nur, dass sie nicht kann – sie darf noch nicht mal, man soll sich diese Dinger ja nicht selbst malen und sagen Sie selbst:  Haben Sie schon mal eine Umweltplakette mit einem 5-Tage gültigen KFZ-Kennzeichen gesehen? Ne? Dachte ich es mir noch fast. Jetzt haben also Pat und Patachon ein Fahrzeug mit Kurzzeitkennzeichen gefunden, festgestellt, dass es keine Umweltplakette hat – nicht festgestellt, dass es keine haben kann und auch keine haben darf und kurzerhand ein Knöllchen ausgestellt. Ähm… ich stelle fest: zwei Köpfe machen nicht zwingend doppelt klug, sie können auch doppelt doof machen.
Ich finde, Sie, lieber Herr Polizeipräsident, sollten dafür sorgen, dass das Ordnungsamt dazu übergeht, den Zweierteams in Zukunft einen dritten Mann zur Seite zu stellen. Am besten einer, der denken kann.

Platte

Von Leander Sukov

Plattenbausiedlung
Morgens Blick über Felder. Dann Kaffee. Brot. Radio. Mittags Blick über Felder. Türe öffnen wenn es schellt. Essen auf Rädern. Fernsehen. Nachmittags. Hinunterfahren. Langsam zum Supermarkt. Irgendwas kaufen. Mit der Kassenkraft sprechen. Abends Blick in die Fenster des Hauses schräg gegenüber. Dann Tee. Fernsehen. Schlafen. Nicht träumen. Wegen des Erwachens. 

Morgens Blick über Felder. Dann Kaffee. Brot. Radio. Mittags Blick über Felder. Türe öffnen wenn es schellt. Essen auf Rädern. Fernsehen. Nachmittags. Hinunterfahren. Langsam zum Supermarkt. Irgendwas kaufen. Mit der Kassenkraft sprechen. Abends Blick in die Fenster des Hauses schräg gegenüber. Dann Tee. Fernsehen. Schlafen. Nicht träumen. Wegen des Erwachens. 

Morgens Blick über Felder. Dann Kaffee. Brot. Radio. Mittags Blick über Felder. Türe öffnen wenn es schellt. Essen auf Rädern. Fernsehen. Nachmittags. Hinunterfahren. Langsam zum Supermarkt. Irgendwas kaufen. Mit der Kassenkraft sprechen. Abends Blick in die Fenster des Hauses schräg gegenüber. Dann Tee. Fernsehen. Schlafen. Nicht träumen. Wegen des Erwachens. 

Morgens Blick über Felder. Dann Kaffee. Brot. Radio. Mittags Blick über Felder. Türe öffnen wenn es schellt. Essen auf Rädern. Fernsehen. Nachmittags. Hinunterfahren. Langsam zum Supermarkt. Irgendwas kaufen. Mit der Kassenkraft sprechen. Abends Blick in die Fenster des Hauses schräg gegenüber. Dann Tee. Fernsehen. Schlafen. Nicht träumen. Wegen des Erwachens. 

Morgens Blick über Felder. Dann Kaffee. Brot. Radio. Mittags Blick über Felder. Türe öffnen wenn es schellt. Essen auf Rädern. Fernsehen. Nachmittags. Hinunterfahren. Langsam zum Supermarkt. Irgendwas kaufen. Mit der Kassenkraft sprechen. Abends Blick in die Fenster des Hauses schräg gegenüber. Dann Tee. Fernsehen. Schlafen. Nicht träumen. Wegen des Erwachens. 

Morgens Blick über Felder. Dann Kaffee. Brot. Radio. Mittags Blick über Felder. Türe öffnen wenn es schellt. Essen auf Rädern. Fernsehen. Nachmittags. Hinunterfahren. Langsam zum Supermarkt. Irgendwas kaufen. Mit der Kassenkraft sprechen. Abends Blick in die Fenster des Hauses schräg gegenüber. Dann Tee. Fernsehen. Schlafen. Nicht träumen. Wegen des Erwachens. 

Morgens Blick über Felder. Dann Kaffee. Brot. Radio. Mittags Blick über Felder. Türe öffnen wenn es schellt. Essen auf Rädern. Fernsehen. Nachmittags. Hinunterfahren. Langsam zum Weiher. Bank. Tauben. Füttern. Manchmal: unterhalten. Abends Blick in die Fenster des Hauses schräg gegenüber. Dann Tee. Fernsehen. Schlafen. Nicht träumen. Wegen des Erwachens.

Handshake und 3600 Rollen Toilettenpapier 

Von Peter Breuer

Vor einigen Jahren habe ich gelesen, dass ein durchschnittlicher Deutscher angeblich zwischen seiner Geburt und seinem Tod nur 3.600 Rollen Toilettenpapier verbraucht. Das wäre selbst bei einem 70jährigen Leben nur eine Rolle pro Woche.  Das erscheint mir wenig, aber würde man die Hülsen zusammenkleben, könnte man damit eine dreieinhalb Kilometer lange Rohrpostanlage bauen. Oder 1.200 Stiftehalter mit drei Fächern für Buntstifte. Viel spannender finde ich einen europäisch-amerikanischen Vergleich und die Zahlen sind brandaktuell, ich habe sie vorhin erst recherchiert: Die USA haben zwar nur fünf Mal so viele Einwohner wie Frankreich, verbrauchen aber neun Mal so viel Toilettenpapier. Seit ich das weiß, frage ich mich, wann ich zuletzt einem Franzosen so lange die Hand geschüttelt habe, wie Donald Trump das mit Emmanuel Macron am Freitag tat. Und gleichzeitig möchte ich über das Umweltverhalten der USA 69,5 Liter Tränen weinen, aber das wäre eine gesamte Lebensproduktion.

Das autistische Kind 

Von Autism and Mom 

Mein wundervoller Sohn mit Asperger Autismus.🌈❤️💛💚💙💜

Es gibt Tage, da wirkt er auf andere Menschen ganz „normal“ und unauffällig. 

Er sieht ganz normal aus (zur großen Verwunderung vieler Menschen die keine Ahnung von Autismus haben) 🙄🙄 und er kann ausgezeichnet sprechen.

Es gibt aber auch Tage, da fällt er sehr auf. Meistens unangenehm. Er wirkt auf andere komisch und seltsam.
Man könnte meinen, er kann seinen Autismus steuern.

Deswegen denken viele, er könnte sich doch einfach mal zusammen reißen, wenn es mal nicht so klappt wie an manch guten Tagen.

Das ist aber falsch. 

Er kann das nicht steuern!!!

Er kann Verhaltensregeln dieser Gesellschaft lernen. 

Er kann sozusagen handeln, wie es von ihm verlangt wird.

Auch wenn solch ein Verhalten für ihn oft nicht logisch erscheint. Aber genau das ist ihm doch so wichtig! Die Logik!

Natürlich muss er vieles lernen, um besser in dieser für ihn  schnellen, hektischen, lauten und merkwürdigen Welt von uns klarzukommen.

Das kann aber einer Mutter sehr weh tun.

Denn in Momenten, die uns oft stolz machen, weil wir sehen, dass sich unser Kind gerade benimmt wie alle anderen, wird uns schmerzlich bewusst, dass das eigentlich nicht er ist.

Es ist kein spontanes, sondern angelerntes Verhalten.

Trotzdem kommen wir nicht drum herum.

Unserer Kinder müssen irgendwann auf eigenen Füßen stehen!

Und das funktioniert nun mal besser, wenn man lernt sich anzupassen. 
Asperger Autismus gilt als leichte, oder abgeschwächte Form der Autismus Spektrum Störung. 

Die Kinder können viel Teil unserer Welt sein und ermöglichen uns einen Einblick in die ihre.

Das ist toll. 

Ich bin dankbar dafür. 
Trotzdem werde ich nicht hinter der Aussage stehen, dass das Leben einfacher und unkomplizierter ist, als mit einem frühkindlichen Autisten. 

Jede Art von Autismus ist einzigartig und eine Herausforderung.

Eine wichtige Regel dabei ist,

lass dich darauf ein und öffne deine Augen und vorallem dein Herz! 
Und was viele endlich verstehen müssen:
📌Mein Kind ist nicht unhöflich,

sondern ehrlich!

📌Er ist nicht schlecht erzogen,

er passt sich nur nicht bedingungslos an.

📌Er ist nicht neugierig,

er ist interessiert.

📌Er ist nicht schüchtern,

er hat nur kein Interesse an Smalltalk.

📌Er ist kein Besserwisser,

aber besteht auf absolute Genauigkeit.

📌Er ist nicht launisch,

er unterdrückt nur seine Gefühle nicht.

📌Er ist keine Heulsuse,

er ist hochsensibel.

📌Er ist nicht nur am nörgeln,

er ist ein Perfektionist.

📌Er verhält sich nicht unangemessen, er versucht mit ganzer Kraft sich anzupassen!
Er ist in einem ständigen Kampf mit Reizen und für ihn unverständlichen Dingen.
Wenn er mal etwas nicht so gut kann, oder etwas auffällig ist, dann erwarte ich uneingeschränktes Verständnis für meinen Sohn!!!! 

Denn nichts anderes bringt er euch täglich entgegen!!!!!

Facebook-Anstupsen ist Frieden 

Von Christoph Kappes 

Die Reinheit des Anstupsens
Was bedeutet es, jemanden anzustupsen, diese frühe und vielleicht etwas kindliche Facebook-Funktion? Facebook schweigt dazu. Auch über eine Kultur des Anstupsens wurde bisher nicht berichtet. Dennoch weiss niemand, ob das Anstupsen nicht insgeheim blüht.
Ist Anstupsen Zustimmung, Widerspruch? Sicher nicht. Da das Anstupsen völlig ohne Bedeutung zu sein scheint, muss man es herausfinden. Wer anstupst, will sich bemerkbar machen. Das Anstupsen ist ein mehrschrittiger Kommunikationsvorgang: A macht eine Selektion, der B eine zweite Selektion folgen lassen kann: Dem Anstupsen folgt das Angestupstwerden, dem Sichbemerkbarmachen das Bemerken. Erfolgreiches Anstupsen bewirkt die Verbindung zwischen A und B, die Kante zwischen Knoten. Erfolgreiches Anstupsen ist reine Beziehung.
Der Fehler der Menschen ist, sich auf Social Media immer ausdrücken zu wollen. Man will etwas zeigen, seine Meinung sagen, überzeugen. Aber muss das wirklich sein? Heisst Zivilisiertheit nicht auch, anderen das eigene Ego nicht ins Gesicht pressen zu wollen, umgeben von blauen Kästchen? Warum lernen wir nicht, dass wir in diesem Medium selten Zuneigung erfahren, stattdessen immer nur Kritik? Die Schriftlichkeit hat uns mit dem Buch die Kritik gebracht, das Internet uns sofortiges Widersprechen, das nicht zum Abschluss kommen will, bis alle Energie verbraucht ist. Wer aber anstupst, sagt nichts, meint nichts, trifft keine Aussage über ein Drittes ausserhalb der Beziehung zwischen ihm und dem Gestupsten.
Wer Fremde anstupst, riskiert alles. Anstupsen kann alles bedeuten: was unter Fremden ein Zunahetreten sein kann, auf das mit schroffer Ablehnung zu rechnen ist, kann unter Freunden eine Berührung sein. Das Anstupsen zeigt, ob eine Grenze ist. Wer den falschen anstupst, hat sie überschritten, und das entscheidet der Gestupste. Wer anstupst, unterwirft sich so der Willkür des Gestupsten: Er darf jede Bedeutung im Anstupsen vermuten – auch eine solche, die den Stupser ins Unrecht setzt. Wer anstupst, macht sich nackt.
Anstupsen kann wegen der unendlich unklaren Bedeutung nur bedeuten: Sieh mich. Ich lade Dich ein auf eine Reise mit mir. Während alle Kommunikation auf Facebook darum ringt, sich endlich so auszudrücken, dass man verstanden wird, sagt das Anstupsen: Ich bin da – und Du suchst aus, ob Du verstanden werden willst.
Was die Welt braucht, ist reines Anstupsen. Wer anstupst, lädt zum Frieden ein.

Kinderturnen

Von Felix Bartels

In der Umkleidekabine gestern beim Kinderturnen kommt neben mir ein Vater mit Kind zu sitzen. Son janz subtiler mit Singsang in der Stimme, der seinem Kind gegenüber nie laut noch irgendwie physisch werden würde, aber trotzdem die ganze Zeit hör- und sichtbar Druck ausübt. Er nutzt seine naturgegebene Überlegenheit, dem Kind keinen Raum zu lassen, irgendwie argumentativ Boden unter die Füße zu bekommen. Und es geht um die wichtige Frage, zu welchem Dönerimbiss man nachher gehen werde. Die Fortsetzung des autoritären Charakters mit anderen Mitteln sozusagen. In mein Notebook tippend verbringe die Zeit damit, den Papa abscheulich zu finden. Dann klingelt sein Handy. Mit dem Thema von Darth Vader. Das ist so absurd passend, dass er mir, ohne dass ich was dagegen machen kann, gleich wieder sympathisch wird. Ich lenke mich ab, indem ich weiter Bartelsgedanken tippe, wobei die Tippgeräusche allgemach lauter werden. Dann, ein paar Minuten weiter, klingelt mein Handy. Mit der Titelmusik von Knight Rider, die mich vom Sympathiebefall heilt und erinnert, dass das Böse bekämpft werden muss.