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Mein 40ter vor zehn Jahren und das Mobbing eines Sternekochs

An dem Geburtstag meiner besten Freundin traf ich ihn wieder, einen gemeinsamen Freund, der mir eigentlich nicht besonders nahe stand. Trotzdem verabredeten wir eine Spritztour nach Warnemünde. Ich hatte zwei Tage später Geburtstag und hatte für meinen 40ten noch nichts vor. Da schien mir der Vorschlag, mit Micha an die Ostsee zu fahren, total schlüssig und praktikabel. Endlich hatte ich für meinen beschissenen Geburtstag einen Plan.

Die Tour war ok. Wir feierten mit Rostocker Kümmel in den Ehrentag hinein und gaben uns in diversen Warnemünder Kneipen die Kante. Den folgenden Tag verlebten in der Sauna und bei Spaziergängen. Summasumarum war es bis dahin ein zünftiger Geburtstag. Das sollte aber noch anders werden.

Abends mussten wir wieder in Berlin aufklatschen, da ich im The Regent Hotel im Grunewald Nachtschicht hatte. Mein damaliger Küchenchef, der einzige Zwei- Sterne- Koch von Berlin, Christian Lohse „gratulierte“ mir mit ganz beleidigenden und respektlosen Bemerkungen („für Dich und für jeden hier stehen mindestens 40 Köche bereit und lecken sich alle 10 Finger, hier arbeiten zu können“), dass ich mit 40 nicht mehr in den Laden gehöre und sowieso nicht ins Team passe usw.

Dieser Koch, der eigentlich richtig gut kochen kann und von dem ich rein fachmännisch viel gelernt habe, war menschlich so daneben, dass ständig er seinen neoliberalen und sozialdarwinistischen Unfug den Jungköchen als Lebensweisheiten auf dem Weg geben wollte. Er versuchte den Köchen einzubläuen, dass Rücksicht und Solidarität was für linke Spinner ist und nicht ins wirkliche Leben gehört. Weil er eine Russin geheiratet hatte, fühlte er sich auch noch als Experte zum Thema Ost/West und wollte mir und den hörigen Jungköchen die Mentalität der Ossis erklären und wie sie sich doch unterordnen müssen und doch endlich vom Westen mit seinem Leistungsdruck und seiner Kälte begeistert sein sollen und sich dankbar zeigen sollten.

Ich befand mich gerade in der von ihm angezettelten Mobbingphase, in der einige der speichelleckenden Köche involviert waren und das schon seit einigen Wochen lief. Er wollte mich, wie schon erfolgreich bei anderen altgedienten Kolleginnen vorher, unbedingt raus haben, da ich ihm zu alt für diesen Job war. Seine Säuberungsaktionen waren gründlich. Ich war der letzte der alten Riege. Regis und einige andere von ihm angeheuerten Vasallen versuchten das Mögliche, mich mürbe zu machen. Mobbing der allerfeinsten Sorte.

Lohses pseudo-philosophischen Auslassungen waren so widerlich und ekelerregend, so diskriminierend und asozial, wie ich sie bei Besserwessis oft erlebt hatte. Dass er auch andere Mitarbeiter*innen, die ihm nicht hörig genug waren, in aller Öffentlichkeit fertig gemacht und sie vor anderen vorgeführt hatte, war aus meiner Sicht seine perfide Methode, um sein Regime aus Angst und Folgsamkeit zu festigen.

Ein persönliches Gespräch mit ihm bewirkte keine Verbesserung meiner Lage. Die Beschwerde bei der Personalabteilung konnte die von Lohse gewünschte Entlassung nur etwas hinauszögern. Er stellte mich vor versammelter Mannschaft zur Rede, wie ich es wagen konnte, hinter seinem Rücken mich über ihn zu beschweren. Die Eskalation und meine Konter überraschten ihn und beruhigten zunächst meine Situation. Bis er mir ein Angebot machte. Er wollte mich abfinden.

Wer einmal in diese Rolle gekommen ist, weiß, wie kleinteilig und intensiv psychologisch Druck ausgeübt werden kann und wie schlecht man sich dabei permanent fühlt. Ich ging auf ein verbessertes Angebot ein.

Vielleicht muss man als Spitzenkoch so sein. Das extrem hierarchische Regime der Küchen in der Spitzengastronomie in diesem Lande ist ein Hort der offensivsten und aggressivsten Form der Ausbeutung von Lohnabhängigen, ein Refugium von Sadismus, Terror und vergifteter Atmosphäre, wo wieder neue Koch-Hyänen heran gezüchtet werden, die dann ihre perfiden Methoden an die nächste Generation weiter geben.

Jedenfalls ist Lohse für meine schlechte Laune am Ende meines 40. Geburtstages verantwortlich gewesen und als ich ihn mal bei Kerner sah, wurde mir gleich so richtig übel.

Komisch, dass ich mich immer noch daran so erinnere und ich auch gefühlsmäßig immer noch betroffen bin. Mobbing sollte man nicht verharmlosen, ist es doch vielerorts leider Alltagsrealität. Es gibt zu viele Lohses in diesem Land.

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Wer (was) bin ich oder Titel (Thesen Temperamente)

Rein aus der Job-Perspektive haben sich so einige Titel zusammen gesammelt. Wenn man Titel als Position, Kategorie oder Einordnung versteht. Begonnen als Lehrling bei HO-Gaststätten Potsdam, Alleinkoch in der Cafehaus GmbH (man merkt, es war Wende) kamen in der strengen Hierarchie des Aufstieges als Koch noch einige auszufüllende Positionen dazu. Demi Chef de Partie, Chef de Partie, Chef de Tournand, Sous Chef, Chef de Cruisine sind die Wörter, die die normale Karriereleiter beschreiben. Eigentlich wollte ich was anderes schreiben. Was machen Titel aus einem, beschreiben sie wirklich eine Persönlichkeit? In meiner kleinen Karriere konnte ich mit Bocuse, Ducasse, Winkler, Müller, Uhrs und Lohse zusammen arbeiten. Und ich habe für The Cure, Mariah Carey, Celine Dion, Leonardo di Caprio, Sean Connery, Jeniffer Lopez, Tom Jones, Boris Becker, Gerhard Schröder, Vladimir Putin, Willi Daume, Jaques Chirac, Joschka Fischer, Mathias Platzeck, Manfred Stolpe und vielen Anderen gekocht. Das macht mich bis heute noch stolz. Man kann kaum mehr in diesen Beruf erreichen, natürlich kann man Sterne kochen, in Fernsehshows auftreten, aber dann hätte man sich richtig fertig machen müssen und täglich 14 Stunden am herd stehen müssen. Das war nicht mein Ding und so bin ich mit dem, was mir der Job gegeben hat, sehr zufrieden. Als Höhepunkt meiner Karriere sehe ich meine jetzige Tätigkeit an: Für Kinder in einer Schule kochen. Das ist die lohnenste Klientel und die sinnvollste Arbeit als Koch. Für Bonzen und Promis zu kochen, ist so sinnentleerend. Aber wie gesagt, zeitweilig fand ich es ja auch toll. Mich machen Titel nicht aus. meine Reputation beziehe ich aus den Kontakt mit Menschen und den Handlungen in von mir ausgesuchten Zusammenhängen.