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Sommer, Sonne lacht, Sowjetmacht…

Sommer, Sonne, alles lacht, drum lieben wir die Sowjetmacht oder Wir nahmen das Regime nicht ernst

Der Spruch fiel in der Berufsschule in Potsdam. Der Kochlehrling Sven Remus, der in der HO-Gaststätte Terassenrestaurant Minsk am Brauhausberg lernte, haute ihn mitten im Unterricht raus und ich konnte mich vor Lachen kaum einkriegen. Der Spruch hat mich ewig begleitet, zeigte er mir die Lächerlichkeit des sozialistischen Systems und die Propagandamaschine der Kommunisten als Realsatire.

Auch bei der NVA war das Experiment, nicht ernst nehmen, bei mir allgegenwärtig und Gegenstand des täglichen Handelns. Als mich der Kompaniechef Major Seltmann bei seiner Kontrolle der Wache aufforderte, ich sollte mich drehen und als Wachhabender doch endlich in diesem Saustall Ordnung rein bringen, drehte ich mich tatsächlich um meine eigene Achse und fragte ihn anschließend: „Reicht das??“

Ständig ließ ich mich vom Stabschef der Abteilung Klosterfelde des Fla-Raketenregimentes Bernau der Luftverteidigung der DDR persönlich wecken, da ich wieder mal die Nachtschicht der Klopper (Offiziere in unserem Sprachgebrauch) übernommen hatte und ich ja irgendwann mal schlafen wollte. Der betroffene Offizier verteidigte dann Gott sei Dank meinen Tagesschlaf.

Bei einer Nachtübung, nachdem wir die Fenster von halb Oranienburg ausgeleuchtet hatten und die Bewohner*innen wahrscheinlich dachten, es geht wieder los, schoss ein Soldat mit Platzpatronen in die Luft, weil ihn ein nächtlicher Passant kein Feuer geben wollte. Pilzsuchende im Speergebiet verscheuchten wir regelmäßig mit unserer Knarre um dann die üppig stehenden Pilze einzusammeln und sie auf einem Bügeleisen zu braten.

Diese Respektlosigkeit fand für mich aber nicht nur bei der Armee statt. Ob in der Schule, später in den Ausbildungsbetrieben, es gab immer einen stillen Protest von mir, indem ich das alles lächerlich machte.

Stundenlange Diskussionen mit meinem Staatsbürgerkunde-Lehrer brachten mir komischerweise eine Note 1 ein, weil ich der Einzige mit Mitarbeit war und ich den Anderen der Klasse zum Skat spielen und Schiffe versenken verhalf. An meinem Klassenstandpunkt kann es nicht gelegen haben.

Als FDJ-Kassierer verjubelte ich gerne das eingenommene Geld zum Eis essen, bis es raus kam und ich dankenswerter Weise abgelöst wurde.

Es waren wunderbare Jahre des nicht Ernstnehmens und der Leichtigkeit, die sich 1989 mit der Wende und meinem Erwachsenwerden leider fast aufgelöst haben. Die neue Gesellschaftsordnung ist wirklich viel zu ernst, als dass man sie lächerlich machen kann. Das ist sehr schade. Nischen des Humors gibt es trotzdem noch, man muss sie nur finden.

Intergenerationsdialog: Ikonen der Kindheit

Als wir gestern zusammen saßen, kamen wir auf unsere Spiele, Spielgewohnheiten und Spielzeuge in unserer Kindheit zu sprechen.  Nun muss man dazu sagen, dass am Tisch Menschen zusammenkamen, die von 20-50 Jahre alt sind. Der Lego-Ponyhof war genauso Thema, wie das Fort als Schutz gegen Indianer, Puppenstuben und Modelleisenbahnen. Alle waren sich einig, dass die neuen digitalen Spiele die Analogen nicht ersetzen können. Man möchte doch am Ende das Gegenständliche, das zum Anfassen und Kaputtmachen. Barbie und Ken, Pittiplatsch und Schnatterinchen, die Ikonen der Kindheit hießen nur verschieden, die Rituale des Spielens sind system- und sozialübergreifend geblieben. Und so viel hat sich mit der neuen Zeit auch nicht geändert. Man muss nur ab und zu darüber reden, um zu begreifen, dass Generationsunterschiede oft konstruiert sind. Für mich eine nette Erfahrung.

Heute ist Muttertag, na und?

Immer wenn ich an Muttertag denken muss, kommt mir das Wort Mutterkreuz in den Sinn. Beides sind Erfindungen der Nazis, wollten sie doch die Rolle der Frau als Gebährmaschinen manifestieren.

In der antifaschistischen DDR gab es keinen Muttertag. Als er nach der Wende über uns kam, deutete ich ihn für eine konsumgesteuerte Werbeidee der Industrie, wie auch diesen schrecklichen Valentinstag. Wir hatten nur Frauentag, um die Mädchen, Mütter und Frauen, von denen viele werktätig waren, zu ehren und ihnen wenigstens an einem Tag die verdiente Wertschätzung näher zu bringen.

Da bekam Mutti das Frühstück ans Bett, Blumen und Pralinen wurden gereicht und wir waren alle ganz lieb. Beliebt waren auch die Frauentagsausflüge, wo die Männer arbeiteten und die Frauen schwofen gingen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Als meine Mutter noch lebte, bestand sie noch zusätzlich auf die neue kalendarische Wertschätzung als Mutter. Ich hatte es nie verstanden, erfüllte aber ihre Wünsche. Darum kommt auch nur dieser emotionslose Text raus. Für mich hat das alles keine Bedeutung. Wenn man einen Tag im Jahr braucht, um die Wertschätzung für seine Mutter auszudrücken, ist das für mich ein Armutszeugnis.

…und hier noch die Top 7 der schlimmsten Mütter

 

Kindheit: Denkspiele

Alles fing am Blumenplatz in der Nähe des Saarland-Angers, einem dörflichen Kleinod in Potsdams Teltower Vorstadt an. Mein Bruder und ich spielten unsere Lehrer nach. Ganze Unterrichtsstunden wurden detailgetreu rekonstruiert. Wir waren Protagonisten und Publikum in einem. Im Fantasie-Wahn erdachten wir uns später ein Land mit den dazugehörigen Politikern, mit Fernsehprominenten, Städte, Firmen, Infrastruktur und vieles andere mehr, die Aufzählung würde in ihrer Kleinteiligkeit diesen Rahmen sprengen. Mein Bruder malte Ansichten der Städte, ich konzentrierte auf das  Ausspinnen von vollständigen Fernsehprogrammen. Diese ausgedachte Welt lenkte uns oft vom Alltag ab, half viel über miese Zeiten hinweg und machte uns gegenüber der Umwelt unempfindlicher. Fast autistisch bekamen wir kaum was von Problemen in der Familie mit. Das war auch ganz gut so, wir erhielten uns damit eine unbeschwerte Kindheit. Auch später waren diese Hirngespinste Fluchtpunkte. Den Hang zur Realität musste ich mir später erarbeiten, ich glaube, es ist mir gelungen. Dennoch denke ich sehr gerne an diese Denkspiele, wie wir sie nannten, zurück. Sind sie doch bis heute ein verbindendes Element mit meinem Bruder und ein Symbol für die Fantasien meiner Kindheit.

1975: Friedrichstadtpalastverbot

Na das mit dem Friedrichstadtpalastverbot war so eine Sache, die zwischen meiner Mutter und mir beinahe nicht richtig bereinigt werden konnte.

In der DDR, und das betraf besonders die 70er, waren die Fenster zum Westen für Normalsterbliche ziemlich verschlossen. Es gab aber ein winzigen Spalt, der sich manchmal Sonnabendabend im DDR-Fernsehen öffnete. Da lief dann die Fernsehshow „Ein Kessel Buntes“ mit den drei Dialektikern und später mit anderen Moderator*innen. Wenn es einen Ort zum Auftritt für internationale Stars aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftssystems (NSW) gab, dann war es diese Fernsehsendung. Sie zeigte mir, dass es ein buntes Leben jenseits der Zone geben muss. Und das alles fand in den frühen Jahren der Show im legendären Friedrichstadtpalast statt.

Ich war neun und so fasziniert von dem Ding, zudem auch noch der Vater eines Mitschülers meiner Klasse in der Werner-Seelenbinder-Oberschule Bühnenbildner im Palast war und der Klasse für die Kinderrevue „Clown Ferdinand“ Karten besorgte. Das war meine Chance, endlich meinen Traum, den Palast in Berlin von innen zu sehen, in Erfüllung gehen zu lassen. Diesen dunklen samtrot schimmernden Zuschauerraum mit seinen typischen Säulen, auf die die ganzen Westkünstler geschaut haben müssen, während sie im  „Kessel“ sangen. Eine wunderbare Vorstellung, die ich mir sicher mehr, als all die anderen Kinder, gewünscht hätte.

Doch meine Mutter hatte als Strafe für mein Schwänzen von Ferienspielen ausgerechnet die Streichung dieses Schulausfluges vorgesehen. Das brachte mich völlig aus der Fassung. Meine Rebellion hatte aber keinen Erfolg. Ich musste, als meine Klassenkamerad*innen nach Berlin fuhren, bei ihr in der Bezirkssprachheilschule in der Seestraße, wo sie Erzieherin war, antreten. Ich fand das natürlich völlig unangemessen, überzogen und gemein. Die Filzstifte, die ich später von meiner Klassenlehrerin, Frau Masur, als Ausgleich für die entgangene Klassenfahrt überreicht bekam, konnten meine Tränen aus Wut und Unrecht nicht trocknen.

Jahre später stellte ich meine Mutter zur Rede. Sie wollte mich damals treffen, da sie der Meinung war, ich entgleite ihr sonst. Ich habe ihr irgendwann verziehen, obwohl ich nie mehr in das alte Revuetheater kam.

In den 80ern wurde das Ding abgerissen und statt dessen wurde ein neuer Palast gebaut. Diesen dürfte ich dann mal besuchen. Wehmütig dachte ich an entgangene Kinderfreuden. Der Palastneubau erzählt mir keine Geschichte und hat für mich bis heute nicht die Faszination und Anziehungskraft des schönen, alten Friedrichstadtpalastes.