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Rechtsruck bei Jauch

Jauch versuchte sich mal wieder an einem Sonntagabend in Sachen Journalismus, obwohl er seit Jahren nur an dessen Bodensatz kratzt und keine Ahnung von politischer Auseinandersetzung hat. Er sollte heute die Lügenpresse repräsentieren und als Erster einen Pegida-Verantwortlichen interviewen. Das sollte dann wahrscheinlich Quote bringen, mutierte aber stattdessen zu einer rechtspopulistischen Propagandashow mit einer dreisten Unausgewogenheit. Man konnte zur Ansicht kommen, nicht nur Pegida, sondern die AfD oder Schlimmeres hätten der Jauch-Redaktion Gästeliste, Zuschauerauswahl und Fragen diktiert.

Frau Oertel war also die Frau des Volkes, die zusammen mit dem unsäglichen Bachmann Pegida organisiert. Sie bekam auch gleich den Raum und die Zeit, sich dementsprechend in Szene zu setzen. Weichgespühlte Fremdenfeindlichkeit mit der gehörigen Potion der zweifelhaften Distanzierungen von Nazis und Rassisten blieben erwartungsgemäß unwidersprochen. Bei in sich widerspüchlichen Aussagen wurde nicht nachgehackt, Jauch wirkte völlig unvorbereitet.

Dann kamen die weiteren Gäste. Von Thierse sollte also die kritisch-linken Geschosse gegen Pegida kommen. Doch dieser hatte sicher seine rhetorischen Sternstunden schon lange hinter sich gelassen, sein Schwert war stumpf, seine Argumentationen fanden nicht ihr Ziel. Beim Schwaben-Bashing im Prenzlauer Berg fand ich ihn pointierter. Übrigens Buschkowsky oder Sarrazin hätten heute abend einfach besser gepasst. (Achtung Ironie!)

Wer hätte gedacht, dass der sich als pseudo-weltoffen und super tolerant gebende CDU-Mann Spahn noch die kritischsten Fragen Richtung Oertel stellte. Zumindest versuchte er aus seiner reaktionären Weltsicht wenigstens Etwas aus dem Pegida-Programm zu entlarven.

Damit war es mit dem Gegenwind schon vorbei. Was hat sich die Redaktion nämlich dabei gedacht, zur Unterstützung der Fremdenfeindlinge auch noch AfD-Gauland (der Name ist Programm…) einzuladen. Damit er seine, man könnte auch sagen, völkischen Propaganda unters Volk schütten kann?

Doch das war noch lange nicht der Gipfel. Denn den setzte der Chef der sächsischen Landesbehörde für politische Bildung, Richter. Er war an diesen Abend nicht nur Steigbügelhalter einer versteckt rassistischen Propaganda, sondern gefiel sich als Eiferer rechtsradikaler Ideen und Sympatisant von Fremdendfeindlichkeit. Er will mit Steuergeldern Pegida ein größeres Podium bereiten. Da wurde mir Einiges klar über Sachsen und Dresden. Der Sumpf ist viel tiefer.

Die Zuschauer müssen auch handverlesen gewesen sein, applaudierten sie nur, aber dafür ausgiebig, bei Afd- und Pegida-Parolen. Unfassbar, wie tendeziös und einseitig hier sogenannte massenkompatible Politik betrieben wurde, wie dem Rassismus und der Fremdenfeidlichkeit ein breites Podium gewährt wurde und wie radikal Gegenmeinung ausgespart und die weltoffene und tolerante Öffentlichkeit ausgesperrt wurde.

Das nächste Mal kann Jauch ja mit der NPD über Flüchtlinge und Homosexuelle reden. Weit war er diesmal davon schon nicht entfernt.

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Ich Ausländer!

Da sitze ich am heiligen Abend mit 30 Auslaendern beim Chrismas Eve Menu in einem bunten Hostel in Barcelona und feiere das Fest, was nicht meins ist und dem ich zu entfliehen versucht habe. Sie kommen aus Kanada, Guatemala, England, Portugal, Oesterreich, USA, Argentinien, Venezuela, Suedkorea, Schwaben. Sie haben mit Weihnachten ebenfalls nichts am Hut, sie sind so herrlich multikulturell und fantastisch kosmopolitisch. Wir saufen einen Eimer Sangria, werden immer lauter und singen zu britischen Pop.

Wenn ich hier so mit nur Deutschen sitzen wuerde, ich weiss nicht, ob das so lustig waere. Gaensebraten und stocksteife Konversation??

In der Schweiz war ich auch Auslaender. Damals in den 90ern, als in Deutschland Fluechtlingsheime brannten und ich mich fuer das rechtfertigen musste. Ich habe mich sogar entschuldigt, die Bilder waren ja furchtbar.

Wir waren eine Crew aus 20 verschiedenen Laendern. Gastronomie war schon aus wirtschaftlichen Erwaegungen toleranter, als andere Branchen. Es waren Portugiesen, Tuerken, Kurden, Schweden, Spanier, Oesterreicher, Ostdeutsche, Hollaender, kamen aus Sri Lanka und Aethopien. Die Parties bei den Ceylonesen waren immer die Besten. Irgendjemand der Truppe hatte immer Geburtstag, der zu feiern war. Mit Technomusik und Chicken Curry ging es bis in die Fruehe.

In Irland war ich der einzige Deutsche in einem Heer von Iren. Es war noch ein Franzose, ein Waliser und ein Tscheche dabei. Von Diskrimminierung und Ausgrenzung habe ich in den drei Jahren auf der Insel nichts gespuert. Sie machten es mir leicht, mich zu integrieren, ihre Hoeflichkeit und ihr Respekt hilt die ganze Zeit an. Was fuer eine tolle Zeit. Irgendwie hatten die das mit der Willkommenskultur drauf.

Und heute schaeme ich mich wieder. Wegen der Fremdenfeindlichkeit von tausenden Deutschen. Diese Hochnaesigkeit, diese grundlose Arroganz gegenueber Auslaendern ist so ueberhaupt nicht zu verstehen.

Dieser rassistische Haufen sollte sich mal ins Ausland begeben und als Auslaender auf die Einheimischen angewiesen sein. Sie sollten ihr blaues Wunder erleben, gehasst werden, eingeschuechtert werden, es mit psychischer und physischer Gewalt zu tun bekommen.

Wahrscheinlich werden sie aber willkommen geheissen und werden diesen Respekt ueberhaupt nicht verdienen.

Meine Welt waere um einiges aermer, ohne die vielen Menschen aus anderen Laendern, Kulturkreisen und mit verschiedenen Mentalitaeten. Ich bin gerne Auslaender und werde Fremde immer willkommen heissen, da ich auch immer willkommen war.

P.S. Ich habe den Text im Ausland geschrieben, die haben keine Umlaute auf der Tastatur…darum ae, oe, ue.

#Berlin: Blockwart und Kosmopolit

Ich komme gerade vom Balkan und bin noch überwältigt von den großartigen Eindrücken aus den verschiedenen Ländern. Eins ist ihnen allen gleich gewesen: die herzliche, unaufgeregte und ehrliche Gastfreundschaft gegenüber mir als Deutschen, insbesondere für einen, der aus Berlin kommt. Neben dem üblichen Smalltalk war echtes Interesse vorhanden und ich musste über diese Stadt berichten, die bei den Einheimischen der Balkanländer, aber vor allen Dingen bei den unzähligen Backpacker aus aller Welt einen so grandiosen Ruf genießt.

Da habe ich mir so meine Gedanken gemacht und mich gefragt, was dieser Popularität zu Grunde liegt und warum alle so von der deutschen Hauptstadt schwärmen. Vielleicht sind es die vielen Spätkaufs, wo man billiges Bier bekommt und das dann völlig ungehemmt in der Öffentlichkeit saufen kann. Sicher ist es die geniale und bunte Clubkultur, die in ihrer Vielfalt schon einmalig ist. Sind es am Ende die Menschen, die eine ausgeprägte Weltoffenheit und Toleranz ausstrahlen und die Stadt für Fremde zu einem unvergessenen Erlebnis werden lassen? Doch wer strahlt aus und wie machen die das?

Jedem nach seiner Facon, das hat schon der alte Fritz als Slogan zum multikulturellen Miteinander ausgegeben. Vielleicht ist es vielen Berlinern immer noch im Blut, diese Willkommenskultur zu zelebrieren und so viele Menschen auch außerhalb sogenannter imaginärer Normen zu akzeptieren und irgendwie gut zu finden. Es wäre so schön, wenn dieses friedvolle und integrative Treiben wirklich den Charakter dieser Stadt ausmachen würde. 

Nun ist ja Berlin nicht die Insel der Seligen, schon gar nicht abgekoppelt von Intoleranz, Diskriminierung, Rassismus, Ausgrenzung, Denunziation, sozialer Kontrolle, Provinzialität, Kleingeist, Prüderie, Homophobie und Spießertum. Sie findet hier statt, nicht immer in der öffentlichen Wahrnehmung, aber überall dort, wo Menschen um immer enger werdenden öffentlichen Räumen streiten, wo Fremdsein auf Alteingesessenheit stösst, wo Lärm Ruhe trifft, wo unterschiedliche Mentalitäten aufeinander prallen, wo andere Lebensentwürfe nicht ins Allgemeinbild passen.

Dann ist es mit der preußischen Toleranz ganz schnell vorbei. Mit Blockwart-Attitüde wird dann schon mal gehen alles gekämpft, was nicht ins selbstgebastelte Weltbild passt. Einstweilige Verfügungen, unterirdische Kampfschriften, Drohungen und haarsträubende Reglementierungen prägen dann den Alltag in Berliner Wohngebieten. Die Provinzialität und der verbohrte Kleingeist hat Einzug in die Metropole gefunden.

Und da sind sich Ost wie West sehr ähnlich. Schon in der DDR gab es diese soziale Kontrolle und das Verpetzen an die Ordnungsmacht. Denunzieren als Staatsreligion wurde von Vielen befolgt und war salonfähig. Die Abnormen und Randgruppen hatten schlechte Karten. Der Westen war da nicht viel anders. Die Zugezogenen im Prenzlauer Berg leben ihre mitgebrachte Intoleranz in der Vertreibung der Clubs und alles Lautem und nicht mehr Passendem heute noch aus.

Der Kampf gegen die Touristen im Friedrichshain und Kreuzberg ist dieser Stadt so unwürdig, so unglaublich erbärmlich. Fragt die unzähligen Menschen weltweit, die Berlin so schätzen und davon ausgehen, hier willkommen zu sein. Denn eine Stadt ist nur so gut, wie sie mit ihren Gästen umgeht, wie sie Randgruppen behandelt, wie relaxt sie die Verschiedenheit dieser Welt akzeptiert, toleriert und sich für sie begeistern kann.