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Geschichten von der Asche (1)

(Asche=Armee=NVA=Militär)

Die drei Jahre, für die ich mich verpflichtete, waren sehr intensive und prägende Jahre, immerhin saß ich sie im besten Alter von 19-22 ab. So als eine Mischung aus meinem Jungmännertraum, Abenteuer und Kuriositätenkabinett habe ich sie auch als Experimentierfeld von Verhaltensmuster außerhalb der allgemeinen Normen begriffen.

Zunächst besuchte ich die Unteroffiziersschule in Bad Düben. Ich hatte in dieser Zeit noch ein Traumgewicht, wirkte fast drahtig und schaffte die 3000 Meter in 18 Minuten. Nur die Sturmbahn war eine unüberwindliche Hürde. Fuchsbau, Eskaladierwand und Stolperdraht waren nicht so meins, ich tat alles dazu, mich irgendwie davor zu drücken. Das gelang mal mehr, mal weniger. Doch meine Chance zum Verpissen sollte noch kommen.

Bei einem Appell für irgendeinen General, für den man sogar den Rasen grün gestrichen hatte, mussten wir mit Stahlhelm antreten. Mir wurde ganz heiß und ich fühlte mich plötzlich fiebrig. Kurz bevor ich umkippte, wurde ich so unauffällig, wie möglich, von der Parade entfernt. Der General sollte ja nichts mitbekommen.

Auf dem Med.-Punkt angelangt stand man zunächst vor einem Rätsel. Ich hatte wohl alle Symptome der Kinderkrankheit Röteln, die für Erwachsende durchaus gefährlich werden kann. Man steckte mich sofort in Quarantäne und mit mir die halbe Kompanie, die ich wohl angesteckt habe. Für ca. drei Wochen hatten wir überhaupt nicht zu befürchten.

Bei guter Versorgung und freundlicher Betreuung hatten wir nichts aus zu stehen, während unsere Kameraden sich auf Gewaltmärschen unter Vollschutz, stundenlangem Putzen der Kalaschnikow, Sturmbahn- und Schießübungen bei schlechter Versorgung abquälten. Doch jede Krankheit ist leider irgendwann mal zu Ende.

Und den nächtlichen Märschen durch die Dübener Heide in die Morgensonne konnte ich sogar etwas abgewinnen. Ich kann nicht sagen, dass ich mich damals unwohl fühlte. Ich bekam von den Kameraden Anerkennung, hatte sogar einen Spitznamen: Maggi, weil ich dort der einzige Koch war. Irgendwie war es eine coole Schicksalsgemeinschaft, die nach einem halben Jahr auseinander gerissen wurde.

Man kam in verschiede Truppen und Einheiten und sah sich eigentlich nicht wieder. Die nächtliche Verladung mit ihren LKWs, Scheinwerfer und Befehlsgegröle erinnerte mich an eine surreale Filmszene aus Schindlers Liste.

Ich kam nach Klosterfelde in eine Flaraketeneinheit. Wir spürten AWACS und amerikanische MVMs auf, hatte den Fernsehturm zum Abschuss bereit und begleiteten entführte polnische Verkehrsflugzeuge. Doch davon erzähle ich im zweiten Kapitel von der Asche.

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Sommer, Sonne lacht, Sowjetmacht…

Sommer, Sonne, alles lacht, drum lieben wir die Sowjetmacht oder Wir nahmen das Regime nicht ernst

Der Spruch fiel in der Berufsschule in Potsdam. Der Kochlehrling Sven Remus, der in der HO-Gaststätte Terassenrestaurant Minsk am Brauhausberg lernte, haute ihn mitten im Unterricht raus und ich konnte mich vor Lachen kaum einkriegen. Der Spruch hat mich ewig begleitet, zeigte er mir die Lächerlichkeit des sozialistischen Systems und die Propagandamaschine der Kommunisten als Realsatire.

Auch bei der NVA war das Experiment, nicht ernst nehmen, bei mir allgegenwärtig und Gegenstand des täglichen Handelns. Als mich der Kompaniechef Major Seltmann bei seiner Kontrolle der Wache aufforderte, ich sollte mich drehen und als Wachhabender doch endlich in diesem Saustall Ordnung rein bringen, drehte ich mich tatsächlich um meine eigene Achse und fragte ihn anschließend: „Reicht das??“

Ständig ließ ich mich vom Stabschef der Abteilung Klosterfelde des Fla-Raketenregimentes Bernau der Luftverteidigung der DDR persönlich wecken, da ich wieder mal die Nachtschicht der Klopper (Offiziere in unserem Sprachgebrauch) übernommen hatte und ich ja irgendwann mal schlafen wollte. Der betroffene Offizier verteidigte dann Gott sei Dank meinen Tagesschlaf.

Bei einer Nachtübung, nachdem wir die Fenster von halb Oranienburg ausgeleuchtet hatten und die Bewohner*innen wahrscheinlich dachten, es geht wieder los, schoss ein Soldat mit Platzpatronen in die Luft, weil ihn ein nächtlicher Passant kein Feuer geben wollte. Pilzsuchende im Speergebiet verscheuchten wir regelmäßig mit unserer Knarre um dann die üppig stehenden Pilze einzusammeln und sie auf einem Bügeleisen zu braten.

Diese Respektlosigkeit fand für mich aber nicht nur bei der Armee statt. Ob in der Schule, später in den Ausbildungsbetrieben, es gab immer einen stillen Protest von mir, indem ich das alles lächerlich machte.

Stundenlange Diskussionen mit meinem Staatsbürgerkunde-Lehrer brachten mir komischerweise eine Note 1 ein, weil ich der Einzige mit Mitarbeit war und ich den Anderen der Klasse zum Skat spielen und Schiffe versenken verhalf. An meinem Klassenstandpunkt kann es nicht gelegen haben.

Als FDJ-Kassierer verjubelte ich gerne das eingenommene Geld zum Eis essen, bis es raus kam und ich dankenswerter Weise abgelöst wurde.

Es waren wunderbare Jahre des nicht Ernstnehmens und der Leichtigkeit, die sich 1989 mit der Wende und meinem Erwachsenwerden leider fast aufgelöst haben. Die neue Gesellschaftsordnung ist wirklich viel zu ernst, als dass man sie lächerlich machen kann. Das ist sehr schade. Nischen des Humors gibt es trotzdem noch, man muss sie nur finden.

Gefechtsschießen in Astrachan

Der Warschauer Pakt veranstaltete während des Kalten Krieges immer mal Gefechtsübungen der befreundeten Armeen, die einen Ernstfall simulieren sollten. Das war nötig, um das Gleichgewicht des Schreckens aufrecht zu erhalten. Wenn man, wie ich, in dieser Ost-West-Hochrüstungsphase Anfang 80er einen Einberufungsbefehl bekam, konnte man in die Verlegenheit kommen, das Abenteuer einer solchen apokalyptischen Übung teilhaftig zu werden.

Mein Abenteuer bestritt ich als Angehöriger der NVA, einer der befreundeten Armeen des sozialistischen Weltsystems. Übrigens gehörten auch die Armeen Vietnams und der Mongolischen Volksrepublik dazu. Die Reise in unbekannte militärische Welten begann im brandenburgischen Neuhardenberg, dass zu DDR-Zeiten bezeichnender Weise Marxwalde hieß. Das Dorf hatte einen NVA-Flugplatz, von wo es direkt mit einer Antonow nach Kiew in der Ukrainischen SSR ging. Der Flughafen sah aus, wie eine Dorf-Bushaltestelle mit zentraler Umsteigemöglichkeit, viele Menschen und Tiere, sowie allerlei Gepäck warteten auf Weiterflug. Wir erreichten unseren Militärflieger mit Soldaten aus anderen Bruderländern, der uns fast ans Kaspische Meer bringen sollte. Nach einer mehrstündigen Busfahrt durch militärisches Speergebiet, kamen wir erschöpft im wüstenähnlichem Niemannsland an.

Wie es sich einer deutschen Armee gehört, sind Kontrollen der Kragenbinde und der Stiefel erste Priorität. Wie die Sauberkeit von besagten Stellen der Uniform Angesichts von latenten Wüstenstürmen zu gewährleisten, war uns zunächst schleierhaft. Extrem vorsichtig checkten wir die zur Gefechtsübung nötige Technik, bauten Nachrichtenverbindungen, einen Gefechtsstand, synchronisierten Funkorter mit der Raketentechnik, taten im Prinzip die Dinge, die wir auch zum Schutz der Hauptstadt der DDR als Fla-Raketen-Einheit im heimischen Klosterfelde durchführten. Wie eine Rakete wirklich los geht, haben wir in den brandenburgischen Wäldern verständlicherweise nicht probiert, hätten wir, dann hätte es in Mitteleuropa zwischen Ostblock und NATO sicherlich geknallt. Den Fernsehtum in Berlin hatten wir des Öfteren im Funkorter-Visier. Ein paar Knöpfe weiter und wir hätten ihn abgeschossen. Um unsere Schießgelüste zu befriedigen, sind wir ja ins russische Astrachan geflogen. Wir sollten nämlich mal sehen, wie toll so ein Raketenabschuss wirklich ist.

Ich befand mich in einem Nachrichten-LO, einem kleinen LKW, und steckte noch ein paar Verbindungen zur reibungslosen Kommunikation zwischen den operativen Stellen. Plötzlich vernahmen wir ein ohrenbetäubenden Lärm, sahen einen hellen Blitz, viel Staub und Aufregung unter den deutschen Rekruten. Vielleicht hat sich ja die Wüste geöffnet oder Soldat Schmidt hat wieder Magenprobleme, waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schossen. Die lapidare Antwort auf unser Fragen kam vom Spieß: Die Mongolen schießen schon.

So unterschiedlich sind manche Mentalitäten. Während wir zum tausendsten Mal unsere Technik kontrollierten und sicher etliche Appelle mit Stiefel- und Kragenbindenkontrolle über uns ergehen lassen mussten, hatten die Mongolen schon ihren Spaß gehabt.

Wenn ich heute so an diese unwirkliche Szenerie denke, wo ich voll gegen Militarismus, Armeen, Kriege, Wettrüsten und sonstigen ähnlichen Kategorien  bin, denke ich, wie absurd das ganze Theater war, als wäre ich im falschen Film. Wir waren jung und es war ein Abenteuer. Ab und zu taugt es mal zur Story für einen Stammtisch.