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„Der Russe steht im Keller“

Als die Russen kamen, flüchteten sie zwei Dörfer weiter. Die nationasozialistische Propaganda hatte ganze Arbeit geleistet, die Angst vorm Russen war allgegenwärtig. Immerhin kam der Bolschewist für viele Deutsche gleich hinterm Juden.

Immer wenn meine Mutter uns diese Geschichten erzählte, saßen wir gebannt am Abendbrottisch, der Tee wurde kalt, der Käse wölbte sich, wir vergaßen Raum und Zeit.

Einmal hatten sie einen Russen für eine Nacht versteckt und waren wie gelähmt. Trotzdem war es für die beiden Schwestern, Gisela und Helga, ein großes Abenteuer, der Krieg. Die von Flakscheinwerfern angeleuchteten Weihnachtsbäume sah man auch im Fläming, 50 km südlich von Berlin. Es sah toll aus, grollte und donnerte in der Ferne.

Mutti wurde im Jahr der Machtergreifung geboren. Sie hatte 1945 mit ihren 11 Jahren nur Nazis und Krieg erlebt, obwohl es meistens ruhig in Garrey war. Zum Ende kamen dann doch die Russen und schissen in die Aussteuer (Bettwäsche, Handtücher, Tischdecken), die für die blonde Erika bestimmt war. Sie hätte es zur Hochzeit bekommen, aber so wurde die stramme BDM-Braut erstmal vergewaltigt. Und die Mutter (was meine Oma war) gleich mit. Letztere wurde daraufhin erstmal wahnsinnig und zum Pflegefall. Der Krieg hatte den Fläming erreicht.

All diese Geschichten erzählte uns unsere Mutter an manchen Abenden. Der Wehrmachtsopi und der SS-Onkel waren genauso dabei, wie die Gleichgültigkeit und Unreflexion gegenüber den Greueltaten der Nazis. Meine Verwandtschaft war eben Teil des Tätervolkes, die Auschwitz und Treblinka zugelassen und später verdrängt haben.

Die Ressentiments gegenüber den Russen sind bei Vielen geblieben, obwohl es diese Nazipropaganda schon einige Zeit nicht mehr gibt. Warum die deutsche Öffentlichkeit so vorbehaltlos gegen Rußland ätzt, ist trotz des lupenreinen Demokraten Putin nicht nachvollziehbar. Dass sich die politische Elite und die Meinungsmacher auf das Feindbild Rußland, aus denen unsere Befreier vor 6 Jahrzehnten kamen, eingeschossen haben, ist so bedauerlich, geschichtsvergessen und undifferenziert, wie man es vielleicht noch von Stammtischen erwarten könnte. Ich mache da nicht mit!

Übrigens fällt auf den Tag des Überfalls auf Polen und des Beginns des 2. WK der Todestag meiner Mutter, was für ein Zufall. Für mich immer ein denkwürdiger 1. September.

 

 

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Mütter und Söhne

Das Verhältnis zwischen einem Sohn und seiner Mutter ist meistens ambivalent. So auch bei mir, viel habe ich in diesem Blog darüber geschrieben. Zwischen Verklärung, Bewunderung, Abhängigkeit und Hassliebe bewegen sich diese oftmals intensiven Beziehungen. Und so sollte es an meinem Geburtstag sein, dass das Fernsehen zwei ausgezeichnete Filme zu diesem Thema zeigten.

In „WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN“ sorgte der Sohn dafür, dass das Verhältnis zwischen beiden Familienmitgliedern nicht nur unterkühlt ist, sondern von Hass, Ablehnung und arrogantem Psychoterror geprägt ist. Eine starke Mutterfigur konnte die kommende Katastrophe nicht verhindern. Die Szene, wo der pubertierende Sohn beim Masturbieren im Bad von der Mutter erwischt wird und dessen aufreizende Reaktion zeigt die ganze Verachtung, die der Sohn für seine Muter übrig hat. Es ist verstörend und doch faszinierend.

„Wilde Unschuld“ geht noch einen Schritt weiter. Hier wird der Sohn in eine Art sexuelle Abhängigkeit getrieben, die ebenfalls in ein Desaster endet. Eine dominante Mutterfigur kontrolliert und steuert alles, was dem Heranwachsenden als seine Privatsphäre gedeutet werden kann.

Mir ist das alles überhaupt nicht passiert, trotzdem haben mich beide Filme unheimlich berührt. Tiefenpsychologisch könnte man jetzt Fragen nach eigenem Erleben stellen.

Wenn ich groß bin, liebe Mutti…

„Wenn ich groß bin, liebe Mutti…würd ich alles für Dich tun, denn dann haben Deine Hände endlich Zeit zum auszuruhn. “ (Kinderlied von 1966) Nun bin ich groß und Du bist tot. Was für eine Tragödie. Am Ende wäre es wahrscheinlich doch nicht so gekommen.

Deine letzten Jahre verbrachtest Du oft alleine oder mit Deinem kleinen Freundeskreis. Natürlich waren Deine Söhne auch präsent, aber sie hatten schon längst ihr eigenes Leben.

Der Abnabelungsprozess war zumindest bei mir lang und schmerzhaft. Partnerschaft und Auslandsaufenthalt schafften seinerzeit Fakten zur Distanzierung von der Kindheit. Aber die Jahre davor, die wir hatten, waren von so viel Herzlichkeit, Diskussionsfreude und innerer Wärme geprägt, es waren die intensivsten Jahre mit Dir.

Mehr konnte ich von Dir auch nicht erwarten, eine glückliche Kindheit und eine tolerante und offene Begleitung meiner Jugendzeit, Du bist mir niemals auf den Zünder gegangen. Bei uns, und das ist in vielen Familien nicht selbstverständlich, wurde geredet. Manchmal zuviel, davon habe ich heute noch was.

Deine großartige Menschlichkeit, Dein Eintreten für die Querdenker, Gegen-den-Strom-Schwimmer, Außenseiter und Schattenkinder war außergewöhnlich. Vielleicht warst Du auch der Außenseiter, der ständig kämpfen musste.

Vielleicht wärst Du an dieser heutigen Zeit verzweifelt. Ein Shoppingbesuch damals in Westberlin hatte Dich ordentlich überfordert. Die Reisen nach Österreich, an die Riviera oder in die Dolomiten hast Du hingegen genossen. Man hätte noch mehr machen müssen, noch mehr Zeit miteinander verbringen sollen.

Was ich besonders schätze: nie warst Du Mainstream. Außer bei Deinem Musikgeschmack. Ich kenne so viele Schlager der 70er, meine Textsicherheit schockiert mich zuweilen.

Jetzt, zu Deinem 15. Todestag und im November zu Deinem 80. Geburtstag ist es endlich Zeit, sich daran länger zu erinnern und diese Zeilen zu schreiben. Wahrscheinlich lebt viel von Dir in mir, prägt mein Denken und Handeln bis heute und es ist gut und erhabend so.

Ganz schlecht

Er hatte es mit Frauen,

um dann zu heiraten, eine alte Jungfer

um mit ihr Kinder zu bekommen,

um sie dann zu betrügen, im gemeinsamen Schlafzimmer, mit einem Mann,

um eine Menage a trois zu probieren und damit die Grenzen der ehefraulichen Ertragbarkeit auszutesten,

um dann geschieden zu werden, so dass sich die Kinder auch abwendeten,

um dann in der Weltgeschichte rum zu vögeln und alles in epischer Breite und detaillierter Genauigkeit ungefragt zum Besten zu geben und seine Umgebung damit echt zu nerven,

um dann sogar die Geschwister anzubaggern und alles, was bei drei nicht auf dem Baum ist,

um dann mit versauten E-Mails und anzüglichen Briefen Einige vor den Kopf zu stoßen,

um dann den Geschwistern in seiner miefigen Butze zu erklären, dass er missbraucht wurde, von der eigenen Mutter, die jetzt schon tot ist, und es genossen hat, und das ist an allem Schuld.

Wie schlecht ist das denn? Was für eine Farce! Kein Wort!

Das Inzest-Problem…interessanter Beitrag zu einem gesellschaftlichen Tabu