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Pfingsttreffen

In der Tradition der FDJ finden auch heute noch Jugend-Pfingsttreffen statt. Sie heißen Camp, Pfingstcamp. Legendär ist das Pfingstcamp der Linksjugend Sachsen im tschechischem Doksy, dem Land der lachenden Rehe. Dort feiert, säuft und kifft die Parteijugend um die Wette, um Kraft und Energie für neue Aufgaben und für das Basteln an der zukünftigen Parteikarriere zu sammeln. Es ist ein ausgelassendes Fest, dass die jungen Mitglieder der Partei näher rücken lässt und somit gemeinsame Erlebnisse schafft, die im geschlossenen Klassenkämpfen unabdingbar sind. Dieses Gemeinschaftsgefühl schweißt zusammen und lässt ungewöhnliche Koalitionen entstehen, die der Geschlossenheit der Partei wahrscheinlich gut tut.

Doch im Rausch vieler bewusstseinserweiternder Drogen entsteht mitunter bei so einem Camp auch unfreiwillig zerstörendes, dass dem Duktus und den Doktrin von offizieller Seite entgegensteht. Noch heute sind die Wunden nicht verheilt, die das im Chagall ersonnende und beim Camp im Werbellinsee lautstark vorgetragene Liederbuch einiger Reformer und deren Nachwuchs (genannt Bartschisten) gerissen hat. Kipping hat es bis jetzt nicht verwunden, von den Bartschisten damals als Hexe genannt worden zu sein.

Früher waren die Pfingsttreffen auch ausgelassen. So mancher Funktionär war mitunter in den Büschen des Marx-Engels-Forum beim Rudelbums mit Anfasssen zu finden und musste sich bei der Rüge des Vorgesetzten erst mal die Hose hoch ziehen. Die FDJ ließ es richtig krachen. Blauhemden aus der ganzen Republik zogen grölend und kotzend durch die Hauptstadt und genossen ihre kleine jugendliche Freiheit für drei Tage.

Mein Bruder, der auch Funktionär war und mit dem ich mal bei so einem Treffen um die Ecken zog, hatte sich so sehr am Werderaner Obstwein gehalten, dass das ausgesuchte Menü, dass wir anschließend auf Kosten der Kreisleitung konsumieren dürften, komplett auf dem Asphalt des Alexanderplatzes landete. Damit war für ihn das tolle Pfingstfest Geschichte geworden.

Immer wenn ich an Pfingsten denke, fallen mir solche Bilder ein, der heilige Geist ist mir jedenfalls noch nicht erschienen. Wenn ich heute zum Karneval der Kulturen, der sich ja immer zu Pfingsten feiert, als Alternative zu den Jugendtreffen gehe, zelebriere ich zuweilen meine damaligen pubertierenden Ausbrüche, um zünftig an die guten alten Zeiten zu erinnern.

Momentaufnahmen 1988: Als die FDJ Eventmanager wurde

Die DDR sollte noch 1 1/2 Jahre existieren. Da ließ es die FDJ mal so richtig krachen. Dann kam der Jugendverband der DDR und organisierte überdimensionale Megakonzerte.

Was für ein Spaß. Bis zu 180 000 Menschen strömten damals zur Radrennbahn Weißensee, um Stars wie Bryan Adams, Fisher Z, Marillion, James Brown und auch meine damalige Lieblingsband Rainbirds mit dem brillianten Titel „Blueprint“ zusehen. Auch Bob Dylon, Joe Cocker und nicht zuletzt Bruce Springsteen fanden den Weg ins hinterwäldsche Ostberlin. Gespickt mit prominenten Ostbands waren diese Tage absolute Höhepunkte in dem bis dato grauen Jugendlichen-Alltag gewesen. Wir waren wie im Rausch.

Seit diesem Sommer 1988 habe ich eine Affinität zu Musikfestivals und Open Air-Konzerten entwickelt.

Sommer, Sonne lacht, Sowjetmacht…

Sommer, Sonne, alles lacht, drum lieben wir die Sowjetmacht oder Wir nahmen das Regime nicht ernst

Der Spruch fiel in der Berufsschule in Potsdam. Der Kochlehrling Sven Remus, der in der HO-Gaststätte Terassenrestaurant Minsk am Brauhausberg lernte, haute ihn mitten im Unterricht raus und ich konnte mich vor Lachen kaum einkriegen. Der Spruch hat mich ewig begleitet, zeigte er mir die Lächerlichkeit des sozialistischen Systems und die Propagandamaschine der Kommunisten als Realsatire.

Auch bei der NVA war das Experiment, nicht ernst nehmen, bei mir allgegenwärtig und Gegenstand des täglichen Handelns. Als mich der Kompaniechef Major Seltmann bei seiner Kontrolle der Wache aufforderte, ich sollte mich drehen und als Wachhabender doch endlich in diesem Saustall Ordnung rein bringen, drehte ich mich tatsächlich um meine eigene Achse und fragte ihn anschließend: „Reicht das??“

Ständig ließ ich mich vom Stabschef der Abteilung Klosterfelde des Fla-Raketenregimentes Bernau der Luftverteidigung der DDR persönlich wecken, da ich wieder mal die Nachtschicht der Klopper (Offiziere in unserem Sprachgebrauch) übernommen hatte und ich ja irgendwann mal schlafen wollte. Der betroffene Offizier verteidigte dann Gott sei Dank meinen Tagesschlaf.

Bei einer Nachtübung, nachdem wir die Fenster von halb Oranienburg ausgeleuchtet hatten und die Bewohner*innen wahrscheinlich dachten, es geht wieder los, schoss ein Soldat mit Platzpatronen in die Luft, weil ihn ein nächtlicher Passant kein Feuer geben wollte. Pilzsuchende im Speergebiet verscheuchten wir regelmäßig mit unserer Knarre um dann die üppig stehenden Pilze einzusammeln und sie auf einem Bügeleisen zu braten.

Diese Respektlosigkeit fand für mich aber nicht nur bei der Armee statt. Ob in der Schule, später in den Ausbildungsbetrieben, es gab immer einen stillen Protest von mir, indem ich das alles lächerlich machte.

Stundenlange Diskussionen mit meinem Staatsbürgerkunde-Lehrer brachten mir komischerweise eine Note 1 ein, weil ich der Einzige mit Mitarbeit war und ich den Anderen der Klasse zum Skat spielen und Schiffe versenken verhalf. An meinem Klassenstandpunkt kann es nicht gelegen haben.

Als FDJ-Kassierer verjubelte ich gerne das eingenommene Geld zum Eis essen, bis es raus kam und ich dankenswerter Weise abgelöst wurde.

Es waren wunderbare Jahre des nicht Ernstnehmens und der Leichtigkeit, die sich 1989 mit der Wende und meinem Erwachsenwerden leider fast aufgelöst haben. Die neue Gesellschaftsordnung ist wirklich viel zu ernst, als dass man sie lächerlich machen kann. Das ist sehr schade. Nischen des Humors gibt es trotzdem noch, man muss sie nur finden.

BTW 2013: Agit/Prop

Das ist die Abkürzung für Agitation und Propaganda und war die Bezeichnung für die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit in diversen Strukturen in der DDR, wie SED, FDJ, Pionierorganisation „Ernst Thälmann“, aber auch in den Betrieben und anderen Institutionen. Aufgabe der Abteilung war u.a. das Erstellen von Wandzeitungen und das Vorbereiten von Propagandaveranstaltungen zur Indoktrinierung der herrschenden Ideologie. Angela Merkel ist durch ein neues Buch in die Nähe von diesen Strukturen gerückt worden. Sie war Agit/Prop-Verantwortliche ihrer Grundorganisation (GOL) der FDJ bei der Akademie der Wissenschaften der DDR. Um im System auch Erfolg zu haben, benötigte man diese politischen Jobs.

Aber eigentlich wollte ich gar nicht über die Merkel und ihrer kollaborationellen Vergangenheit im Unrechtsregime schreiben, bin aber so latent von der aktuellen Entwicklung getrieben. Die Vorwürfe sollte Angela allein mit ihrem Gewissen ausmachen, wenn sie denn eins hat. Mir geht es in Hinblick auf die Bundestagswahl um Beeinflussung der Wähler*innen durch die massive Werbung der Parteien.

Da kommt wieder eine Flut von Plakaten mit Porträts eher unterdurchschnittlich aussehender Flachnasen auf uns zu und wir können uns dem nicht wirklich entziehen. Die Ressourcen, die für diese sinnlose Schau des widerlichen Polit-Zirkuses angezapft werden, fehlen woanders, bei viel wichtigeren Bereichen. Die Lügen, die auf uns als Wahlvieh hinab prasseln, werden dreister, die Manipulation energischer, die Arschkriecherei tiefer und das Schleimen feuchter. Eines der noch verbliebenen Demokratieinstrumente ist zur einer Farce verkommen, der Wahlkampf ist das unästhetische Vorspiel dazu.

Dennoch ist Wählen Bürgerpflicht, katapultiert Dich doch Nichtwählen völlig aus jeder Mitbestimmung. Du würdest mit einer Stimmenthaltung Deinen politischen Willen in die Hände Anderer legen. Obwohl es klar nach Ohnmacht aussieht, gehe wählen, weil dann wenigstens das Fazit, ich habe es versucht, bleibt und Dich nicht zur völligen Verfügungsmasse abstempelt.

Aber den Wahlkampf und dessen Beobachtung kann man sich eigentlich sparen oder man will  sich wirklich über die Programme der Parteien informieren und ist sich politisch in den Grundsätzen noch unsicher. Wie Hirne und Herzen der Menschen wirklich erreicht werden können, haben die zur Verfügung stehenden Parteien aber noch nicht gelernt.

Ich erwarte also keine wirklichen Visionen oder politische Konzepte, die uns sagen, wie wir weiter und besser zusammenleben könnten. Aber das wäre die Aufgabe einer zur Verantwortung drängenden Partei. Wie so oft wird die Enttäuschung überwiegen und die Ohnmacht bleiben.

P.S. Angela Merkel kann sicher im kommenden Wahlkampf auf ihre Erfahrungen als Agit/Prop- Kader zurück greifen. Ich wünsche ihr viel Erfolg.