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Von Koch-Clowns und Küchen-Sadisten

Habe gerade eine Werbetafel gesehen, die auf eine neue Kochshow bei VOX aufmerksam machen möchte. Habe einen alten Bekannten wiedererkannt, der da mitmacht. Er war ja schon bei Markus Lanz oder Kerner und bei Sat 1 zu Gange und hat sich noch ein paar Brötchen im Fernseh-Unterhaltungsprogramm dazu verdient.

Vielleicht war er mal ein guter Koch. Jetzt ist er wohl zum Unterhalter geworden. Während seine Kochbrigade schuftet, grinst er in die Fernsehkameras und gibt Weisheiten von sich. Das hat mit dem Beruf, den er mal gelernt hat und lange Jahre ausgeübt hat, nichts mehr zu tun.

Die hemmungslose Sucht nach noch mehr Aufmerksamkeit und die irrationale Gier nach noch mehr Kohle hat eine Kaste von Spitzenköchen in einer degenerierten Medienwunderwelt zu Kasperköppen verkommen lassen. Der Bedarf nach immer niveaulosesten Kochshows bescherte den ehemaligen Köchen einen nicht zu Ende gehenden Geldregen. Ein Beschäftigungsprogramm für Küchendiktatoren, die es geschafft haben.

Davor war er Psychopath. Sadismus, Diskriminierung, hemmungslose Ausbeutung, Mobbing und Gewaltausbrüche prägten sein faschistoid daher kommendes Terrorregime, genannt Sterneküche.

Er hatte das alles in seinen Lehrjahren selbst erlebt, damals in Frankreich. Er war der Nazi und er biss sich durch und arbeite sich nach oben. Diese Torturen prägten sich wie tiefe Narben in sein Leben und er schwor sich, es schaffen zu wollen, dass er irgendwann mal auf der anderen Seite steht.

Und dann stand er endlich auf der anderen Seite. Vielleicht war es Rache. Junge Menschen, die ihm anvertraut wurden, waren nach 3 Jahren so ausgepresst, dass sie entweder den Beruf wechselten oder später selbst zum Tyrannen wurden. Oder sie waren so devot und masochistisch, dass sie diese Küchenhölle noch ein paar Jahre durchhielten.

Der psychische Druck unter ihm war immens. Da er die Küche neu übernahm, griff eine brutale Selektionsmaschinerie, die alle älteren und nicht ganz so konformen Mitarbeiter gnadenlos aussortierte. Mich traf es etwas später, nachdem ich die Mobbingangriffe seiner willigen Büttel über mich ergehen lassen musste. In unfassbar menschenverachtender Manier spulte er mit seinen Ergebenen sein Programm runter. Am Ende gab es nur noch Speichellecker und Unwissende.

Den Psychpathen muss er nicht mehr spielen. Die von ihm herangezüchteten Verantwortungsträger machen nun die Drecksarbeit für ihn. Er kann sich nun endlich als eloquenter Schlaumeier und Entertainer-Attrappe fürs anspruchslose Fernsehvolk gerieren und seine sozialdarwinistischen Sprechblasen, garniert mit einem unwürdigen Koch-Hokuspokus in die Welt blasen. Mit Berufsehre und professionellen Anspruch hat das schon lange nichts mehr zu tun.

Die Lafers, Schuhbecks und Kleebergs jauchen die Sender voll mit unterirdischer Volksverdummung, sie vergolden ihre einstmal durchaus geschätzten Kenntnisse mit einem grandiosen Verrat an einem gesamten Berufsstand. Sie müllen mit ihren Produkten ganze Warenhausabteilungen zu und versuchen auch aus der kleinsten Idee noch mehr Kohle raus zu pressen.

Ich schäme mich für diese Köche.

Skibby

Als wir uns trafen, wurden wir Freunde. Ich war auf dem Weg, ein anständiger Koch zu werden und er kam als Lehrling in das Restaurant, in dem ich tätig war.

Es gibt ja so Menschen, zu denen hat man sofort einen Draht. Man lacht über die gleichen Witze, hat ähnliche Interessen und ein identischen Zugang zum Leben. Jedenfalls verbrachten wir viel Freizeit miteinander und hatten uns als Köche sowieso viel auszutauschen. Gegenseitige Hilfe und Respekt, viel Spaß und ungewöhnliche Erlebnisse prägten unser Zusammensein. Noch heute kann ich mich an viele Details aus der damaligen Zeit erinnern. Die Freundschaft mit Skibby prägte ein Teil meiner Findungsphase in vielerlei Hinsicht und bekam durch eine besonderen Nähe eine tiefe Intensität.

Durch meinem plötzlichen Weggang aus dem Restaurant und neuen fremden Einflüssen wurden die Treffen mit ihm sporadischer. Wir hatten uns doch mittlerweile ziemlich unterschiedlich entwickelt. Das fand ich sehr schade. Die langsame Distanzierung voneinander war aber nicht mehr aufzuhalten.

Es sollte 10 Jahre dauern, als wir uns wieder trafen. Ich war dabei, ein neues Team als Küchenchef zusammen zu stellen, als er mich anrief. Die Vorstellung, mit ihm wieder zusammen zu arbeiten, reizte mich und ich fragte ihn, ob er mit einsteigen möchte. Er war sofort Feuer und Flamme. Dennoch informierte ich mich bei seinen früheren Arbeitgeber. Er riet mir, zur meiner Überraschung, von einer Anstellung von Skibby ab. Trotzdem überwog der Wille, ihn wieder an meine Seite zu haben, mit ihm gemeinsam zu kochen und was Neues aufzubauen. Die Informationen über seine vermeintliche Unzuverlässigkeit wischte ich weg und vertraute auf sein Können und seine Loyalität.

Immerhin hatte ich mit ihm meine erste Hoteleröffnung als Küchenchef vor und stand gehörig unter Druck. Er hatte sich kaum verändert, konnte immer noch phantastisch kochen und der Spaß von damals erlebte sein Deja vieu. Ich war frohen Mutes und füllte mich in bester Gesellschaft. Sicher, die Leichtigkeit der Jugend war etwas verloren gegangen, aber für die Ernsthaftigkeit der Aufgabe lief es am Anfang ziemlich gut. Bis er unentschuldigt fehlte.

Wenn man einen Freund als Sous Chef einstellt, nimmt man Versagen persönlich. So auch bei mir. Ich war außer mir und konnte es mir nicht erklären. Mit großer Enttäuschung stellte ich ihn zur Rede. Er offenbarte mir, dass er Quartalssäufer ist und sich an freien Tagen nicht unter Kontrolle hat. Ich sollte ihm helfen, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Auch seine Eltern unterstrichen sein Verlangen, er wäre schon woanders raus geflogen und ich als Freund könnte ihn doch unterstützen.

Nie hatte ich zuvor Job und Privates vermischt. Und nun war es da, das schon von anderen prognostizierte Dilemma, zwischen Professionalität und Freundschaft entscheiden zu müssen. Ich weiß noch, wie er mich aus seinen verwässerten Augen anflehte, ihm eine Chance zu geben.

Ich überzog ihn zunächst mit Vorwürfen und appellierte an seine Disziplin. Als seine Abstütze öfter wurden, versäumte ich es, mit ihm als Freund zu reden, um gemeinsam eine Lösung zu finden. Ich zog mich auf das Dienstliche zurück und beurteilte ihn nur noch nach seinem Versagen. Er musste sich auch von mir so in die Enge getrieben sehen, dass er als Konsequenz meiner zunehmenden Ablehnung die Kündigung einreichte.

Gegenüber meinem Arbeitgeber war damit alles in Butter. Nur hatte ich mit meinem Unvermögen, ihn zu helfen, einen Freund verloren. Wenn ich heute nochmal die Wahl hätte, zwischen Job und Freundschaft zu entscheiden, würde ich definitiv die Freundschaft wählen.

Spätere Kontaktversuche zu Skibby waren erfolglos. So blieb und bleibt nur die Hoffnung, er bekommt seine Abstürze in den Griff und kann sein Leben erfolgreich fortsetzen.

Wer (was) bin ich oder Titel (Thesen Temperamente)

Rein aus der Job-Perspektive haben sich so einige Titel zusammen gesammelt. Wenn man Titel als Position, Kategorie oder Einordnung versteht. Begonnen als Lehrling bei HO-Gaststätten Potsdam, Alleinkoch in der Cafehaus GmbH (man merkt, es war Wende) kamen in der strengen Hierarchie des Aufstieges als Koch noch einige auszufüllende Positionen dazu. Demi Chef de Partie, Chef de Partie, Chef de Tournand, Sous Chef, Chef de Cruisine sind die Wörter, die die normale Karriereleiter beschreiben. Eigentlich wollte ich was anderes schreiben. Was machen Titel aus einem, beschreiben sie wirklich eine Persönlichkeit? In meiner kleinen Karriere konnte ich mit Bocuse, Ducasse, Winkler, Müller, Uhrs und Lohse zusammen arbeiten. Und ich habe für The Cure, Mariah Carey, Celine Dion, Leonardo di Caprio, Sean Connery, Jeniffer Lopez, Tom Jones, Boris Becker, Gerhard Schröder, Vladimir Putin, Willi Daume, Jaques Chirac, Joschka Fischer, Mathias Platzeck, Manfred Stolpe und vielen Anderen gekocht. Das macht mich bis heute noch stolz. Man kann kaum mehr in diesen Beruf erreichen, natürlich kann man Sterne kochen, in Fernsehshows auftreten, aber dann hätte man sich richtig fertig machen müssen und täglich 14 Stunden am herd stehen müssen. Das war nicht mein Ding und so bin ich mit dem, was mir der Job gegeben hat, sehr zufrieden. Als Höhepunkt meiner Karriere sehe ich meine jetzige Tätigkeit an: Für Kinder in einer Schule kochen. Das ist die lohnenste Klientel und die sinnvollste Arbeit als Koch. Für Bonzen und Promis zu kochen, ist so sinnentleerend. Aber wie gesagt, zeitweilig fand ich es ja auch toll. Mich machen Titel nicht aus. meine Reputation beziehe ich aus den Kontakt mit Menschen und den Handlungen in von mir ausgesuchten Zusammenhängen.