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Neun rote Karten für Brasilien!

Erika-Mielke-Fachhochschule Hoyerswerda hat eine Version für das Halbfinale: „Die Agentinnen wollten sichergehen, dass zum Halbfinale die Deutsche Fußballnationalmannschaft gut in Form ist. Sie haben darum kurzerhand Joachim „Jogi“ Löw auf den Stillen-Stuhl verbannt und üben für morgen Abend fleißig Körperkontakt mit den Jungs.

Die Mannschaft war zum Anfang leicht erschrocken, als die Damen aus Hoyerswerda das Training übernahmen, aber sie konnten mit kompromittierenden Fotos (die Agentin M mit Hilfe einer Nachtsichtkamera und Schlafmittel in den Getränken der Jungs letzte Nacht geschossen hatte) relativ schnell überzeugt werden …

Auf diesem Bild außerdem zu sehen Agentin M, die Jogi Löw überwacht; Agentin K, die das Schiedsrichter-Lager infiltriert um für ein „fairen“ Wettkampf (und 11 roten Karten für die brasilianische Mannschaft) zu sorgen; und schließlich Agentin G, die einfach nur ihr schickes Kleid zeigen wollte …“

 

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Nazireich Imbissbude

Der Reader „Kaltland“ hat mich teils brutal, teils sehr humorig darauf aufmerksam gemacht, dass die frühen 90er rein politisch so ziemlich an mir vorbei gegangen sind.

Ich war in der Schweiz und beobachtete die Ereignisse in Ostdeutschland eher mit Distanz. Das politische Vakuum, das nach dem Zusammenbruch der DDR im Osten entstand, die rechtsfreien Räume für Linke und Rechte und die daraus resultierenden Ereignisse in Wild East sind mir nur durch Legenden, Erzählungen und Fernsehbilder bekannt geworden.

Doch bevor ich Deutschland in Richtung Süden verließ, hatte ich ein 14tätiges Intermezzo unter Nazis in der Imbissbude Am Stern in Potsdams gleichnamigen Randbezirk, dass schon damals als sozialer Brennpunkt bekannt war. Da bot sich ein Bild, von dem man eine Vorahnung auf kommende Verwerfungen in Hoyerswerda und Lichtenhagen bekommen konnte.

Für eine Bekannte half ich in der Imbissbude aus. Pommes, Würstchen und Broiler standen auf dem Programm. Während am Tage viele Schüler und Anwohner die Bude belagerten, kamen in den Abendstunden die Alkis und die Spielsüchtigen, denn wir hatten nicht viel in der Bude, aber einen Spielautomaten.

Während der 24-Stunden Öffnungszeit versammelte sich der ganze soziale Querschnitt des Neubaugebietes. Es war das Kommunikations-Epizentrum und die Projektionsfläche der Menschen hier. Viel Kümmerling ging über den Tresen, man hatte Spaß miteinander und respektierte sich. Und dann kamen sie.

In einem meiner ersten Nachtdienste, ich hatte mich, laut Anraten meiner Bekannten, mit Schreckschusspistole und Baseballschläger bewaffnet, standen sie uniform und aufgewühlt vor der Tür. Als ich gerade mit einem Spieler quatschte kam der schneidige Befehl: 6 Kümmerling…bitte!

An seinem Koppelschloss blitzte ein Revolver auf. Mir ging der Arsch auf Grundeis, hatte ich Nazis noch nie in Echt gesehen. Sie diskutierten hart, immer wieder mit Parolen. Wie ich später erfuhr, waren sie gerade von einer Propagandaveranstaltung gekommen und wollten einen Absacker trinken.

Ihr Sprechen war ideologisch, ihr Habitus herrenmenschlich, ihre Gesten brutal und ihre Bestellungen hallten wie Befehle. Nachdem ich ihren forschenden Fragen erfolgreich ausgewichen war, musste ich vor Angst und Schrecken erst mal aufs Klo.

Die 50 DM Wechselgeld, die 2 Broiler und 10 Kümmerlinge waren zu verschmerzen, immerhin hatten sie mich am Leben gelassen. Als sie später wieder kamen, gab ich vor Freude ne Runde Kümmerling und sie ließen mich in Ruhe. Es waren nur immer kurze Besuche, sie hatten den Laden im Griff, die Spielsüchtigen, die Alkis, die Kleinkriminellen und mich.

Der Alptraum, Teil ihres Kosmos zu sein, endete nach 2 Wochen, ich verbuchte es unter Sozialstudie. Noch einmal sollte ich Nazis ungeschützt begegnen.

Es war 2010 am Alexanderplatz, als die Polizei eine Lücke zwischen ihnen und uns Antifaschisten ließ und ich in ihre verzerrten Gesichter schauen musste, wo sie letzten Verstand und letzten menschlichen Gesichtszug einfach wegbrüllten. Da erinnerte ich mich wieder an unfreiwillige Feten mit Kümmerling und Nazis in der Imbissbude Am Stern.

Die Progrome der 90er und der Alltagsrassismus von heute

Der gestrige Tag war viel von dieser Thematik erfüllt. Da ist mir einiges durch den Kopf geschossen, eine Mischung aus Entsetzen, Traurigkeit, Ohnmacht und Wut.

Am Vormittag war ich bei langjährigen Freunden in Babelsberg zu Besuch. Sie erzählten mir von einem Vorfall in der Straßenbahn. Ein Junge mit offensichtlichen Migrationshintergrund stellte sich ihnen in den Weg an der Tür der Bahn. Als ihn mein Freund darauf aufmerksam machte, dass er die anderen Mitfahrer*innen eventuell behindert, wurde der Junge etwas ausfallend.

Das wiederum brachte eine Schimpforgie meines Freundes auf dem Weg, die von einer Betreuerin der Schülergruppe, der auch der Junge im Türgang angehörte, als rassistischer Angriff eingestuft wurde. Mein Freund fühlte sich aber im Recht, schließlich haben sich Ausländerkinder nach seiner Meinung, nach der deutschen Kultur und nach Landesgeflogenheiten zu richten.

Die Diskussion zwischen den Beiden wurde dann ganz schnell emotional geführt, weil mein Freund diesen Vorfall verallgemeinerte und dieses typische Verhalten des Jungen allen Ausländer zuschrieb und der Junge wahrscheinlich wirklich ein kleiner Idiot war. Wie sagt man so schön: die Arschlochdichte ist eine anthroposophische Konstante.

Das ungebührliche Verhalten des Jungen seiner Herkunft und Kultur zuzuschreiben, empfand ich als falsch, folgt doch diese Denkstruktur rassistischen Mustern.

Ich appellierte an meinem Freund und seinen vermeintlich vorhandenen menschlichen Grundwerten. Ihn von dem zu überzeugen, was ich darüber denke und wie unterschiedlich meine Sichtweise zu seiner ist, ohne ihn dabei anzugreifen zu wollen, empfand ich als äußerst anstrengend.

Dennoch erachte ich diesen Freundschaftsdienst als notwendig. Eine Haltung Freunden zu übermitteln und ehrlich darüber zu diskutieren, ist aus meiner Sicht für eine Freundschaft elementar, auch wenn es manchmal schwer fällt.

Am Abend gab es dann eine Lesung aus dem Sammelband „Kaltland“, dass sich mit der Progromstimmung und den rassistischen Überfällen der 90er Jahre beschäftigt. Das hat dann nochmal zusätzlich betroffen gemacht.

Ich war Anfang der 90er in der Schweiz und bekam die Ereignisse damals nur am Rande mit. Wenn ich jetzt aus dem Buch Details der Progrome von Lichtenhagen bis Hoyerswerda höre, ist das für mich teilweise neu und darum umso schockierender.

Insgesamt war mein gestriger Tag eher ein sehr nachdenklicher und bedrückender Tag. Die entsetzlichen Ereignisse von damals haben sich auf unterschiedliche und perfide Weise fortgesetzt.

Rassisten, Antisemiten, Rechtspopulisten und diskriminierende Eiferer mit ihrem entsetzlichem Gedankenmüll haben bis heute ihr breites Publikum gefunden und werden es weiter finden. Und das macht mich richtig wütend.