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Zivilcourage in der M10

Wir hatten ganz schön gebechert. Jedes Verantwortungsgefühl für sich selber und für Andere hatte sich im Rausch verflüchtigt. Wir waren laut und fühlten uns stark. Da war nur noch 3 Stationen mit der M10, der nächtlichen Partystraßenbahn im Prenzlauer Berg.

Wie immer um diese Zeit, war sie brechend voll, voller alkoholisierter Menschen und einigen wenigen ruhigen Fahrgästen am Rand. Zwei mit Kopftuch bedeckte Mädchen wurden plötzlich lautstark von einigen Prolls ganz fies sexistisch und rassistisch angemacht. „Islamistenhure“ war noch das Harmloseste, war uns zu Ohren kam. Kraft unserer Wassersuppe und auch in unserer eigenen Feierlaune gestört, mischten wir uns ein.

Mutig und unerschrocken schrien wir auf den Rassistenmob ein. So viel Mut hatten wir uns gar nicht mehr und schon gar nicht in diesem Zustand, zugetraut. Nach anfänglichen Zurückgepöppele der Nazis (wir nennen sie mal Nazis, da ihre Beschimpfungen genau dem Duktus der Nazis entsprach) kuschten sie plötzlich, wurden still und trollten sich in den hinteren Teil der Bahn.

Die Umstehenden waren auch alle sehr still geworden. Wir glaubten, die Situation meisterlich gerettet zu haben und glorifizierten noch schnell die Kraft der Zivilcourage.

Als mein Kumpel beim Aussteigen nochmal zurück zur Bahn schaute, bemerkte er einen riesen großen Rastamann, der während des Disputes hinter uns gestanden haben muss, als er sich eine Waffe gerade wieder in seine Hose steckte. Sofort waren wir ziemlich ernüchtert, ob der Waffe  des Rastermannes.

Unserem energischen und verbalen Eingreifen war der Rückzug der Nazis wahrscheinlich nicht geschuldet, allein der große Mann hinter uns hatte die eindeutigeren Argumente.

Ob wir uns auch weiterhin und dann noch im Suff bei solcher Art von Auseinandersetzungen einmischen werden, entscheidet wahrscheinlich die Tagesform. Vielleicht würden wir uns ganz aktiv sofort dann Hilfe von anderen Fahrgästen einfordern. Eventuell ist dann auch wieder ein Rastermann auf einer nächtlichen Fahrt mit der M10 dabei.

Immer gut? Immergut!

Die Festivalsaison ist eröffnet. Das große Sommerspektakel für verwöhnte europäische Jugendliche kann los gehen. Dixiklos, Schlamm, Berge von Müll, Bier ohne Ende, Mucke mit Bässe, dass dir die Ohren abfallen, bloß nicht waschen. Ein gelblich-oranger Schleier überdeckt so manche dörfliche Idylle. Diesem besonderen Flair kann ich mich nicht entziehen, endlich mal kein Luxus!

Das verpennte Neustrelitz weiß gar nicht, was ihm geschieht. Und es bekommt auch kaum was mit. Eine halbe Stunde Fußweg von der Innenstadt zum Festivalgelände und es liegen Welten dazwischen. Das piefige pommersche Provinznest ist meilenweit von den feierwütigen Massen entfernt, viele Einwohner wissen noch nicht mal, dass und noch weniger was da vor den Toren der Stadt passiert.

Ein kleines und feines Independent-Festival hat sich hier etabliert und reiht sich in die Schar der unzähligen und sehr spezialisierten Sommer-Events ein. Die Musik ist nicht immer mit dem glücklichsten Händchen ausgesucht, macht aber meistens trotzdem Spaß. Je fortgeschrittener die Nacht, um so besser wird die Mucke. Die echten Höhepunkte kamen erst nach Mitternacht.

Meine Höhepunkte waren Slut, eine echte Indie-Band…und vor allem: FSF-sprich Feine Sahne Fischfilet. Diese ausgesprochen politische Combo beeindrucken mit klaren Statements in Richtung dem so naziverseuchten Landstrichen Mecklenburg-Vorpommern. Sie, die von hier kommen, zeigen mit aufrichtigem Mut und eindeutiger Sprache klare Kante gegenüber allen Mitläufern und Salon-Gutmenschen. Gut, dass es sie hier gibt und dass Neustrelitz ein Ort ihres Auftretens war.

Das große Aufräumen dieses zivilisatorischen Müllhaufens nach dem Festival entzieht sich meiner Kenntnis, da ich schon sehr schnell endlich unter der Dusche stand und den Staub des norddeutschen Ackers abwaschen konnte. Und schon ist der Ausnahmezustand Festival Geschichte, aber Bestimmt mit Fortsetzung.

Nazireich Imbissbude

Der Reader „Kaltland“ hat mich teils brutal, teils sehr humorig darauf aufmerksam gemacht, dass die frühen 90er rein politisch so ziemlich an mir vorbei gegangen sind.

Ich war in der Schweiz und beobachtete die Ereignisse in Ostdeutschland eher mit Distanz. Das politische Vakuum, das nach dem Zusammenbruch der DDR im Osten entstand, die rechtsfreien Räume für Linke und Rechte und die daraus resultierenden Ereignisse in Wild East sind mir nur durch Legenden, Erzählungen und Fernsehbilder bekannt geworden.

Doch bevor ich Deutschland in Richtung Süden verließ, hatte ich ein 14tätiges Intermezzo unter Nazis in der Imbissbude Am Stern in Potsdams gleichnamigen Randbezirk, dass schon damals als sozialer Brennpunkt bekannt war. Da bot sich ein Bild, von dem man eine Vorahnung auf kommende Verwerfungen in Hoyerswerda und Lichtenhagen bekommen konnte.

Für eine Bekannte half ich in der Imbissbude aus. Pommes, Würstchen und Broiler standen auf dem Programm. Während am Tage viele Schüler und Anwohner die Bude belagerten, kamen in den Abendstunden die Alkis und die Spielsüchtigen, denn wir hatten nicht viel in der Bude, aber einen Spielautomaten.

Während der 24-Stunden Öffnungszeit versammelte sich der ganze soziale Querschnitt des Neubaugebietes. Es war das Kommunikations-Epizentrum und die Projektionsfläche der Menschen hier. Viel Kümmerling ging über den Tresen, man hatte Spaß miteinander und respektierte sich. Und dann kamen sie.

In einem meiner ersten Nachtdienste, ich hatte mich, laut Anraten meiner Bekannten, mit Schreckschusspistole und Baseballschläger bewaffnet, standen sie uniform und aufgewühlt vor der Tür. Als ich gerade mit einem Spieler quatschte kam der schneidige Befehl: 6 Kümmerling…bitte!

An seinem Koppelschloss blitzte ein Revolver auf. Mir ging der Arsch auf Grundeis, hatte ich Nazis noch nie in Echt gesehen. Sie diskutierten hart, immer wieder mit Parolen. Wie ich später erfuhr, waren sie gerade von einer Propagandaveranstaltung gekommen und wollten einen Absacker trinken.

Ihr Sprechen war ideologisch, ihr Habitus herrenmenschlich, ihre Gesten brutal und ihre Bestellungen hallten wie Befehle. Nachdem ich ihren forschenden Fragen erfolgreich ausgewichen war, musste ich vor Angst und Schrecken erst mal aufs Klo.

Die 50 DM Wechselgeld, die 2 Broiler und 10 Kümmerlinge waren zu verschmerzen, immerhin hatten sie mich am Leben gelassen. Als sie später wieder kamen, gab ich vor Freude ne Runde Kümmerling und sie ließen mich in Ruhe. Es waren nur immer kurze Besuche, sie hatten den Laden im Griff, die Spielsüchtigen, die Alkis, die Kleinkriminellen und mich.

Der Alptraum, Teil ihres Kosmos zu sein, endete nach 2 Wochen, ich verbuchte es unter Sozialstudie. Noch einmal sollte ich Nazis ungeschützt begegnen.

Es war 2010 am Alexanderplatz, als die Polizei eine Lücke zwischen ihnen und uns Antifaschisten ließ und ich in ihre verzerrten Gesichter schauen musste, wo sie letzten Verstand und letzten menschlichen Gesichtszug einfach wegbrüllten. Da erinnerte ich mich wieder an unfreiwillige Feten mit Kümmerling und Nazis in der Imbissbude Am Stern.

Heute ist Muttertag, na und?

Immer wenn ich an Muttertag denken muss, kommt mir das Wort Mutterkreuz in den Sinn. Beides sind Erfindungen der Nazis, wollten sie doch die Rolle der Frau als Gebährmaschinen manifestieren.

In der antifaschistischen DDR gab es keinen Muttertag. Als er nach der Wende über uns kam, deutete ich ihn für eine konsumgesteuerte Werbeidee der Industrie, wie auch diesen schrecklichen Valentinstag. Wir hatten nur Frauentag, um die Mädchen, Mütter und Frauen, von denen viele werktätig waren, zu ehren und ihnen wenigstens an einem Tag die verdiente Wertschätzung näher zu bringen.

Da bekam Mutti das Frühstück ans Bett, Blumen und Pralinen wurden gereicht und wir waren alle ganz lieb. Beliebt waren auch die Frauentagsausflüge, wo die Männer arbeiteten und die Frauen schwofen gingen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Als meine Mutter noch lebte, bestand sie noch zusätzlich auf die neue kalendarische Wertschätzung als Mutter. Ich hatte es nie verstanden, erfüllte aber ihre Wünsche. Darum kommt auch nur dieser emotionslose Text raus. Für mich hat das alles keine Bedeutung. Wenn man einen Tag im Jahr braucht, um die Wertschätzung für seine Mutter auszudrücken, ist das für mich ein Armutszeugnis.

…und hier noch die Top 7 der schlimmsten Mütter