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Intolerante Gutmenschen und die Alkis vom Helmi

Das Problem mit den Alkis auf dem Helmholzplatz poppt ja schon seit langem hoch. Hunderte Anwohner beschwerten sich beim Ordnungsamt oder gleich bei der Polizei, die darauf hin Kontrollen im Stundentakt durchführen.

Der Platz ist mehrheitlich ein Kinderspielplatz. Nur im Mittelteil gibt es ein Gebiet, was noch nicht umzäunt ist. Da stehen Tischtennisplatten und Bänke. Dort halten sich, übrigens schon seit Vorwendezeiten, Obdachlose und Alkoholiker auf. Zumindest sehen sie so aus, so dass Passanten geneigt sind, sie so kategorisieren zu müssen. Sie sind laut, dreckig und stören sich nicht an der Umwälzung, die dieses Gebiet durchgemacht hat.

Sie stören sich nicht an den hunderten Kinderwagen mit Kindergeschrei und ermahnenden Mütterstimmen. Immerhin waren sie zuerst da. Aber die Mütter stören sich an den Suffies. Warum auch immer.

Sie stören wahrscheinlich das ästhetische Auge in der sonst so homogenen Mütter-Vater-Kinder-Wunderwelt, die wie eine ansteckende Krankheit fast den ganzen Prenzlauer Berg übermannt hat. Sie können nicht verstehen, dass diese „Minderwertigen“ immer noch da sind, wo sie doch so gar nicht in  dieses Biotop passen.

Denn soweit geht es mit der aufgesetzten Tolerenz dann doch nicht. Man hat schon Tausende Mieter verjagt, hat mit einer reaktionären Provinzattitüde und einem unglaublichen Sozialrassismus dem Bezirk seinen Stempel aufgedrückt und trotzdem lassen sich die rudimentären Reste des alten Bezirkes einfach nicht vertreiben.

Mit Hilfe der Staatsmacht und Zwangsmaßnahmen könnte das nun am Helmi gelingen. „Erschießt doch das Gesocks, dann ist endlich Ruhe“ würde so mancher denken, aber so einfach geht es dann wohl doch nicht.

Da ist eine elitäre Mittelklasse rangezüchtet worden, die in Abgrenzungsritualen verharrt, die angstbesessen ihr heile Familie verteidigt und das untere Drittel verachtet. Die Kieze im Prenzlauer Berg sind zu Gate Communities ohne oder mit Zäunen verkommen. Buntheit ist reine Dekoration und uniform, diese Toleranz hat menschenverachtende Grenzen. man mauert sich ein, vertreibt aktiv alles Fremde und Störende, lässt die Kleinen in Privatschulen unter Ausschluss des wirklichen und urbanen Lebens zu Leistungsmaschinen heran züchten und denkt, mit ein bisschen Bio, Öko und Weltverständnis seinen Teil als Gutmensch vollbracht zu haben.

Wenn ich am Helmi vorbei gehe, freue ich mich immer beim Anblick der vermeintlich Störenden. Sie bewahren einen letzten Rest von Durchmischung und zeigen der hier ansässigen Mehrheit konsequent den Mittelfinger. Diese aufrechte Haltung im Strudel allgemeiner Verdrängung nötigt Respekt ab.

Der dicke Baum

Waren das noch Zeiten, man kannte sich, grüßte sich, sah die Kinder aufwachsen, begleitete die Freuden und Probleme der Nachbarn und Freunde. Und jetzt? Überall Hochhäuser, Beton, der Wald mit all meinen Bekannten ist kaum mehr in Sichtweite.

Immerhin hatte ich auf einem kleinen Hügel einen super Überblick, wusste Bescheid, wer gerade einen ausgetrockneten Ast hat oder wem ein dummer Spruch eingeritzt worden war. Unter uns Bäumen gab es einen regen Austausch von Neuigkeiten, aber auch von Sorgen und Alltagsproblemen. Die Birken an der Lichtung waren besonders schwatzhaft. An der Ahornecke war es eher still und dunkel, manchmal wurde geflüstert.

Später, als die Berufsschule gebaut wurde, kamen die Menschen nicht nur zum spazieren gehen, sondern rauchten und schmissen Abfälle auf die Wiesen. Versteckspiele in den kleinen aufgeforsteten Tannen wurden von abendlichen Treffen der jugendlichen Berufsschüler abgelöst. Die Zivilisation rückte immer näher und nahm zunehmend von den Waldrandgebieten Besitz. Einerseits war das recht unterhaltsam, nur dem Wind zu lauschen, kann mit der Zeit schon sehr langweilig werden. Die Themen unter uns Bäumen änderten sich mit der Zeit, wir hatten nicht mehr so viel Zeit miteinander.

Heute, etwa 30 Jahre später, habe ich mich an die um mich rum Bebauung gewöhnt, immerhin hatte ich überlebt. Ich stehe als grüne Auflockerung schon mittlerweile ewig in einem Neubaugebiet. Alle meine näheren Freunde und Bekannten sind verschwunden, zum Wald habe ich keinen Kontakt mehr. Man muss sich ja arrangieren, man hat ja keine Wahl. Manchmal kommen Kinder vorbei, um auf mir zu klettern. Dann wird mir ganz warm ums Herz, erinnern sie mich doch an meine glorreiche Zeit als König auf einem Hügel, damals im Wald in Potsdam-Waldstadt.