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DFB-Team: Respekt versenkt im Ballermannfieber

Ich habe mich schon gefreut. Über eine Mannschaft, die irgendwie verdient Weltmeister geworden ist. Die so spielerisch stark ist und auch respektvoll mit den Gegnern nach den Spielen umgegangen ist. Die Erziehung von Löw trug, so war der Eindruck, Früchte. Understatement war angesagt. Für die Fans kann man ja nichts.

Als dann aber der Empfang der Sieger in Berlin ihren Lauf nahm, wich der Freude zunehmend ein befremdliches Unbehagen. Ich mache ja die Fan-Attitüden sowieso nicht mit. Aber was hier wie eine Propagandaveranstaltung der deutschen Industrie daherkommt, hat ja mit Sport und sportlichen Erfolgen nichts mehr zu tun. Das war unterste Niveau-Schublade, da wird der typische Deutsche, der Ballermanndeutsche bedient. Jetzt weiß ich noch mehr, warum mir das alles drumherum eher abstößt.

Als sich Teile der Nationalmannschaft herab ließen und auf sehr unwürdige Art und Weise ihre letzten Gegner verhöhnten, wusste ich, dass jetzt der wahre Charakter der spätpupertierenden Jungschnösels durchbricht. Die sollten Fußball spielen und ansonsten doch lieber ihre Fresse halten. Damit haben sie den erworbenen Respekt innerhalb von Minuten im dusseligen und fanatischen  Siegerwahn versenkt.

Wer die Choreographie dieser widerlichen Show am Brandenburger Tor verzapft hat, sollte sich schämen, damit eine Visitenkarte der Deutschen für die Welt abgegeben zu haben.

SO WILL ICH NICHT FEIERN!!

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„`Wir`sind nicht Weltmeister geworden“

(Quelle) Von Halina Wawzyniak

„Seit meiner Kindheit bin ich Sportinteressiert. Ein für mich prägendes Erlebnis war das Handball-Finale bei den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau, mit dem grandiosen Wieland Schmidt. Bei den Olympischen Spielen 1988 bin ich fast mitten in der Nacht aufgestanden um (heimlich) den Zieleinlauf im Straßenrad-Einzelrennen zu schauen. Ich habe selbst jahrelang in einem Trainingszentrum Leichtathletik gemacht. Bis 1989 war für mich immer klar “unsere” Sportler waren die besten, sie mussten gewinnen.

Jetzt ist das anders. Ich weiß nicht ob es an der zunehmenden Kommerzialisierung von Sportereignissen liegt oder einfach einem mindestens seit 2006 unbehaglichen Gefühl. Wenn ich mir heute Sportereignisse ansehe, dann wegen der sportlichen Leistung. Ich will dass der/die Bessere gewinnt, ich will mich über ein schönes Spiel freuen.

So bin ich auch an diese Weltmeisterschaft im Männer-Fussball herangegangen. Na gut, seitdem England ausgeschieden war ;-). Die Mannschaft des DFB hat wirklich guten Fussball gespielt, meistens jedenfalls. Und insofern haben die Spieler auch völlig verdient den Weltmeistertitel gewonnen.

Was mich tatsächlich erschreckt hat war der Grad an “wir” der sich auftat. Natürlich nur beim Männerfussball. Der Frauenfussball ruft diese Emotionen nicht hervor. Nach dem Finale twitterte ich gestern Abend:

“da haben nun fussballspieler gewonnen, nicht ganz zu unrecht. `wir`haben damit nix zu tun, d.h. `wir`sind nicht weltmeister geworden.” 

Nichts besonderes. Jede/r kann sich, wenn er/sie mag, über die sportliche Leistung freuen, er/sie muss sie nur nicht zu einer eigenen Leistung machen. Doch offensichtlich geht es vielen gar nicht um Fussball und Sport, sondern um andere Dinge. Die Antworten auf den Tweet kamen sofort. Es gab Beschimpfungen: vaterlandslose dumme kuh

Und die Aufforderung das Land zu verlassen

woanders hin

Und schließlich noch Enttäuschung, dass ich den Nationalstolz zerstöre. nationalstolz

Und da ist sie dann die Frage: Geht es eigentlich um Fussball und den  Spaß am Spiel oder geht es um Nation, Nationalstolz, eben “wir”. Wer “wir” sagt, der sagt auch “ihr”. Wer “wir” sagt, der sagt auch “die”. Das finde ich alles solange unproblematisch, wie es sich um Vereinsfussball handelt (um mal nur beim Fussball bzw. Sport zu bleiben). Natürlich gibt es “wir”, wenn ich in eine Organisation eintrete, denn in einer solchen Organisation sind nicht alle und der Eintritt in sie ist ein bewusster Willensakt. Und natürlich kann eine Mannschaft auf dem Spielfeld oder in einem Stadion von “wir” reden. …“

Den ganzen Beitrag über falschen Nationalismus und Freude über einen sportlichen Wettkampf kannst Du hier lesen.

Nur ein Spiel #brager

„Wird eine Fußballweltmeisterschaft vom Radio übertragen, deren jeweiligen Stand die gesamte Bevölkerung aus allen Fenstern und durch die dünnen Wände der Neubauten hindurch zur Kenntnis zu nehmen gezwungen ist, so mögen selbst spektakulär verschlampte Gammler und wohlsituierte Bürger in ihren Sakkos einträchtig um Kofferradios auf dem Bürgersteig sich scharen. Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen. Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.“

(Theodor W. Adorno)

Die ganze Nation in Trauer, Depression macht sich breit, Unruhen werden wieder entfacht werden, von diesem Schock wird sich das Land nicht mehr erholen, Implosion des ganzen Landes, von den Deutschen kaltblütig vorgeführt und gedemütigt….was für ein Bullshit.

Es war nur ein Spiel und Brasilien hat eben, zwar hoch, aber nur verloren. Davon geht die Welt nicht unter. Welchen Einfluss hat denn eine Nationalmannschaft auf die Gefühlslage eines Volkes? Warum wird alles Leid und Erfolg an ein paar überbezahlten Kicker festgemacht, den ganze Stolz und das Ungemach sollen diese Fußballer bestimmen?

Ist denn Spanien nach dem Gewinn der Welt- und Europameisterschaften besser geworden? Hat es das Land aus der Krise geführt, ist die Jugendarbeitslosigkeit halbiert worden, hat sich ihre  Mentalität und ihr Selbstverständnis verbessert? Und jetzt, wo sie raus geflogen sind, ist das jetzt schlecht für die Nation?

Ist Deutschland, weil sie gerade jetzt ein paar gute Kicker hat und einen intelligenten Trainer, jetzt ein besseres Volk, gar ein überlegendes? Braucht es diesen Titel, um ihre wirtschaftliche Dominanz zu unterfüttern, dann auch noch „über alles“ singen zu können?

Sind die Niederländer als Volk arrogant, weil ihre Nationalmannschaft so spielt? Brauchen sie für ihren Minderwertigkeitskomplex einen WM-Sieg?

Gönnen wir einer afrikanischen Mannschaft auch mal Erfolg, weil es dem armen und gebeutelten Kontinent so gut tun würde? Und würde es irgendein Elend verschwinden machen?

Kolumbien habe ich ja nicht das Weiterkommen gegönnt, weil sie noch nie dran waren oder weil es dem ramponierten Image des Landes gut tun würde. Nein, ich habe es Kolumbien gewünscht, weil es einfach geil spielt.

Ich hoffe auf die Deutschen, nicht weil es mein Land ist und ich soviel Stolz brauche, um im Leben zurecht zu kommen, sondern weil sie ebenfalls geil spielen können. Und diese Spielweise hat es aus meiner Sicht verdient, erfolgreich zu sein.

Jogi unterliegt Klinsi 3:4

Da reist der Jogi mit seinem Tross nach Amerika und trifft seinen alten Chef in der Nati..und muss eine bittere Niederlage einstecken.

Der Jogi war ja immer das Gehirn der Mannschaft, die fachliche Kompetenz, der, der alles eigentlich bestimmt hat, damals anno 2006, beim Sommermärchen. Der Klinsi war nur das Aushängeschild, der Sonnenkönig, die Lichtgestalt, vielleicht noch der Motivator.

Der Jogi machte schon damals die ganze Drecksarbeit, der Klinsi konnte sich im Erfolg sonnen. Aber verstanden haben sie sich gut, rein vom Dialekt schon her. Obwohl der eine Badener und der andere Schwabe ist. Die vermeintliche Feindschaft war bei Klinsi und Jogi nicht auszumachen. Der DFB belohnte dann Jogi mit dem Chefsessel, nachdem Klinsi selbigen geräumt hatte, um im weiten Amerika eine Fußballschule zu eröffnen.

Jogi, der schon damals unter Klinsi die Strategie und Taktik bestimmte und die Mannschaft zusammen stellte, formte weiter an der Nati rum, bis sie, als Fortsetzung zu Klinsis Zeiten, dauerhaft modernen Fußball zelebrierte.

Es gibt nur wenige Natis, die einen echten Stil auf dem Rasen hinlegen. Spanien, Argentinien, manchmal Rußland, vielleicht noch Italien. Und Jogis Jungs. Klinsi hat jetzt die Motivationsmaschine bei den U.S. Boys angeschmissen und versucht nun ohne Assi Jogi einen eigenen Stil zu finden. Der Sieg über Jogi mag einen Meilenstein zu markieren.

Aber sie werden Freunde bleiben, kommen sie doch beide aus dem Ländle und haben jetzt schon Fußballgeschichte geschrieben. Nur ein Titel fehlt halt noch. Jogi und Klinsi vertreten eine Trainergeneration, die zwar keine Titel gewinnt, aber nachhaltig versucht, aus Fußballarbeiter Fußballkünstler zu machen. Dafür von mir für Jogi und Klinsi viel Erfolg.