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Der Junge mit der Bombe

Eines der heißesten Tage im Jahr verbringt man am besten an einem Brandenburger See im Schatten mit Literatur, Bier und viel Muse. Und wie ich so die ungezogenen Kleinen beobachte, die gerade ihre Eltern am Picknickkorb mit einer Wasserpistole beschießen, ahnte ich noch nicht den weiteren militärischen Verlauf der Sommeridylle.

Plötzlich tauchen zwei frühpupertierende Jungen auf. Der eine, recht drahtig, versuchte seinen Ball immer auf das Wasser zu knallen. Dabei schrie er mit einem Stimmbruch-Krächsen „Krieg“. Das erschreckte mich dann schon, war die Stimmung bis dahin doch recht friedlich geblieben. Er wollte halt Wellen schlagen.

Der Andere, ein Pummelchen, dass sich mit dem Ablegen des reichlich vorhandenen Babyspecks noch Zeit ließ, soufflierte die kriegerische Aktion. Als Steigerung musste jetzt „Atombombe“ simuliert werden. Aber so richtig bäumte sich das Wasser nicht auf. Obwohl der dünne Teenager schon recht kräftig wirkte, wollte sich das aufgewühlte Wasser nicht zu einem Atompilz formen lassen. Kriegerische Rhetorik in friedlichen Zeiten will gelernt sein.

Schließlich konnte man nach dem 100ten Klatschen auf dem Wasser sowas Ähnliches wie eine kleine Fontäne wahrnehmen. Übung sollte ja den Meister machen. Nach weiteren ungezählten Versuchen fing es plötzlich an zu grollen. Die Erde bebte, das Wasser wurde unruhig. Am Strand erstarrte alles, alle schauten auf den See. Auf einem Mal schoss eine eine riesige Fontäne in die Höhe, ich hörte noch „Atombombe“ und sah ein hellen unwirklichen Blitz.

…und dann fiel ich von der Bank. Die Stimmen wurden allmählich lauter, das Klatschen des Balls wieder wahrnehmbar. Ich war wohl eingenickt. Erst jetzt realisierte ich, dass ich überlebt hatte. Beim nächsten „Krieg“ aus der Kehle des Jungen war ich wieder voll da.

Gefechtsschießen in Astrachan

Der Warschauer Pakt veranstaltete während des Kalten Krieges immer mal Gefechtsübungen der befreundeten Armeen, die einen Ernstfall simulieren sollten. Das war nötig, um das Gleichgewicht des Schreckens aufrecht zu erhalten. Wenn man, wie ich, in dieser Ost-West-Hochrüstungsphase Anfang 80er einen Einberufungsbefehl bekam, konnte man in die Verlegenheit kommen, das Abenteuer einer solchen apokalyptischen Übung teilhaftig zu werden.

Mein Abenteuer bestritt ich als Angehöriger der NVA, einer der befreundeten Armeen des sozialistischen Weltsystems. Übrigens gehörten auch die Armeen Vietnams und der Mongolischen Volksrepublik dazu. Die Reise in unbekannte militärische Welten begann im brandenburgischen Neuhardenberg, dass zu DDR-Zeiten bezeichnender Weise Marxwalde hieß. Das Dorf hatte einen NVA-Flugplatz, von wo es direkt mit einer Antonow nach Kiew in der Ukrainischen SSR ging. Der Flughafen sah aus, wie eine Dorf-Bushaltestelle mit zentraler Umsteigemöglichkeit, viele Menschen und Tiere, sowie allerlei Gepäck warteten auf Weiterflug. Wir erreichten unseren Militärflieger mit Soldaten aus anderen Bruderländern, der uns fast ans Kaspische Meer bringen sollte. Nach einer mehrstündigen Busfahrt durch militärisches Speergebiet, kamen wir erschöpft im wüstenähnlichem Niemannsland an.

Wie es sich einer deutschen Armee gehört, sind Kontrollen der Kragenbinde und der Stiefel erste Priorität. Wie die Sauberkeit von besagten Stellen der Uniform Angesichts von latenten Wüstenstürmen zu gewährleisten, war uns zunächst schleierhaft. Extrem vorsichtig checkten wir die zur Gefechtsübung nötige Technik, bauten Nachrichtenverbindungen, einen Gefechtsstand, synchronisierten Funkorter mit der Raketentechnik, taten im Prinzip die Dinge, die wir auch zum Schutz der Hauptstadt der DDR als Fla-Raketen-Einheit im heimischen Klosterfelde durchführten. Wie eine Rakete wirklich los geht, haben wir in den brandenburgischen Wäldern verständlicherweise nicht probiert, hätten wir, dann hätte es in Mitteleuropa zwischen Ostblock und NATO sicherlich geknallt. Den Fernsehtum in Berlin hatten wir des Öfteren im Funkorter-Visier. Ein paar Knöpfe weiter und wir hätten ihn abgeschossen. Um unsere Schießgelüste zu befriedigen, sind wir ja ins russische Astrachan geflogen. Wir sollten nämlich mal sehen, wie toll so ein Raketenabschuss wirklich ist.

Ich befand mich in einem Nachrichten-LO, einem kleinen LKW, und steckte noch ein paar Verbindungen zur reibungslosen Kommunikation zwischen den operativen Stellen. Plötzlich vernahmen wir ein ohrenbetäubenden Lärm, sahen einen hellen Blitz, viel Staub und Aufregung unter den deutschen Rekruten. Vielleicht hat sich ja die Wüste geöffnet oder Soldat Schmidt hat wieder Magenprobleme, waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schossen. Die lapidare Antwort auf unser Fragen kam vom Spieß: Die Mongolen schießen schon.

So unterschiedlich sind manche Mentalitäten. Während wir zum tausendsten Mal unsere Technik kontrollierten und sicher etliche Appelle mit Stiefel- und Kragenbindenkontrolle über uns ergehen lassen mussten, hatten die Mongolen schon ihren Spaß gehabt.

Wenn ich heute so an diese unwirkliche Szenerie denke, wo ich voll gegen Militarismus, Armeen, Kriege, Wettrüsten und sonstigen ähnlichen Kategorien  bin, denke ich, wie absurd das ganze Theater war, als wäre ich im falschen Film. Wir waren jung und es war ein Abenteuer. Ab und zu taugt es mal zur Story für einen Stammtisch.