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Wenn ich groß bin, liebe Mutti…

„Wenn ich groß bin, liebe Mutti…würd ich alles für Dich tun, denn dann haben Deine Hände endlich Zeit zum auszuruhn. “ (Kinderlied von 1966) Nun bin ich groß und Du bist tot. Was für eine Tragödie. Am Ende wäre es wahrscheinlich doch nicht so gekommen.

Deine letzten Jahre verbrachtest Du oft alleine oder mit Deinem kleinen Freundeskreis. Natürlich waren Deine Söhne auch präsent, aber sie hatten schon längst ihr eigenes Leben.

Der Abnabelungsprozess war zumindest bei mir lang und schmerzhaft. Partnerschaft und Auslandsaufenthalt schafften seinerzeit Fakten zur Distanzierung von der Kindheit. Aber die Jahre davor, die wir hatten, waren von so viel Herzlichkeit, Diskussionsfreude und innerer Wärme geprägt, es waren die intensivsten Jahre mit Dir.

Mehr konnte ich von Dir auch nicht erwarten, eine glückliche Kindheit und eine tolerante und offene Begleitung meiner Jugendzeit, Du bist mir niemals auf den Zünder gegangen. Bei uns, und das ist in vielen Familien nicht selbstverständlich, wurde geredet. Manchmal zuviel, davon habe ich heute noch was.

Deine großartige Menschlichkeit, Dein Eintreten für die Querdenker, Gegen-den-Strom-Schwimmer, Außenseiter und Schattenkinder war außergewöhnlich. Vielleicht warst Du auch der Außenseiter, der ständig kämpfen musste.

Vielleicht wärst Du an dieser heutigen Zeit verzweifelt. Ein Shoppingbesuch damals in Westberlin hatte Dich ordentlich überfordert. Die Reisen nach Österreich, an die Riviera oder in die Dolomiten hast Du hingegen genossen. Man hätte noch mehr machen müssen, noch mehr Zeit miteinander verbringen sollen.

Was ich besonders schätze: nie warst Du Mainstream. Außer bei Deinem Musikgeschmack. Ich kenne so viele Schlager der 70er, meine Textsicherheit schockiert mich zuweilen.

Jetzt, zu Deinem 15. Todestag und im November zu Deinem 80. Geburtstag ist es endlich Zeit, sich daran länger zu erinnern und diese Zeilen zu schreiben. Wahrscheinlich lebt viel von Dir in mir, prägt mein Denken und Handeln bis heute und es ist gut und erhabend so.

1975: Friedrichstadtpalastverbot

Na das mit dem Friedrichstadtpalastverbot war so eine Sache, die zwischen meiner Mutter und mir beinahe nicht richtig bereinigt werden konnte.

In der DDR, und das betraf besonders die 70er, waren die Fenster zum Westen für Normalsterbliche ziemlich verschlossen. Es gab aber ein winzigen Spalt, der sich manchmal Sonnabendabend im DDR-Fernsehen öffnete. Da lief dann die Fernsehshow „Ein Kessel Buntes“ mit den drei Dialektikern und später mit anderen Moderator*innen. Wenn es einen Ort zum Auftritt für internationale Stars aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftssystems (NSW) gab, dann war es diese Fernsehsendung. Sie zeigte mir, dass es ein buntes Leben jenseits der Zone geben muss. Und das alles fand in den frühen Jahren der Show im legendären Friedrichstadtpalast statt.

Ich war neun und so fasziniert von dem Ding, zudem auch noch der Vater eines Mitschülers meiner Klasse in der Werner-Seelenbinder-Oberschule Bühnenbildner im Palast war und der Klasse für die Kinderrevue „Clown Ferdinand“ Karten besorgte. Das war meine Chance, endlich meinen Traum, den Palast in Berlin von innen zu sehen, in Erfüllung gehen zu lassen. Diesen dunklen samtrot schimmernden Zuschauerraum mit seinen typischen Säulen, auf die die ganzen Westkünstler geschaut haben müssen, während sie im  „Kessel“ sangen. Eine wunderbare Vorstellung, die ich mir sicher mehr, als all die anderen Kinder, gewünscht hätte.

Doch meine Mutter hatte als Strafe für mein Schwänzen von Ferienspielen ausgerechnet die Streichung dieses Schulausfluges vorgesehen. Das brachte mich völlig aus der Fassung. Meine Rebellion hatte aber keinen Erfolg. Ich musste, als meine Klassenkamerad*innen nach Berlin fuhren, bei ihr in der Bezirkssprachheilschule in der Seestraße, wo sie Erzieherin war, antreten. Ich fand das natürlich völlig unangemessen, überzogen und gemein. Die Filzstifte, die ich später von meiner Klassenlehrerin, Frau Masur, als Ausgleich für die entgangene Klassenfahrt überreicht bekam, konnten meine Tränen aus Wut und Unrecht nicht trocknen.

Jahre später stellte ich meine Mutter zur Rede. Sie wollte mich damals treffen, da sie der Meinung war, ich entgleite ihr sonst. Ich habe ihr irgendwann verziehen, obwohl ich nie mehr in das alte Revuetheater kam.

In den 80ern wurde das Ding abgerissen und statt dessen wurde ein neuer Palast gebaut. Diesen dürfte ich dann mal besuchen. Wehmütig dachte ich an entgangene Kinderfreuden. Der Palastneubau erzählt mir keine Geschichte und hat für mich bis heute nicht die Faszination und Anziehungskraft des schönen, alten Friedrichstadtpalastes.