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Prügelstrafe auf dem Laufsteg

Die Abschlussfete der Schülerinnen der Mode- und Disignausbildung im Ballhaus Rixdorf sollte auch noch unter der strengen Kontrolle von zu züchtenden Lehrern stehen und sich in einer Reihe von unzeitgemäßen Unterrichtsmethoden von Hobbysadisten innerhalb der jetzt beendeten 2-jährigen Ausbildung befinden.

Die Reglementierung der Mädchen fand bei der Feier ihren unwürdigen Höhepunkt, indem Lehrer den Erwachsenden rauchen und Trinken verbieten wollten und gesagt wurde, wie man sich gegenüber den zahlreich erschienenen Gästen zu verhalten hat. In unwürdiger 1950-Jahre Manier wurden die jungen angehenden Modedesignerinnen psychisch gezüchtigt, dass man als Gast nur an einer Inszenierung dachte, aber nicht wirklich wahr haben wollte, dass das ernst gemeint war. Wie diese Ausbildung streng und knapp unter der Prügelstrafe dann vollzogen wurde, konnte ich nur fragmentiert von Erlebnisberichten der Betroffenen erfahren.

Die Modenschau, die die Arbeit der Mädchen von 2 Jahren Ausbildung widerspiegeln sollte, war dann auch, geschuldet dem engen Themenkorsett und der harten Auflagen der Lehrer, erzkonservativ und, wie ein Gast treffend bemerkte, reaktionär. Keine Kreativität, keine Lebensfreude, kaum Farben, Produkte dieser ansonsten so lustigen Truppe könnten auch anders aussehen.

Vielleicht habe ich aber auch die Intention des Modebetriebes im Allgemeinen und die Aussage dieser Modenschau im Ballhaus im Besonderen nicht verstanden. Ich hoffe nur, dass sich die modeinteressierten Frauen jetzt befreien und die als Handwerk gelernten Künste zur kreativen Offenbarung führen und uns alle überraschen.

Hangover in Karl-Marx-Stadt oder Alkohol ist auch keine Lösung

Als ich mich heute mit meiner Kollegin so austauschte, kamen wir irgendwie auf unsere früheren Saufgeschichten zu sprechen. Da ist mir aufgefallen, dass die besagten Abenteuer aus übermäßigen Alkoholkonsum einen großen Raum in unseren Erinnerungen einnehmen. Die Geschichten aus den Abgründen unserer Jugendzeit begeistern nicht nur diverse Stammtischrunden, um auf Alkoholabstürzen noch anstoßen zu können, sondern sind bei Feten unverzichtbarer Bestandteil des Unterhaltungsprogrammes. Wir können uns fantastisch produzieren und manchmal kommen wir mit unseren Erzählungen in einen Rausch.

So auch bei mir. Da es in der DDR keine der üblichen Drogen gab, war die Flucht in Bier, Wein und Schnaps gängige Alltagsbewältigung. Die besten Geschichten und Abenteuer waren hochprozentig. Es gab kaum eine Betriebsfahrt ohne alkoholgetränkte Eklats. Auch der Betriebsausflug unserer Lehrlingsgruppe nach Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) wurde Schauplatz eines dieser Suffstorys.

Wir logierten im Interhotel Kongress und ich war vom Lehrlingskollektiv endlich einigermaßen anerkannt. Diese neue Gruppenzugehörigkeit euphorisierte mich so, dass ich mir mit meinen Ausbildern so richtig die Kante gab. Dass ich alles durcheinander soff und mit meinen 19 Lenzen überhaupt nichts vertrug, wurde mir erst später klar. Mein Mitbewohner rollte mich im Laufe der Nacht mitsamt dem Bett auf den Hotelflur, da er den Gestank und die Geräusche nicht mehr aushielt. Die Vorführung des Frohnauer Hammers bei der Fortsetzung unserer Reise fand ohne mich statt. Der Bus musste einige Male stoppen, um nicht Opfer meiner inneren Gereiztheit zu werden. Nachdem ich an einem trockenen Brötchen nagte, beruhigte sich so langsam mein Magen. Doch das flaue und elende Gefühl blieb. Erst während des vorzüglichen Mittagessens auf dem Fichtelberg begann ich wieder Herr meiner Sinne und Körperfunktionen zu werden. Ich schwor mir: Nie wieder Alkohol.

Leider hielt ich mich nicht dran. Geschichten über blutige Knien nach einer Sauforgie am Heiligabend oder rotweingetränkte Verbalauswürfe in der Ringbahn sollten noch folgen. Jetzt habe ich die Abstürze schon lange im Griff (behaupten übrigens sehr viele Menschen von sich, die Realität sieht leider etwas anders aus), kann entspannt die alten Geschichten erzählen und trotzdem bei Willi (Bresch) einen schönen bierseeligen Abend verleben. Inwieweit es bei anderen Menschen, die ähnliche Geschichten auf Lager haben, in Richtung pathologische Disposition geht, kann ich nicht sagen. Ich bin aber überzeugt, dass nicht jeder am Ende so ungeschoren davon kommt, wie ich.