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Heiligabend 1972: Prügel und ein Hase in Flammen

Ich hasse Weihnachten. Diese ganze verlogene Farce. Das ganze Jahr sind wir eiskalt und zum Fest am Jahresende zeigen wir plötzlich Gefühle. Was für eine heuchlerische Scheiße. Immerhin habe ich es die letzten Jahre hinbekommen, diesen apokalyptischen Alptraum zu entrinnen. Dieses Jahr geht es nach Lissabon, letztes Jahr war ich in Tel Aviv. Alles ist besser als dieses unwürdige Fest zu begehen.

Als ich neun war, hatte sich meine Mutter so gedacht, in Vorbereitung auf Weihnachten können mal die Kinderzimmer aufgeräumt werden. Es wurde eine Razzia, man fand Dinge, die man hätte nicht finden sollen. Nach der Prügel mit einem Stock kam das große Feuer. Alles Unnütze und Liebgewonnene wurde nun Opfer der Flammen. Das wärmte den Ofen und machte Platz für Neues. So musste der alte Teddy genauso dran glauben, wie ein tausendmal geflickter Hase, der eigentlich als Bettgeselle unersetzbar geworden war. So wurde das Inferno am Heiligabend zum Friedhof der Kuscheltiere.

Apropos Prügel: Einmal musste mich meine Mutter so verprügeln, dass sie mich nicht zum Sportunterricht schicken konnte. Ich war grün und blau von der Gürtelschnalle. Wie konnte die sonst so liebevolle Frau auf einen wehrlosen Kinderkörper einschlagen, sie muss in diesen Momenten den Verstand verloren haben. Ich hatte es nie verstanden. Auch ihre spätere Erklärung, sie stand als Alleinerziehende mit drei Jungs unter enormen gesellschaftlichen Druck, ist nicht der Hauch einer Entschuldigung. Es gibt kein Verzeihen!

Nach dem Inferno im Kinderzimmer sollten wir uns umziehen, um uns auf die Bescherung vorzubereiten. Durch die Glastür sahen wir schon die Kerzen am Baum erleuchten. Es sangen Kinder weihnachtliche Lieder. Alles war friedlich und feierlich. Geschenke und Essen in familärer Atmosphäre waren nun auf einem Mal angesagt. Warum ich diesen Widerspruch einfach hingenommen habe, weiß ich bis heute nicht.

Wenn ich heute an Weihnachten denke, kommt mir das Grausen. Ein kirchliches Konstrukt ist zur Konsummaschinerie verkommen, alle machen auf besinnlich. Nichts daran ist ehrlich. Diese ganze aufgepumpte und bunte Kacke ist so aufgesetzt, so instrumentalisierend, wie ein Sektenritual. Gott sei Dank werde ich diesen Geistern nicht folgen müssen.

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Hangover in Karl-Marx-Stadt oder Alkohol ist auch keine Lösung

Als ich mich heute mit meiner Kollegin so austauschte, kamen wir irgendwie auf unsere früheren Saufgeschichten zu sprechen. Da ist mir aufgefallen, dass die besagten Abenteuer aus übermäßigen Alkoholkonsum einen großen Raum in unseren Erinnerungen einnehmen. Die Geschichten aus den Abgründen unserer Jugendzeit begeistern nicht nur diverse Stammtischrunden, um auf Alkoholabstürzen noch anstoßen zu können, sondern sind bei Feten unverzichtbarer Bestandteil des Unterhaltungsprogrammes. Wir können uns fantastisch produzieren und manchmal kommen wir mit unseren Erzählungen in einen Rausch.

So auch bei mir. Da es in der DDR keine der üblichen Drogen gab, war die Flucht in Bier, Wein und Schnaps gängige Alltagsbewältigung. Die besten Geschichten und Abenteuer waren hochprozentig. Es gab kaum eine Betriebsfahrt ohne alkoholgetränkte Eklats. Auch der Betriebsausflug unserer Lehrlingsgruppe nach Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) wurde Schauplatz eines dieser Suffstorys.

Wir logierten im Interhotel Kongress und ich war vom Lehrlingskollektiv endlich einigermaßen anerkannt. Diese neue Gruppenzugehörigkeit euphorisierte mich so, dass ich mir mit meinen Ausbildern so richtig die Kante gab. Dass ich alles durcheinander soff und mit meinen 19 Lenzen überhaupt nichts vertrug, wurde mir erst später klar. Mein Mitbewohner rollte mich im Laufe der Nacht mitsamt dem Bett auf den Hotelflur, da er den Gestank und die Geräusche nicht mehr aushielt. Die Vorführung des Frohnauer Hammers bei der Fortsetzung unserer Reise fand ohne mich statt. Der Bus musste einige Male stoppen, um nicht Opfer meiner inneren Gereiztheit zu werden. Nachdem ich an einem trockenen Brötchen nagte, beruhigte sich so langsam mein Magen. Doch das flaue und elende Gefühl blieb. Erst während des vorzüglichen Mittagessens auf dem Fichtelberg begann ich wieder Herr meiner Sinne und Körperfunktionen zu werden. Ich schwor mir: Nie wieder Alkohol.

Leider hielt ich mich nicht dran. Geschichten über blutige Knien nach einer Sauforgie am Heiligabend oder rotweingetränkte Verbalauswürfe in der Ringbahn sollten noch folgen. Jetzt habe ich die Abstürze schon lange im Griff (behaupten übrigens sehr viele Menschen von sich, die Realität sieht leider etwas anders aus), kann entspannt die alten Geschichten erzählen und trotzdem bei Willi (Bresch) einen schönen bierseeligen Abend verleben. Inwieweit es bei anderen Menschen, die ähnliche Geschichten auf Lager haben, in Richtung pathologische Disposition geht, kann ich nicht sagen. Ich bin aber überzeugt, dass nicht jeder am Ende so ungeschoren davon kommt, wie ich.