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Hangover in Karl-Marx-Stadt oder Alkohol ist auch keine Lösung

Als ich mich heute mit meiner Kollegin so austauschte, kamen wir irgendwie auf unsere früheren Saufgeschichten zu sprechen. Da ist mir aufgefallen, dass die besagten Abenteuer aus übermäßigen Alkoholkonsum einen großen Raum in unseren Erinnerungen einnehmen. Die Geschichten aus den Abgründen unserer Jugendzeit begeistern nicht nur diverse Stammtischrunden, um auf Alkoholabstürzen noch anstoßen zu können, sondern sind bei Feten unverzichtbarer Bestandteil des Unterhaltungsprogrammes. Wir können uns fantastisch produzieren und manchmal kommen wir mit unseren Erzählungen in einen Rausch.

So auch bei mir. Da es in der DDR keine der üblichen Drogen gab, war die Flucht in Bier, Wein und Schnaps gängige Alltagsbewältigung. Die besten Geschichten und Abenteuer waren hochprozentig. Es gab kaum eine Betriebsfahrt ohne alkoholgetränkte Eklats. Auch der Betriebsausflug unserer Lehrlingsgruppe nach Karl-Marx-Stadt (dem heutigen Chemnitz) wurde Schauplatz eines dieser Suffstorys.

Wir logierten im Interhotel Kongress und ich war vom Lehrlingskollektiv endlich einigermaßen anerkannt. Diese neue Gruppenzugehörigkeit euphorisierte mich so, dass ich mir mit meinen Ausbildern so richtig die Kante gab. Dass ich alles durcheinander soff und mit meinen 19 Lenzen überhaupt nichts vertrug, wurde mir erst später klar. Mein Mitbewohner rollte mich im Laufe der Nacht mitsamt dem Bett auf den Hotelflur, da er den Gestank und die Geräusche nicht mehr aushielt. Die Vorführung des Frohnauer Hammers bei der Fortsetzung unserer Reise fand ohne mich statt. Der Bus musste einige Male stoppen, um nicht Opfer meiner inneren Gereiztheit zu werden. Nachdem ich an einem trockenen Brötchen nagte, beruhigte sich so langsam mein Magen. Doch das flaue und elende Gefühl blieb. Erst während des vorzüglichen Mittagessens auf dem Fichtelberg begann ich wieder Herr meiner Sinne und Körperfunktionen zu werden. Ich schwor mir: Nie wieder Alkohol.

Leider hielt ich mich nicht dran. Geschichten über blutige Knien nach einer Sauforgie am Heiligabend oder rotweingetränkte Verbalauswürfe in der Ringbahn sollten noch folgen. Jetzt habe ich die Abstürze schon lange im Griff (behaupten übrigens sehr viele Menschen von sich, die Realität sieht leider etwas anders aus), kann entspannt die alten Geschichten erzählen und trotzdem bei Willi (Bresch) einen schönen bierseeligen Abend verleben. Inwieweit es bei anderen Menschen, die ähnliche Geschichten auf Lager haben, in Richtung pathologische Disposition geht, kann ich nicht sagen. Ich bin aber überzeugt, dass nicht jeder am Ende so ungeschoren davon kommt, wie ich.

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1. Mai 1973

Ich war ja noch Jungpionier mit einem blauen Halstuch an der Schwelle zum Thälmannpionier mit einem roten Halstuch. Natürlich war die zentrale Mai-Demonstration angesagt. Aber unser Meerschweinchen, das beim laufen immer Haken schlug und ein schwarzes und ein braunes Bein hatte, lag an diesem bedeutungsschwangeren Tag leblos im Terrarium. Mein ältester Bruder heulte Rotzblasen, selten habe ich ihn so emotional gesehen. Das Schwein sollte am Nachmittag eine standesgemäße Beerdigung bekommen. Doch bis dahin wurde es eingewickelt auf dem Balkon gelagert. Als die Tränen getrocknet waren, machten wir uns auf dem Weg in die Innenstadt. Die Taktik war, sich kurz beim Lehrerkollegium zu zeigen und dann gleich den Fisch zu machen, da wir keine Lust auf Winkelemente und Freude zur Schau stellen hatten, so wie es sonst am 1. Mai üblich war. Wir wollten schnell unserer Wege gehen und selbst entscheiden, was wir mit diesen unterrichtsfreien Tag anfangen wollen. Favorit war oft die Lobby des Interhotels, dort lief im Farbfernseher immer die Maiparade von der Karl-Marx-Allee, außerdem fühlten wir uns wie Männer von Welt. Dann stromerten wir noch durch die Gegend und hatten viel Spaß. Aber da war ja noch die Beerdigung. Ein Pflichttermin, der die positive Grundstimmung an diesen Tag nicht trüben konnte. Es war Frühling und wir waren Kinder…