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Die Hoffnung für Ungarn: Sziget

Als ich jemanden fragte, warum das Musikfestival Sziget auf einer Donauinsel in Budapest so ganz anders als das Bild von Ungarn, dass ich mir in den letzten Jahren machen musste, ist, antwortete er: Tja 50% der Ungarn sind halt Arschlöcher und der Rest ist hier.

Es ist eben nicht nationalistisch, rassistisch, homophob, fremdenfeindlich, antisemitisch, diskriminierend, diktatorisch, meinungseinschränkend, rechtsradikal, faschistisch und hässlich. Genau das Gegenteil erlebt man hier.

Im Magic Mirror legen Transen aus Berlin Housemusic auf, die World Music Stage bringt Volksmusik der Roma auf Clubstyle, Asaf Avidan spielt auf der großen Bühne vor einem Meer von Israel-Flaggen, internationale Bands spielen vor Menschen aus über 90 Ländern, nicht nur das Essen ist so kosmopolitisch, dass sich Festivals in Deutschland noch eine Scheibe abschneiden können.

Die Zelte der Gäste sollen im Anschluss der Festival-Woche Flüchtlingen zur Verfügung gestellt werden, das liest man bei jeder Konzertankündigung. Bunt und multikulturell will Sziget sein und es ist es auch mit einer unglaublichen Leichtigkeit, einer einzigartigen Kreativität voller Farben und einer glaubhaften Herzlichkeit.

So manchen Politiker aus der Orban-Kaste wird das alles hier nicht gefallen haben. Aber der wirtschaftliche Erfolg wird sie wohl umgestimmt haben und zähneknirschend mussten sie diesen weltoffenen Kosmos wohl ertragen. Wenn Sziget Ungarn wäre oder Ungarn Sziget, da wäre dem Land viel geholfen.

Immerhin war es ja schon mal ein Leuchtfeuer der Freiheit, damals, 1989. Der Goulaschkommunismus war bereits davor für viele DDR-Bürger, auch für mich, das gelobte Land. Als dann der eiserne Vorhang in Ungarn Risse bekam, nahm die Befreiungsbewegung von der sozialistischen Doktrin so richtig Fahrt auf. Die Flüchtlinge aus der DDR, die vom ungarischen Malteser-Hilfswerk betreut wurden, hatten den Atem des freien Westen bei Budapest das erste Mal genossen. Viele haben das heute leider vergessen.

Aber auf diese historische Leistung sollte sich das ungarische Volk besinnen. Sie sollten die Faschisten und Fast-Faschisten abwählen und sich wieder eine freie und ungezwungene Gesellschaft geben. So wie ich sie auf der Donauinsel Anfang August 2015 erleben dürfte und dafür sehr dankbar den Ungarn, oder der besseren Hälfte, bin.

#Berlin: Blockwart und Kosmopolit

Ich komme gerade vom Balkan und bin noch überwältigt von den großartigen Eindrücken aus den verschiedenen Ländern. Eins ist ihnen allen gleich gewesen: die herzliche, unaufgeregte und ehrliche Gastfreundschaft gegenüber mir als Deutschen, insbesondere für einen, der aus Berlin kommt. Neben dem üblichen Smalltalk war echtes Interesse vorhanden und ich musste über diese Stadt berichten, die bei den Einheimischen der Balkanländer, aber vor allen Dingen bei den unzähligen Backpacker aus aller Welt einen so grandiosen Ruf genießt.

Da habe ich mir so meine Gedanken gemacht und mich gefragt, was dieser Popularität zu Grunde liegt und warum alle so von der deutschen Hauptstadt schwärmen. Vielleicht sind es die vielen Spätkaufs, wo man billiges Bier bekommt und das dann völlig ungehemmt in der Öffentlichkeit saufen kann. Sicher ist es die geniale und bunte Clubkultur, die in ihrer Vielfalt schon einmalig ist. Sind es am Ende die Menschen, die eine ausgeprägte Weltoffenheit und Toleranz ausstrahlen und die Stadt für Fremde zu einem unvergessenen Erlebnis werden lassen? Doch wer strahlt aus und wie machen die das?

Jedem nach seiner Facon, das hat schon der alte Fritz als Slogan zum multikulturellen Miteinander ausgegeben. Vielleicht ist es vielen Berlinern immer noch im Blut, diese Willkommenskultur zu zelebrieren und so viele Menschen auch außerhalb sogenannter imaginärer Normen zu akzeptieren und irgendwie gut zu finden. Es wäre so schön, wenn dieses friedvolle und integrative Treiben wirklich den Charakter dieser Stadt ausmachen würde. 

Nun ist ja Berlin nicht die Insel der Seligen, schon gar nicht abgekoppelt von Intoleranz, Diskriminierung, Rassismus, Ausgrenzung, Denunziation, sozialer Kontrolle, Provinzialität, Kleingeist, Prüderie, Homophobie und Spießertum. Sie findet hier statt, nicht immer in der öffentlichen Wahrnehmung, aber überall dort, wo Menschen um immer enger werdenden öffentlichen Räumen streiten, wo Fremdsein auf Alteingesessenheit stösst, wo Lärm Ruhe trifft, wo unterschiedliche Mentalitäten aufeinander prallen, wo andere Lebensentwürfe nicht ins Allgemeinbild passen.

Dann ist es mit der preußischen Toleranz ganz schnell vorbei. Mit Blockwart-Attitüde wird dann schon mal gehen alles gekämpft, was nicht ins selbstgebastelte Weltbild passt. Einstweilige Verfügungen, unterirdische Kampfschriften, Drohungen und haarsträubende Reglementierungen prägen dann den Alltag in Berliner Wohngebieten. Die Provinzialität und der verbohrte Kleingeist hat Einzug in die Metropole gefunden.

Und da sind sich Ost wie West sehr ähnlich. Schon in der DDR gab es diese soziale Kontrolle und das Verpetzen an die Ordnungsmacht. Denunzieren als Staatsreligion wurde von Vielen befolgt und war salonfähig. Die Abnormen und Randgruppen hatten schlechte Karten. Der Westen war da nicht viel anders. Die Zugezogenen im Prenzlauer Berg leben ihre mitgebrachte Intoleranz in der Vertreibung der Clubs und alles Lautem und nicht mehr Passendem heute noch aus.

Der Kampf gegen die Touristen im Friedrichshain und Kreuzberg ist dieser Stadt so unwürdig, so unglaublich erbärmlich. Fragt die unzähligen Menschen weltweit, die Berlin so schätzen und davon ausgehen, hier willkommen zu sein. Denn eine Stadt ist nur so gut, wie sie mit ihren Gästen umgeht, wie sie Randgruppen behandelt, wie relaxt sie die Verschiedenheit dieser Welt akzeptiert, toleriert und sich für sie begeistern kann.

 

Sushi in Suhl

Dabei machte er gar kein Sushi. Er baute das erfolgreichste japanische Restaurant in Europa auf und hatte mit Werner Jarowinsky ein SED-Politbüromitglied, dass sich persönlich um die Einkäufe aus Japan kümmerte. Rolf Anschütz`Story wurde schon verfilmt. Und dieser Film veranlasste mich, meine Version zu erzählen.

Ich füllte mich im Haus der DSF nicht wohl. Da kam der HOG-Chef zu mir und fragte, ob ich an einer Mitarbeit in einem Asiatischen Restaurant interessiert bin. In der Roten Villa in der Berliner Straße sollte es entstehen, man lässt sich das was kosten. Diese exotischen Häuser waren für die Bezirks-HOs sowas wie Aushängeschilder und wurden ordentlich subventioniert. Wir wurden nach Suhl in den Waffenschmied zum lernen geschickt. Nur schade, dass die japanische Küche, die wir hier in einer Woche erlernen sollten, gar nicht in Potsdam gekocht wurde. Doch dazu später…

Anschütz zeigte uns voller Stolz sein Reich, den Garten, die Schiebetüren mit feinen Zeichnungen, erzählte uns von Auftritten im japanischen Fernsehen, die ganze Lebensgeschichte, die Kämpfe mit der HO, mit dem Politbüro und gegen Neider.

Man muss sich vorstellen, dass wir uns in der DDR sowas gar nicht vorstellen konnten. Keiner hatte einen Blassen von dem, was Anschütz da redete. Japan in der DDR, das geht doch gar nicht. Und doch sahen wir einen unwirklichen Kosmos des imperialistischen Weltsystems. Wir zogen uns die Kimonos an und aßen das von uns selbst produzierte Menü. Später schleuderte ich mein halbes Kochgehalt dem Barkeeper der Skybar des Interhotels Panorama in Oberhof in den Hals. Es war eine unvergessene Woche in Thüringen.

In Potsdam kochten wir dann chinesisch. Dafür kam extra der Koch der DDR-Botschaft aus Peking angereist. Ich lernte schnell schneiden und er leerte täglich eine Flasche Cognac.

Als mit der Wende allmählich auch chinesische Restaurants durchsickerten, wusste ich, dass unsere damaligen Menüs nicht nur viel besser, sondern auch viel originaler waren, als in jeder Klitsche hier.

Siebenmal Morgenrot, siebenmal Abendrot

Webers böse Jungs gemeinsam auf Kur zu schicken, war echt ein Wagnis. Meine Mutter tat es trotzdem. Während meine Brüder schon fleißig vor sich hin pupertierten, genoss ich noch das Knabensein mit Träumereien und Babyspeck.

Gleich im Anschluss der großen Sommerferien, die damals noch acht Wochen lang waren, ging es für weitere drei Wochen nach Volkersdorf bei Dresden. Heiße Wickel, kalte Waschungen und lange Sparziergänge prägten nun unseren Alltag. Ein gewisser Herr Born ließ sich aber noch ein paar perfide Dinge mehr einfallen, um unseren Kuraufenthalt zu illustrieren.

Es gab bei ihm eine Bienchen – und Teufelchenliste. Seine Lieblingskinder wurden mit Bienchen überschüttet, dürften an seinem Tisch essen und hatten noch andere Privilegien. Die große Rest sammelte schon für das zuviel oder zuwenig Kacken am Tag Teufelchen, bei Widerrede und Diskussionen kam er richtig in Fahrt.

Da meine Brüder mehr der zweiten Gruppe zugerechnet wurden, erhöhte sich ihr Teufelkonto schnell auf bedrohliche Höhen. Alle weiteren Erziehungsmaßnahmen, wie Einsperren, verstärkte soziale Kontrolle, Strafläufe oder Essensentzug sollten nicht viel nützen. Ich schwamm so mitten drin, bekam in meinem autistischen Welten nicht viel mit und war dementsprechend uninteressiert gegenüber dem Schicksal meiner Brüder. Als sie nach Hause geschickt werden sollten, wollte ich natürlich bleiben.

Dann wären mir ja auch die ekelhaften Nachtgänge zu einem Müllplatz voller Ratten entgangen. Born zwang uns dazu, um dann noch abstoßender zu kreischen, wenn sich eine blicken ließ. Anschließend malträtierte er uns mit dem damaligen Smash Hit „Siebenmal Morgenrot, siebenmal Abendrot“ des DDR-Schlagerstars Andreas Holm. Den bekam man auch beim Einschlafen nicht mehr aus dem Hirn.

Wütend wurde ich nur, weil ich ein dicken  schwarzen Pullover bei 25 Grad zum Ausflug nach Dresden anziehen musste. Das war vorsätzliche Quälerei.

Irgendwann war Herr Born nicht mehr da, mit ihm verschwanden Bewertungslisten, Rattengänge und drakonische Strafen. Er soll sich Übergriffe geleistet haben, munkelte man. Meine Brüder beendeten, wie ich, weitgehend unbeschadet den bizarren Ausflug ins DDR-Erziehungssystems und waren froh, unter halbwegs menschlich wirkenden Lehrern und Erziehern das Schuljahr endlich beginnen zu können.

Meine Mutter wirkte sichtlich erholt, hatte sie von uns und den Ereignissen nichts weiter mitbekommen.

BTW 2013: Agit/Prop

Das ist die Abkürzung für Agitation und Propaganda und war die Bezeichnung für die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit in diversen Strukturen in der DDR, wie SED, FDJ, Pionierorganisation „Ernst Thälmann“, aber auch in den Betrieben und anderen Institutionen. Aufgabe der Abteilung war u.a. das Erstellen von Wandzeitungen und das Vorbereiten von Propagandaveranstaltungen zur Indoktrinierung der herrschenden Ideologie. Angela Merkel ist durch ein neues Buch in die Nähe von diesen Strukturen gerückt worden. Sie war Agit/Prop-Verantwortliche ihrer Grundorganisation (GOL) der FDJ bei der Akademie der Wissenschaften der DDR. Um im System auch Erfolg zu haben, benötigte man diese politischen Jobs.

Aber eigentlich wollte ich gar nicht über die Merkel und ihrer kollaborationellen Vergangenheit im Unrechtsregime schreiben, bin aber so latent von der aktuellen Entwicklung getrieben. Die Vorwürfe sollte Angela allein mit ihrem Gewissen ausmachen, wenn sie denn eins hat. Mir geht es in Hinblick auf die Bundestagswahl um Beeinflussung der Wähler*innen durch die massive Werbung der Parteien.

Da kommt wieder eine Flut von Plakaten mit Porträts eher unterdurchschnittlich aussehender Flachnasen auf uns zu und wir können uns dem nicht wirklich entziehen. Die Ressourcen, die für diese sinnlose Schau des widerlichen Polit-Zirkuses angezapft werden, fehlen woanders, bei viel wichtigeren Bereichen. Die Lügen, die auf uns als Wahlvieh hinab prasseln, werden dreister, die Manipulation energischer, die Arschkriecherei tiefer und das Schleimen feuchter. Eines der noch verbliebenen Demokratieinstrumente ist zur einer Farce verkommen, der Wahlkampf ist das unästhetische Vorspiel dazu.

Dennoch ist Wählen Bürgerpflicht, katapultiert Dich doch Nichtwählen völlig aus jeder Mitbestimmung. Du würdest mit einer Stimmenthaltung Deinen politischen Willen in die Hände Anderer legen. Obwohl es klar nach Ohnmacht aussieht, gehe wählen, weil dann wenigstens das Fazit, ich habe es versucht, bleibt und Dich nicht zur völligen Verfügungsmasse abstempelt.

Aber den Wahlkampf und dessen Beobachtung kann man sich eigentlich sparen oder man will  sich wirklich über die Programme der Parteien informieren und ist sich politisch in den Grundsätzen noch unsicher. Wie Hirne und Herzen der Menschen wirklich erreicht werden können, haben die zur Verfügung stehenden Parteien aber noch nicht gelernt.

Ich erwarte also keine wirklichen Visionen oder politische Konzepte, die uns sagen, wie wir weiter und besser zusammenleben könnten. Aber das wäre die Aufgabe einer zur Verantwortung drängenden Partei. Wie so oft wird die Enttäuschung überwiegen und die Ohnmacht bleiben.

P.S. Angela Merkel kann sicher im kommenden Wahlkampf auf ihre Erfahrungen als Agit/Prop- Kader zurück greifen. Ich wünsche ihr viel Erfolg.

Wünsch Dir doch mal Tanzmusik

Der Titel entstammt eigentlich einer Radiosendung von Stimme der DDR. Den Zugang zu Sendungen des DDR-Rundfunks bekam ich erst bei der Armee, da Westradio hören, verboten war.

Rias und SFB 2 waren die gängigen Sender meiner Jugendzeit, die ich zuvor auf meinem großen alten Radiogerät verfolgte. Burkard Rausch, Barry Graves, Uwe Wohlmacher, Jürgen Jürgens, Rick de Lyle, Lord Knut, Andreas Dorfmann und viele Andere waren meine Rundfunkstars. Wenn bei Rias die Schlager der Woche lief, konnte man sicher sein, dass am nächsten Abend in der Diskothek Spartakus in Potsdam die Hits in der gleichen Reihenfolge gespielt wurden. Ganze Programmabfolgen der Westsender haben sich bis heute in meinem Gehirn festgesetzt.

Und die Musik…Wir waren durch die ausgezeichneten Empfangsmöglichkeiten der Anstalten aus Westberlin immer auf dem neuesten Stand. Die Radio DJs spielten die Titel auch immer aus, damit wir im Osten mitschneiden konnten.

Meinen ersten Zugang zur populären Musik bekam ich durch meinem damaligen besten Freund Karsten, der viel Independend Musik  hörte und mich dafür begeisterte. Diese bedeutsame Prägung hält bis heute an. Wir hörten bis in den frühen Morgen so abgefahrene Musik, die immer schön auf Kassette von seinem damals für Ostverhältnisse innovativen Doppeldeckrekorder abgespielt wurde. Je mehr wir tranken, um so schriller wurde die Mukke. Am Ende gab es nur noch Anfänge und besondere Stellen der Titel.

Viele dieser extravaganten Gruppen und Künstler habe ich vergessen, geblieben ist ein Hörverständnis und ein individueller Musikgeschmack, der mit nachkommenden Produktionen korrespondierte.

Übrigens gibt es noch Rundfunksender, die sich vom Pop-Einheitsbrei der meisten Anstalten abheben und durchaus vernünftige Musik, abseits vom Mainstream, spielen. Aus Westberlin sind alle innovativen Musikprogramme leider verschwunden.  Für die Befriedigung meines Musikgeschmackes muss ich nun einen Sender aus meiner Heimatstadt hören, Radio Eins aus Potsdam.