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Wohin mit den Geschenken?

Da schreibt man auf der Einladung: Getränke statt Geschenke. Und kaum jemand hält sich dran. Jeder Zweite bringt doch noch was mit. Vorsichtshalber hab ich dann doch einen Geschenketisch hingestellt, ich ahnte schon, dass da doch noch was kommt.

Was mache ich bloß mit dem vielen hochwertigen Suff zum Beispiel? Da kann ich ja locker bis ins Grab saufen. Gut, Alkohol wird nicht schlecht und als Mitbringsel für die nächsten 100 Feten ist es ja auch ganz praktisch.

Aber wer hat den Leuten geflüstert, ich stehe auf Grünpflanzen? Meine Wohnkapazitäten sind begrenzt, der Balkon ist endlich und dann die ganze Bagage auch noch durch den Winter bringen. Das erwartet man ja so von einem. Ich bin ja kein Pflanzenmörder.

So und dann gibt es noch Bücher…Brauch man auch viel Zeit demnächst. Muss man seinen ganzen Tagesablauf umstellen. Nur weil man Geburtstag hatte und auch noch feierte. Also dieser Aufwand hat sich ja gelohnt.

Natürlich ist es schön, mal für alle, die man mag, zu kochen und ein Gastgeber zu sein. Aber jede Woche könnte ich das auch nicht. Dann doch lieber wegfahren und sich es gut gehen lassen.

Vielleicht denken noch ein paar Gäste an die schönen und feucht-fröhlichen Stunden der Feier zurück. So richtige Eklats gab es ja nicht. Aber war schon nett.

Heute noch aufräumen und putzen und sich schwören, es nicht so schnell wieder zu machen. Dann brauch ich noch ne Sackkarre für den Abtransport der Geschenke. Und ich hatte mir gedacht, dass ich es mir schenken kann….

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Skibby

Als wir uns trafen, wurden wir Freunde. Ich war auf dem Weg, ein anständiger Koch zu werden und er kam als Lehrling in das Restaurant, in dem ich tätig war.

Es gibt ja so Menschen, zu denen hat man sofort einen Draht. Man lacht über die gleichen Witze, hat ähnliche Interessen und ein identischen Zugang zum Leben. Jedenfalls verbrachten wir viel Freizeit miteinander und hatten uns als Köche sowieso viel auszutauschen. Gegenseitige Hilfe und Respekt, viel Spaß und ungewöhnliche Erlebnisse prägten unser Zusammensein. Noch heute kann ich mich an viele Details aus der damaligen Zeit erinnern. Die Freundschaft mit Skibby prägte ein Teil meiner Findungsphase in vielerlei Hinsicht und bekam durch eine besonderen Nähe eine tiefe Intensität.

Durch meinem plötzlichen Weggang aus dem Restaurant und neuen fremden Einflüssen wurden die Treffen mit ihm sporadischer. Wir hatten uns doch mittlerweile ziemlich unterschiedlich entwickelt. Das fand ich sehr schade. Die langsame Distanzierung voneinander war aber nicht mehr aufzuhalten.

Es sollte 10 Jahre dauern, als wir uns wieder trafen. Ich war dabei, ein neues Team als Küchenchef zusammen zu stellen, als er mich anrief. Die Vorstellung, mit ihm wieder zusammen zu arbeiten, reizte mich und ich fragte ihn, ob er mit einsteigen möchte. Er war sofort Feuer und Flamme. Dennoch informierte ich mich bei seinen früheren Arbeitgeber. Er riet mir, zur meiner Überraschung, von einer Anstellung von Skibby ab. Trotzdem überwog der Wille, ihn wieder an meine Seite zu haben, mit ihm gemeinsam zu kochen und was Neues aufzubauen. Die Informationen über seine vermeintliche Unzuverlässigkeit wischte ich weg und vertraute auf sein Können und seine Loyalität.

Immerhin hatte ich mit ihm meine erste Hoteleröffnung als Küchenchef vor und stand gehörig unter Druck. Er hatte sich kaum verändert, konnte immer noch phantastisch kochen und der Spaß von damals erlebte sein Deja vieu. Ich war frohen Mutes und füllte mich in bester Gesellschaft. Sicher, die Leichtigkeit der Jugend war etwas verloren gegangen, aber für die Ernsthaftigkeit der Aufgabe lief es am Anfang ziemlich gut. Bis er unentschuldigt fehlte.

Wenn man einen Freund als Sous Chef einstellt, nimmt man Versagen persönlich. So auch bei mir. Ich war außer mir und konnte es mir nicht erklären. Mit großer Enttäuschung stellte ich ihn zur Rede. Er offenbarte mir, dass er Quartalssäufer ist und sich an freien Tagen nicht unter Kontrolle hat. Ich sollte ihm helfen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Auch seine Eltern unterstrichen sein Verlangen, er wäre schon woanders raus geflogen und ich als Freund könnte ihn doch unterstützen.

Nie hatte ich zuvor Job und Privates vermischt. Und nun war es da, das schon von anderen prognostizierte Dilemma, zwischen Professionalität und Freundschaft entscheiden zu müssen. Ich weiß noch, wie er mich aus seinen verwässerten Augen anflehte, ihm eine Chance zu geben.

Ich überzog ihn zunächst mit Vorwürfen und appellierte an seine Disziplin. Als seine Abstütze öfter wurden, versäumte ich es, mit ihm als Freund zu reden, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Ich zog mich auf das Dienstliche zurück und beurteilte ihn nur noch nach seinem Versagen. Er musste sich auch von mir so in die Enge getrieben sehen, dass er als Konsequenz meiner zunehmenden Ablehnung die Kündigung einreichte.

Gegenüber meinem Arbeitgeber war damit alles in Butter. Nur hatte ich mit meinem Unvermögen, ihn zu helfen, einen Freund verloren. Wenn ich heute nochmal die Wahl hätte, zwischen Job und Freundschaft zu entscheiden, würde ich definitiv die Freundschaft wählen.

Spätere Kontaktversuche zu Skibby waren erfolglos. So blieb und bleibt nur die Hoffnung, er bekommt seine Abstürze in den Griff und kann sein Leben erfolgreich fortsetzen.

Hangover in Karl-Marx-Stadt oder Alkohol ist auch keine Lösung

Als ich mich heute mit meiner Kollegin so austauschte, kamen wir irgendwie auf unsere früheren Saufgeschichten zu sprechen. Da ist mir aufgefallen, dass die besagten Abenteuer aus übermäßigen Alkoholkonsum einen großen Raum in unseren Erinnerungen einnehmen. Die Geschichten aus den Abgründen unserer Jugendzeit begeistern nicht nur diverse Stammtischrunden, um auf Alkoholabstürzen noch anstoßen zu können, sondern sind bei Feten unverzichtbarer Bestandteil des Unterhaltungsprogrammes. Wir können uns fantastisch produzieren und manchmal kommen wir mit unseren Erzählungen in einen Rausch.

So auch bei mir. Da es in der DDR keine der üblichen Drogen gab, war die Flucht in Bier, Wein und Schnaps gängige Alltagsbewältigung. Die besten Geschichten und Abenteuer waren hochprozentig. Es gab kaum eine Betriebsfahrt ohne alkoholgetränkte Eklats. Auch der Betriebsausflug unserer Lehrlingsgruppe nach Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) wurde Schauplatz eines dieser Suffstorys.

Wir logierten im Interhotel Kongress und ich war vom Lehrlingskollektiv endlich einigermaßen anerkannt. Diese neue Gruppenzugehörigkeit euphorisierte mich so, dass ich mir mit meinen Ausbildern so richtig die Kante gab. Dass ich alles durcheinander soff und mit meinen 19 Lenzen überhaupt nichts vertrug, wurde mir erst später klar. Mein Mitbewohner rollte mich im Laufe der Nacht mitsamt dem Bett auf den Hotelflur, da er den Gestank und die Geräusche nicht mehr aushielt. Die Vorführung des Frohnauer Hammers bei der Fortsetzung unserer Reise fand ohne mich statt. Der Bus musste einige Male stoppen, um nicht Opfer meiner inneren Gereiztheit zu werden. Nachdem ich an einem trockenen Brötchen nagte, beruhigte sich so langsam mein Magen. Doch das flaue und elende Gefühl blieb. Erst während des vorzüglichen Mittagessens auf dem Fichtelberg begann ich wieder Herr meiner Sinne und Körperfunktionen zu werden. Ich schwor mir: Nie wieder Alkohol.

Leider hielt ich mich nicht dran. Geschichten über blutige Knien nach einer Sauforgie am Heiligabend oder rotweingetränkte Verbalauswürfe in der Ringbahn sollten noch folgen. Jetzt habe ich die Abstürze schon lange im Griff (behaupten übrigens sehr viele Menschen von sich, die Realität sieht leider etwas anders aus), kann entspannt die alten Geschichten erzählen und trotzdem bei Willi (Bresch) einen schönen bierseeligen Abend verleben. Inwieweit es bei anderen Menschen, die ähnliche Geschichten auf Lager haben, in Richtung pathologische Disposition geht, kann ich nicht sagen. Ich bin aber überzeugt, dass nicht jeder am Ende so ungeschoren davon kommt, wie ich.