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Ganz weit weg

IS und Ebola-ganz weit weg. Weg von Deutschland, weg von Berlin, weg vom Thälmannpark. Ich lebe mit der nötigen Empathie eines Mitteleuropäers im geordnetem, sauberem, sicherem, warmen und zivilisiertem Paradies.

Natürlich bewegen die Elendsbilder aus aller Welt. Zerfetzte Kinderkörper, abgerissende Gliedmaßen, Ruinen, hungernde und durstige Menschen, Explosionen, Angst in Gesichtern, unendliches Elend und Verletzungen, die man sich nicht vorstellen kann, können einen nicht kalt lassen.

Der Ekel, die Abscheu und die Wut auf soviel Grausames wird aber schnell verdrängt, vom Alltäglichen, von Luxusproblemen und von eigenen Befindlichkeiten. So ziemlich schnell sogar.

Manchmal bleiben die fernen Bilder etwas hängen. Dann mache ich mir so ein paar Gedanken und komme immer wieder zur Erkenntis: man was habe ich für Glück gehabt, wie bin ich priviligiert. Und ich kann es sowieso nicht ändern.

Das Ungleichgewicht, die ungerechte Verteilung in arm und reich, in sauberes Wasser und gar kein Wasser habe ich ja nicht bestimmt, für dieses Unrecht bin ich nicht verantwortlich. Ich muss im Rahmen meiner Möglichkeiten hier auch ums Überleben kämpfen. Zivilisation ist auch nicht einfach.

Klar, ist es nicht das Überleben, dass sich die Menschen in einem afrikanischen Dorf stellen müssen, aber wir haben hier ganz andere Probleme. Und die wollen sich viele Andere außerhalb des reichen Kosmos sowieso nicht reinziehen. Oder doch?

Jedenfalls ist es die Gnade der örtlichen Geburt, die mich auf der Sonnenseite des Planeten aufwachsen und leben lässt. Um meinen Alltag zu vergessen, reise ich gerne. Am liebsten weit weg, also in ärmere Länder.

Das Elend dort zu sehen, macht mir nicht soviel aus, gehöre ich ja nicht zu ihnen. Ihre Kulturen zu konsumieren und damit meinen Horizont zu erweitern, könnte man mit einer zusätzlichen Ausbeutung gleichsetzen, denen ja die historische Ausbeutung dieser Länder von den Reichen voraus gegangen ist.

Ich bade mich in einer Sozialromantik, die mir eine Erhabenheit und ein gutes Gefühl schenkt. Ein Gefühl von Freiheit und Luxus, dass ich mir ein begrenztes Mitgefühl und gewisse Entsagungen sowie die Erkenntnis von geographischen, sozialen, politischen und geschichtlichen Zusammenhängen leisten kann.

Mit der Kreditkarte in der Traveller-Hose tauche ich in meiner Begrenztheit in andere Kulturen und habe ein Gutmensch-Gefühl dabei. Zurück in meiner heimatlichen Behausung bei Elektrik und fließend Wasser bin ich froh, dem Dreck der Welt entronnen zu sein und trotzdem was gelernt zu haben.

Natürlich hoffe ich, dass das Elend sich fern hält, nicht zu mir kommt, mich nicht betrifft. Global denken und lokal handeln macht die Sache für mich leichter und dient der Orientierung für mein Handeln in dieser ungleichen Welt.

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Gegen Krieg

Als ich heute aufwachte, befürchtete ich, auf die gleichen Bilder zu stoßen, wie damals, als Bagdad bombardiert wurde. Das Säbelrasseln zum Erstschlag auf Damaskus ist aktuell das Gleiche, ein dejavau der Ereignisse. Und das mit den Chemiewaffen, alles gleicht sich.

Schade, dass der Westen damals nicht im Iran was gefunden hat, wie gerne wäre er einmarschiert. Auch so ein Hassland.

Wenn es doch um die Menschlichkeit und die Bewahrung der Menschenrechte gehen würde…Die USA wollen Assad bestrafen, wollen Stärke zeigen, wollen ihre Waffensysteme demonstrieren und nehmen die Destabilisierung der eh politisch fragilen Region in Kauf.

Und das mit einem Krieg, der viele mit reinreiten könnte. Eine neue Dimension würde sich auftun. Man muss sich positionieren, ob man will oder nicht. Dafür oder dagegen. Für die westliche Wertegemeinschaft mit all seinen Konsequenzen oder dagegen. Einfach gegen Krieg zu sein, geht da nicht.

Ich bin aber einfach gegen Krieg. Ein Verteidigungskrieg möge noch gerecht sein, wenn man in diesen Kategorien denken möchte. Aber ein Erstschlag und ein Angriffskrieg sind es sicher nicht. Und werden dann die Menschen gerettet, die jetzt Opfer des Bürgerkrieges in Syrien sind? Werden nicht Andere unfreiwillig hineingezogen?

Kollateralschaden, auch so ein menschenverachtender Begriff als Kriegsrhetorik. Mit den Waffenlieferungen hat der Westen (und Russland) die verschiedenen Kriegsparteien erst hochgerüstet. Von Konfliktherden ist halt am Besten Profit zu machen. Im Interesse des Militär-Industriellen Komplexes wird es weiterhin Krisenherde geben, Kriege sind da nur die Krönung der Rendite.

Jetzt höre ich mich schon an, wie ein K-Gruppen- Pazifist, dabei geht es mir nur darum, deutlich zu machen, einfach gegen Krieg zu sein und keine irgendeine Legitimation des Krieges anzuerkennen.

Ein Interview zum Thema Krieg in Syrien.

Den ganzen unübersichtlichen Unsinn in der Region, die mit einem Erstschlag beglückt werden soll, macht diese Grafik deutlich:

Der Junge mit der Bombe

Eines der heißesten Tage im Jahr verbringt man am besten an einem Brandenburger See im Schatten mit Literatur, Bier und viel Muse. Und wie ich so die ungezogenen Kleinen beobachte, die gerade ihre Eltern am Picknickkorb mit einer Wasserpistole beschießen, ahnte ich noch nicht den weiteren militärischen Verlauf der Sommeridylle.

Plötzlich tauchen zwei frühpupertierende Jungen auf. Der eine, recht drahtig, versuchte seinen Ball immer auf das Wasser zu knallen. Dabei schrie er mit einem Stimmbruch-Krächsen „Krieg“. Das erschreckte mich dann schon, war die Stimmung bis dahin doch recht friedlich geblieben. Er wollte halt Wellen schlagen.

Der Andere, ein Pummelchen, dass sich mit dem Ablegen des reichlich vorhandenen Babyspecks noch Zeit ließ, soufflierte die kriegerische Aktion. Als Steigerung musste jetzt „Atombombe“ simuliert werden. Aber so richtig bäumte sich das Wasser nicht auf. Obwohl der dünne Teenager schon recht kräftig wirkte, wollte sich das aufgewühlte Wasser nicht zu einem Atompilz formen lassen. Kriegerische Rhetorik in friedlichen Zeiten will gelernt sein.

Schließlich konnte man nach dem 100ten Klatschen auf dem Wasser sowas Ähnliches wie eine kleine Fontäne wahrnehmen. Übung sollte ja den Meister machen. Nach weiteren ungezählten Versuchen fing es plötzlich an zu grollen. Die Erde bebte, das Wasser wurde unruhig. Am Strand erstarrte alles, alle schauten auf den See. Auf einem Mal schoss eine eine riesige Fontäne in die Höhe, ich hörte noch „Atombombe“ und sah ein hellen unwirklichen Blitz.

…und dann fiel ich von der Bank. Die Stimmen wurden allmählich lauter, das Klatschen des Balls wieder wahrnehmbar. Ich war wohl eingenickt. Erst jetzt realisierte ich, dass ich überlebt hatte. Beim nächsten „Krieg“ aus der Kehle des Jungen war ich wieder voll da.