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Die Qual der Denuzianten

Es gibt ja Jobs, die setzen bestimmte Charaktereigenschaften voraus. Andere Menschen anzuscheißen, ist nicht jedermanns Sache. Die Stasi hatte Zehntausende unter den DDR-Bürgern gefunden, die bereit waren, Mitmenschen zu verraten.

Irgendwie ist es denen eine Freude, wenn Andere leiden, noch dazu, wenn man dazu beitragen kann. Heut zu Tage sind die Konsequenten, die aus einem Verrat resultieren, nicht vergleichbar mit den Schicksalen aus der Stasizeit. Dennoch gibt es sie und sie sind nicht angenehm. Meistens ist es eine Geldstrafe und wenn mann nicht zahlen kann, ist es mitunter auch mal der Knast, Bagatellen werden auf Grund von Anzeigen schnell kriminalisiert.

Gemeint sind die Kontrolleure in den Straßenbahnen, U- und S-Bahnen und die Leute vom Ordnungsamt, die in Scharen Strafzettel verteilen und somit Geld in die klammen Kassen der öffentlichen Hand spülen.

Sie, die einst solche Jobs übernommen haben und nach einem Prämiensystem arbeiten, das soviel Geld bringt, wie viel man angeschissen hat, klagen jetzt über den puren Hass der Betroffenen, über Diskussionen, die man nicht führen möchte, über Angriffe auf ihre Person und über Beleidigungen. Sie fordern eine bessere Ausrüstung, Bewaffnung in Form von Pfefferspray und Gummiknüppel und eine erhöhte Akzeptanz für ihre Arbeit.

Gerne werden sie jetzt selbst mal übergriffig, rassistische Ausfälle beim Eintreiben der Strafe sind keine Seltenheit. Es erfordert schon den ganzen Mann oder die ganze Frau und auch Nervenstärke, beim Ausüben des Denuziantenjobs.

Meistens trifft es die armen Schweine, die wegen Schwarzfahrens einfach mal eingebuchtet werden, weil sie das Geld nicht aufbringen können. Deswegen benötigt man auch Arschlöcher oder arschlochähnliche Wesen bei der Durchsetzung von Recht und Ordnung.

Es gibt genügend emphatielose und rückradlose Menschen, die bereit sind, auf Kosten von Anderen eine Tätigkeit nachgehen. Irgendwie gönne ich ihnen die schlaflosen Nächte und die Gewissensbisse. Irgendwie sollten sie für diesen unwürdigen Job auch bestraft werden.

Das Ordnungsamt im Prenzlauer Berg hat so viele Spitzel eingestellt, dass man sich hier ständig kontrolliert fühlt, so als lebe man unter einer Besatzungsmacht. So lange hier auf diese Abzockerei der Rubel rollt, werden wir uns wohl an uniformierte Kontrollettis gewöhnen müssen.

Meine Sympathie werden sie, die dieses widerliche Kontrollieren veranstalten, jedenfalls nicht bekommen und traurig, dass so viele für diesen Schweinejob bereit stehen.

Individualismus in der M10

In der Gegend, wo ich wohne haben sich die Individualist*innen breit gemacht. Zumindest äußerlich hat man auf den ersten Blick den Eindruck, der Anteil der selbstgesteuerten und -ermächtigten Leute ist hier besonders hoch. Bunte Kreativität hat Einzug in das Äußere genommen, emanzipierte Attitüde beherrscht die Szenerie. Das geht, besonders in der Straßenbahnlinie M10 und dank I-Pod und anderer Smartphone, dank der sozialen Netze, bis hin zum kollektiven Sozialautismus. Auch wirkt die Buntheit beim genaueren Hinsehen eher uniform und gleichgeschaltet. Schade um so manches wirklich kreative Potential, wenn man der konsumverseuchten und arbeitsgeilen Herde hinter her schaut. Sie denken von sich, sie haben sich wirklich verwirklicht. Dabei sind sie, getrieben von sozialer Reputation, vom unbedingten Willen, dazu zu gehören und sich nach unten abgrenzen zu können, schon längst eine gehetzte Meute, wo das Private nicht mehr privat ist, wo Lebensentwürfe gescheitert sind und wo trotzdem noch die Contenance gehalten werden muss. Erbärmlich ist der Zustand, wo nur noch Form und weniger Inhalt zählt. Die Jagd nach dem goldenen Kalb kann man wahrscheinlich nur mit pathologischer Schizophrenie erfolgreich bestreiten. Somit kann die Mitfahrt in der M10 eine auch durchaus amüsante Angelegenheit werden.