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…und plötzlich war ich alt

Mein Leben lang bin ich für ältere Herrschaften in Straßenbahnen, Bussen und Zügen aufgestanden. Einmal wagte ich es, auf einer längeren Fahrt das höfliche Aufstehen zu verweigern. Ich war die ganze Fahrt der Buhmann, obwohl die betroffende Dame es gar nicht so genau nahm. Aber die anderen Fahrgäste haben in ihrer erzieherischen und Gutmensch-Mission ihre ganze Wut über soviel Ungehorsam über mich ergossen.

Ich schaute mich in Straßenbahnen früher immer um, ob ich nicht schon wieder aufstehen muss, weil ein älterer Mensch sein Vorrecht auf einem Sitzplatz in Anspruch nehmen wollte. Oft hatte ich auch Glück und konnte die Fahrt ungestört fortsetzen. Bis jemand wieder an meinem Sitz klopfte und die Augen der anderen Fahrgäste auf mich gerichtet waren.

Heute ist das anders. Die älteren Menschen wollen noch nicht zugeben, dass sie lieber sitzen wollen und die Jüngeren sehen sich überhaupt nicht oder nur in Ausnahmen in der Pflicht, Platz zu machen.

Als es neulich wie aus Kübeln goß, musste ich mal wieder Straßenbahn fahren. Als einige Fahrgäste an der Hufelandstraße die Bahn verließen, war der Run auf die freigewordenen Plätze groß. Ein junges Mädchen wollte sich gerade erleichtert hinsetzen und ihr Buch zur Hand nehmen, als sie mich entdeckte.

Vielleicht sah ich so geschafft aus, wir hatten am Vorabend noch ziemlich gut gefeiert. Oder ich war in ihren Augen schon sehr alt und damit automatisch wahrscheinlich zerbrechlich, dass sie mich sicherer auf dem Platz sah. Sie deutete mir jedenfalls an, ob ich mich nicht setzten wollte. Ich verneinte mit einem gequältem Lächeln.

Jetzt stehe ich also auf der anderen Seite. Das nächste Mal werde ich die Offerte nach einem Sitzplatz, so selten sie hoffentlich gemacht wird, aber annehmen und es so akzeptieren. Mein Alter, meine Zerbrechlichkeit und die Höflichkeit der Jugend.

 

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Rückwärts im Kreisverkehr

Der Abend war noch jung. Viel war nicht los in Aachen. Also warum nicht mal rüber nach Holland, ein bisschen Gras besorgen. Kevin kam an die Autoschlüssel seines Vaters. Er war auch der Einzige, der die Fleppen hatte.

Den ersten Joint bastelten wir vor dem Coffeeshop. Die Stimmung brodelte, als wir wieder auf deutscher Seite waren, es war ja bereits 3 uhr. Jo hatte die Idee, am ersten Kreisverkehr einfach rückwärts zu fahren.

Nachdem wir gröllender Weise ca. 20 Minuten genau das taten, krachte es ziemlich gewaltig. Wir waren sofort nüchtern, war uns doch ein Auto von hinten rein gerammt. Der Fahrer gestikulierte bereits ganz wild an unserem Fenster. Er rief sofort die Bullen.

Unser Mut war bereits in die Hosen gerutscht. Als dann der Polizist uns aus dem Auto bat, war es um uns geschehen. Für den Polizisten sah aber alles nach einem Auffahrunfall aus, der Fahrer hatte wohl 2,0 Promille und behauptet, wir wären rückwärts auf ihn rauf gefahren.

Am Ende musste er die Schäden bezahlen und wir sind mit dem Schrecken davon gekommen. Darauf hatten wir uns erstmal wieder einen gebastelt und ihn entspannt geraucht.

So hat wahrscheinlich jeder die eine oder andere Leiche aus seiner Jugendzeit im Keller versteckt. Gerecht ist die Geschichte nicht, aber irgendwie lustig.

„Der guckt wie ein Pädo“

Zwei ca. 11-jährige Mädchen unterhielten sich im Park und da fiel dieser Satz.

Dass Sexualität die Kinder- und Jugendsprache beeinflusst, ist nicht erst beim massiven Gebrauch von sexistischen und damit auch oft diskriminierenden Schimpfwörtern bekannt. Die Diskrepanz zwischen Wissen und Gebrauch ist in diesem Alter natürlich besonders groß.

Wenn die Mädchen einen Pädophilen gemeint haben, ist es zweifelhaft, ob sie den gesamten Komplex zu diesem Thema überblicken oder auch nur darüber aufgeklärt wurden.

Die sexistische Sprache der Medien, die schnell angenommen und für wahrhaftig erklärt wird, fördern eine Verformung der gewünschten gesunden und natürlichen Aufklärung. Oft sind die Teenager, die soweit wären, dass sie sich Sexthemen annehmen, vorher schon von der Umwelt „versaut“.

Sexistische Werbung, Filme und Serien, aber auch die Schlagzeilen des Boulevards geben ein von der Wirklichkeit entferntes Bild über Sexualität wider, die einer gesunden und individuellen Entwicklung junger Menschen im Wege steht.

Die Diskriminierung, die mit sexistischer Sprache einher geht, wird als Machtmittel gegenüber Schwächeren in der Gruppe gebraucht. Es sind die Gockelrituale bei den männlichen Jugendlichen, sich besonders gegenüber Mädchen ungebührlich zu verhalten. Sie zeigen noch eigene Unsicherheit und Unerfahrenheit. Wenn man die ersten Sexerlebnisse hatte, legt sich das pupertäre Gehabe.

Mädchen machen das wahrscheinlich genauso, nur versteckter und zurückhaltender.

Ich bin immer noch überrascht, von so jungen Menschen so unreflektierte Worte zu hören, man spürt den Bedarf nach richtiger Aufklärung.

Brian Eno

Warum dieser Künstler mich verfolgt, weiß ich gar nicht. Vielleicht ist es ja am Ende die Musik. Und die Erinnerung an den Tag, als er mir das erste Mal begegnete. Heute wird er 65 Jahre alt , sagten die Leute von Radio Eins, und ich möchte ihm hiermit gratulieren und alles Gute wünschen, verbunden mit noch mehr Schaffenskraft.

Wir lagen sternförmig um eine einsame Kerze unter freien Himmel mitten in der Nacht und hörten Eno. Karsten sagte es jedenfalls. Psychedelic Music, passend zur Stimmung, die nach extatischem Feiern einer insgesamt 72 Stunden dauernden Fete auch mal im Arsch sein konnte. Niemand sprach, jeder folgte seinen Gedanken. Wir genossen ein Stück Losgelöstheit. Wir genossen unser Jungsein. 1984 in Neufahrland.

Karstens Eltern hatten ein weitläufiges Wassergrundstück, auf dem sich prima feiern ließ. Freundinnen kamen mit Zelten und Schlafmatten direkt vom Balaton dorthin, um zu tanzen und zu chillen. Mir waren bis dato diese Traveller-Attitüden fremd, ich war gerade als Spätchen auf Entdeckungsreise zu den Möglichkeiten der Jugend. Wir hopsten nackig auf den Kähnen herum, die auf dem Nedlitz-Paritzer Kanal den Müll der Westberliner abtransportierten. Dann brannte noch eine Scheune, nie wieder hab ich so ein Feuer gesehen. Und dann wurden Karsten auch noch die Fläppen (Führerschein) abgenommen, da wir im Schweinesuff mit seiner Karre noch Nachschub holen wollten und die Bullen, die wegen dem Brandes da waren, ignorierten. Sie ignorierten uns nicht. Karsten musste zum Bluttest und ich schob die 150ger Karre zurück, die ich aber erst mal abbockte. Es passierte noch einiges, Raum und Zeit lösten sich auf.

Die Fete ging Sonnabendnachmittag los und als ich Dienstag Mittag nach Hause kam, erkannte mich meine Mutter kaum. Ich hatte andere Klamotten an, war völlig übernächtigt, verkeimt, alkoholisiert, aber glücklich.

Das alles fällt mir bei Brian Eno ein. Jetzt stoße ich auf ihn an.