Schlagwort-Archive: Potsdam

Mein Jahr 1989

Alles war in Bewegung, alles im Aufbruch. Ich emanzipierte mich endlich von meiner Mutter auch praktisch. Die erste eigene Wohnung war im Oktober bezugsfertig. Ich übernahm sie von einem Republikflüchtling, musste somit sein gesamtes Hab und Gut sowie die Käsestulle im Kühlschrank entsorgen oder konnte es für mich nutzen. Er wurde bereits im August abgeschoben. Seidem war die Wohnung vom Rat der Stadt Potsdam gesperrt gewesen und somit unberührt. Es roch nach totem Hund und der ganze Balkon war voller abgestorbener Kakteen.

Die neue Beziehung zog gleich in die 18 qm große Einraumwohnung der AWG mit ein. Alles war aufregend und neu. Vom Schoß der Mutter in einen neuen Schoß, das war die Herausforderung des Herbstes 89. Und dann der Umbruch, das elektrisierende Gefühl, dass jetzt alles auseinanderfällt und Platz für Neues und Fremdes macht.

Die Wende kündigte sich ja das ganze Jahr schon an. Mein damaliger Freundeskreis verabschiedete sich nach und nach in Richtung Westen. Irgendwann war ich der Einzige meiner Schicht in der HOG „Seerose“. Da kam eine Karte aus Salzburg, sie hatte es über Ungarn geschafft. Andere hatten nicht soviel Glück und fanden sich im Stasiknast Neubrandenburg wieder, nachdem sie bei Bratislava aus der Donau gefischt wurden. Einige reisten dann auch ganz normal aus, nachdem sie ihre Ausreise beantragt hatten.  Die Zurückgebliebenen führten Zähllisten von denen, die der Zone den Rücken kehrten. Die Zahlen erhöhten sich stündlich. Das Ausbluten der DDR war allgegenwärtig und beeinflusste maßgeblich meinen Alltag in dieser Zeit. Der hiergebliebene Rest verfiel in wohlwollender Anarchie.

Vielleicht wäre alles ganz anders geworden und ich hätte mich in irgendeinem Auffanglager wiedergefunden. Aber die Reisen nach Prag und Budapest waren so getimt, dass ich nie in die Gelegenheit von Flucht kam. Ich war außerdem viel zu bequem. Heute sag ich, Gott sei Dank. Denn spätestens Heiligabend zum Aussetzen den Mindestumtauschsatzes waren die Flüchtlinge alle wieder da und gaben mit ihrer Westkohle bei uns an.

Der Fall der Mauer war dann doch ziemlich spannend. Mein ganzes Leben hatte ich den Blick aus dem Küchenfenster zum Funkturm Wannsee. Ich wusste, da komme ich unter normalen Umständen niemals hin. Aber in diesen Novembertagen war ja nichts mehr normal. Die Notschicht musste sicher gestellt werden, denn einige wenige Gäste verirrten sich doch noch in die Seerose und für die wollte und musste ich ja noch kochen.

Die Nacht des 9. November erlebte ich mit dem SFB, der einfach durchsendete. Ich glaubte, was ich dort sah. Immerhin war die Grenzöffnung aus meiner Sicht völlig folgerichtig. Was sollte man denn sonst machen? Dass Schabowski und Tagesthemen-Moderator Friedrichs noch nachhilfen, ordenete sich in dieser gesamten Dynamik mit ein.

Da am 10. November abends die Glienicker Brücke aufmachte, war es für mich und meiner neuen Flamme nur praktisch, nach der Schicht sich zu einem Ausflug nach Westberlin zu verabreden. Der Reisebus brachte uns von der Brücke zum S-Bahnhof Wannsee, vorbei am besagten Funkturm..und da wurde es mir dann doch etwas komisch.

Dem Wahnsinn am Ku`damm unterwarf ich mich dann fast eine Woche am Stück, ich tauchte einfach ab. Wie im Trance erlebte ich abgefuckte Kneipen in Kreuzberg, Tequila-Orgien im Irish Pub im Europa-Center, Frühstücke bei Mc.Donald oder einfach eine mir bis dato völlig fremde Stadt.

Als der Rausch nachließ, hatte ich immer noch meinen Job, meine Beziehung, meine Miniwohnung für 14, 50 Ostmark und mein Leben, dass trotzdem so unfreiwillig gewendet wurde. Man hatte Geschichte erlebt und musste sich erstmal zurecht finden. Wo alle Zonies nach Berlin drängten, fuhren wir erstmal nach Leipzig.

Das Erleben dieses fundamentalen Umbruchs hat sich nachhaltig bei mir eingeprägt, hat Vieles verändert und neu justiert. Das Leben nach der Wende war geprägt vom Zurechtfinden, vom Neulernen, von der Befriedigung unendlicher Neugier, vom Entdecken und Probieren.

Irgendwann bekam man aber auch die Grenzen und Hemmnisse, die Gefahren und die Kälte des uns überstülbten neuen Systems mit und aus meiner Bequemlichkeit im Osten wurde es ein Kampf im Westen. Irgendwie bin ich aber mit Beidem zurechtgekommen, weil ich auch viel nette und gute Dinge in beiden Leben erfahren habe. Ich möchte in meiner Vita nichts davon vermissen.

 

 

Wenn ich groß bin, liebe Mutti…

„Wenn ich groß bin, liebe Mutti…würd ich alles für Dich tun, denn dann haben Deine Hände endlich Zeit zum auszuruhn. “ (Kinderlied von 1966) Nun bin ich groß und Du bist tot. Was für eine Tragödie. Am Ende wäre es wahrscheinlich doch nicht so gekommen.

Deine letzten Jahre verbrachtest Du oft alleine oder mit Deinem kleinen Freundeskreis. Natürlich waren Deine Söhne auch präsent, aber sie hatten schon längst ihr eigenes Leben.

Der Abnabelungsprozess war zumindest bei mir lang und schmerzhaft. Partnerschaft und Auslandsaufenthalt schafften seinerzeit Fakten zur Distanzierung von der Kindheit. Aber die Jahre davor, die wir hatten, waren von so viel Herzlichkeit, Diskussionsfreude und innerer Wärme geprägt, es waren die intensivsten Jahre mit Dir.

Mehr konnte ich von Dir auch nicht erwarten, eine glückliche Kindheit und eine tolerante und offene Begleitung meiner Jugendzeit, Du bist mir niemals auf den Zünder gegangen. Bei uns, und das ist in vielen Familien nicht selbstverständlich, wurde geredet. Manchmal zuviel, davon habe ich heute noch was.

Deine großartige Menschlichkeit, Dein Eintreten für die Querdenker, Gegen-den-Strom-Schwimmer, Außenseiter und Schattenkinder war außergewöhnlich. Vielleicht warst Du auch der Außenseiter, der ständig kämpfen musste.

Vielleicht wärst Du an dieser heutigen Zeit verzweifelt. Ein Shoppingbesuch damals in Westberlin hatte Dich ordentlich überfordert. Die Reisen nach Österreich, an die Riviera oder in die Dolomiten hast Du hingegen genossen. Man hätte noch mehr machen müssen, noch mehr Zeit miteinander verbringen sollen.

Was ich besonders schätze: nie warst Du Mainstream. Außer bei Deinem Musikgeschmack. Ich kenne so viele Schlager der 70er, meine Textsicherheit schockiert mich zuweilen.

Jetzt, zu Deinem 15. Todestag und im November zu Deinem 80. Geburtstag ist es endlich Zeit, sich daran länger zu erinnern und diese Zeilen zu schreiben. Wahrscheinlich lebt viel von Dir in mir, prägt mein Denken und Handeln bis heute und es ist gut und erhabend so.

Achsenbruch vor Barcelona oder Wie ich meinen Lancia begrub

Was mich dieses Auto für Nerven gekostet hat. Wegen eines brüchigen Kühlwassertanks setzte ich meine beste Freundin auf die Straße, da die Nerven blank lagen und ich immer wieder Wasser in den Tank kippen musste, wenn das Auto rauchte. Sie gab mir noch wohlwollende Ratschläge, wie man es im Allgemeinen und bei dieser Kutsche im Besonderen machen sollte. Das konnte ich gar nicht vertragen, bin ich in Vorsorge eher unterbelichtet.

Das ständige Auffüllen machte sich dann auf der Autobahn ganz schlecht, die ich nach Stunden noch lebend verlassen konnte. Dabei war nur eine Distanz von Berlin-Messedamm nach Potsdam-Babelsberg zu bewältigen.

Eigentlich war dieser grüne Lancia die Mitgift und vielleicht die letzte Rache aus einer verflossenen Beziehung. Er fuhr ja auch noch ganz ordentlich. Immerhin hatte er am Ende 280000 km auf dem Tacho. Meine damalige ADAC-Mitgliedschaft machte sich von Jahr zu Jahr bezahlter, ich dachte manchmal, er ist öfter huckepack als auf der Straße. Wie oft er auf Kosten der Münchener Versicherer abgeschleppt wurde, weiß ich gar nicht mehr.

Seine letzten Monate erlebte er dann als Continental Car in Irland. Zunächst gab es einen Anruf aus dem Hilton in Cardiff/Wales, da die Batterie leer war und ich doch die Fähre schaffen musste. Fuhr ich halt einen Tag später zu meinem Contract in Tipperary.

In Irland ohne Scheibenwischer zu fahren, weil auch der mal nicht funktionierte, ist ja mal eine ganz schlechte Idee. Und macht bei dem ständigen Regen keine Freude.

Einmal legte er den gesamten Feierabendverkehr einer mittleren Kleinstadt lahm, da die Kollegen von München so schnell keinen adäquaten Vertragspartner ausfindig machen konnten.

Dann wollte ich mal nach Barcelona und musste zum Flughafen Shannon an die Westküste. Gegen 3 Uhr ging es über enge Landstraßen von Thurles los. Ich freute mich schon auf ein paar sonnige Tage in der katalonischen Hauptstadt. Mein Lancia sollte was dagegen haben.

Er legte sich einfach quer mit einem komischem Geräusch, das sich wie ein Bruch anhörte. Nun war er nicht mehr zu bewegen, die Straße zu verlassen. Es war der letzte Anschlag auf mein Gemüt und meine Nerven, der von dem Gefährt ausging. Mein Glück war die Tageszeit und die Tatsache, dass Irlands Straßen echt verkehrsarm sind. Drei Autos in zwei Stunden waren mit Taschenlampe und Geschrei von einem Auffahrunfall abzuhalten. Dann kam der rettende Abschleppdienst.

Wir fuhren in die Dämmerung und wollten uns vormittags wieder treffen, um die Diagnose festzustellen und mögliche Konsequenzen zu planen. Gegen 11.00 Uhr stand das Todesurteil für den Lancia fest. Ein irreparabler Achsenbruch beschloss das aufregende Leben des Italieners. Ich ließ ihn in Tipperary verschrotten und hatte ja noch ein paar Tage Zeit, zu trauern und ein neues Auto zu besorgen.

Barcelona steht seit dem immer noch auf der Agenda, irgendwann schaffe ich es, dort hin zu kommen, wenn nicht wieder jemand was dagegen hat.

Nazireich Imbissbude

Der Reader „Kaltland“ hat mich teils brutal, teils sehr humorig darauf aufmerksam gemacht, dass die frühen 90er rein politisch so ziemlich an mir vorbei gegangen sind.

Ich war in der Schweiz und beobachtete die Ereignisse in Ostdeutschland eher mit Distanz. Das politische Vakuum, das nach dem Zusammenbruch der DDR im Osten entstand, die rechtsfreien Räume für Linke und Rechte und die daraus resultierenden Ereignisse in Wild East sind mir nur durch Legenden, Erzählungen und Fernsehbilder bekannt geworden.

Doch bevor ich Deutschland in Richtung Süden verließ, hatte ich ein 14tätiges Intermezzo unter Nazis in der Imbissbude Am Stern in Potsdams gleichnamigen Randbezirk, dass schon damals als sozialer Brennpunkt bekannt war. Da bot sich ein Bild, von dem man eine Vorahnung auf kommende Verwerfungen in Hoyerswerda und Lichtenhagen bekommen konnte.

Für eine Bekannte half ich in der Imbissbude aus. Pommes, Würstchen und Broiler standen auf dem Programm. Während am Tage viele Schüler und Anwohner die Bude belagerten, kamen in den Abendstunden die Alkis und die Spielsüchtigen, denn wir hatten nicht viel in der Bude, aber einen Spielautomaten.

Während der 24-Stunden Öffnungszeit versammelte sich der ganze soziale Querschnitt des Neubaugebietes. Es war das Kommunikations-Epizentrum und die Projektionsfläche der Menschen hier. Viel Kümmerling ging über den Tresen, man hatte Spaß miteinander und respektierte sich. Und dann kamen sie.

In einem meiner ersten Nachtdienste, ich hatte mich, laut Anraten meiner Bekannten, mit Schreckschusspistole und Baseballschläger bewaffnet, standen sie uniform und aufgewühlt vor der Tür. Als ich gerade mit einem Spieler quatschte kam der schneidige Befehl: 6 Kümmerling…bitte!

An seinem Koppelschloss blitzte ein Revolver auf. Mir ging der Arsch auf Grundeis, hatte ich Nazis noch nie in Echt gesehen. Sie diskutierten hart, immer wieder mit Parolen. Wie ich später erfuhr, waren sie gerade von einer Propagandaveranstaltung gekommen und wollten einen Absacker trinken.

Ihr Sprechen war ideologisch, ihr Habitus herrenmenschlich, ihre Gesten brutal und ihre Bestellungen hallten wie Befehle. Nachdem ich ihren forschenden Fragen erfolgreich ausgewichen war, musste ich vor Angst und Schrecken erst mal aufs Klo.

Die 50 DM Wechselgeld, die 2 Broiler und 10 Kümmerlinge waren zu verschmerzen, immerhin hatten sie mich am Leben gelassen. Als sie später wieder kamen, gab ich vor Freude ne Runde Kümmerling und sie ließen mich in Ruhe. Es waren nur immer kurze Besuche, sie hatten den Laden im Griff, die Spielsüchtigen, die Alkis, die Kleinkriminellen und mich.

Der Alptraum, Teil ihres Kosmos zu sein, endete nach 2 Wochen, ich verbuchte es unter Sozialstudie. Noch einmal sollte ich Nazis ungeschützt begegnen.

Es war 2010 am Alexanderplatz, als die Polizei eine Lücke zwischen ihnen und uns Antifaschisten ließ und ich in ihre verzerrten Gesichter schauen musste, wo sie letzten Verstand und letzten menschlichen Gesichtszug einfach wegbrüllten. Da erinnerte ich mich wieder an unfreiwillige Feten mit Kümmerling und Nazis in der Imbissbude Am Stern.

Turbine Potsdam ist Fußball-Vizepokalsieger

…und Vizemeister und wieder wird es so richtig kaum jemand interessieren. Dabei ist Potsdam eines der erfolgreichsten Fußballclubs Deutschlands mit diversen Meistertitel, Pokalen und Europacups. Sie haben alles gewonnen, was man im Fußball gewinnen kann, doch kaum jemand bemerkt es. Sogar der Kommentator des DFB-Pokalendspiels in der ARD sah Turbine eher als Sparringspartner des Pokalsiegers Wolfsburg, die sich mit viel Geld des Volkswagenkonzerns eine Mannschaft zusammen gekauft haben. Ähnlich wie Hoffenheim und Chelsea bei den Männern.

Turbine hat ihr Trainingszentrum in meiner Heimatgegend Potsdam-Waldstadt und ein ehemaliger Klassenkamerad war Spieler beim Verein. Die Trophäen schleppten schon damals die Frauen an. Trainer Bernd Schröder, eines der dienstältesten Fußballtrainer der Welt, hat hier über Jahrzehnte nicht nur ausgezeichnete Nachwuchsarbeit gemacht und Weltstars geformt, sondern auch für alle im Westen überraschend weiterhin Erfolge und Titel eingefahren.

Ich bin froh, als Fußballfan eine Heimatstadt eines Champions League-Siegers zu haben und stolz, das hier der Ostfußball einen würdigen Spitzenvertreter auf Dauer besitzt.

Wünsch Dir doch mal Tanzmusik

Der Titel entstammt eigentlich einer Radiosendung von Stimme der DDR. Den Zugang zu Sendungen des DDR-Rundfunks bekam ich erst bei der Armee, da Westradio hören, verboten war.

Rias und SFB 2 waren die gängigen Sender meiner Jugendzeit, die ich zuvor auf meinem großen alten Radiogerät verfolgte. Burkard Rausch, Barry Graves, Uwe Wohlmacher, Jürgen Jürgens, Rick de Lyle, Lord Knut, Andreas Dorfmann und viele Andere waren meine Rundfunkstars. Wenn bei Rias die Schlager der Woche lief, konnte man sicher sein, dass am nächsten Abend in der Diskothek Spartakus in Potsdam die Hits in der gleichen Reihenfolge gespielt wurden. Ganze Programmabfolgen der Westsender haben sich bis heute in meinem Gehirn festgesetzt.

Und die Musik…Wir waren durch die ausgezeichneten Empfangsmöglichkeiten der Anstalten aus Westberlin immer auf dem neuesten Stand. Die Radio DJs spielten die Titel auch immer aus, damit wir im Osten mitschneiden konnten.

Meinen ersten Zugang zur populären Musik bekam ich durch meinem damaligen besten Freund Karsten, der viel Independend Musik  hörte und mich dafür begeisterte. Diese bedeutsame Prägung hält bis heute an. Wir hörten bis in den frühen Morgen so abgefahrene Musik, die immer schön auf Kassette von seinem damals für Ostverhältnisse innovativen Doppeldeckrekorder abgespielt wurde. Je mehr wir tranken, um so schriller wurde die Mukke. Am Ende gab es nur noch Anfänge und besondere Stellen der Titel.

Viele dieser extravaganten Gruppen und Künstler habe ich vergessen, geblieben ist ein Hörverständnis und ein individueller Musikgeschmack, der mit nachkommenden Produktionen korrespondierte.

Übrigens gibt es noch Rundfunksender, die sich vom Pop-Einheitsbrei der meisten Anstalten abheben und durchaus vernünftige Musik, abseits vom Mainstream, spielen. Aus Westberlin sind alle innovativen Musikprogramme leider verschwunden.  Für die Befriedigung meines Musikgeschmackes muss ich nun einen Sender aus meiner Heimatstadt hören, Radio Eins aus Potsdam.

Der dicke Baum

Waren das noch Zeiten, man kannte sich, grüßte sich, sah die Kinder aufwachsen, begleitete die Freuden und Probleme der Nachbarn und Freunde. Und jetzt? Überall Hochhäuser, Beton, der Wald mit all meinen Bekannten ist kaum mehr in Sichtweite.

Immerhin hatte ich auf einem kleinen Hügel einen super Überblick, wusste Bescheid, wer gerade einen ausgetrockneten Ast hat oder wem ein dummer Spruch eingeritzt worden war. Unter uns Bäumen gab es einen regen Austausch von Neuigkeiten, aber auch von Sorgen und Alltagsproblemen. Die Birken an der Lichtung waren besonders schwatzhaft. An der Ahornecke war es eher still und dunkel, manchmal wurde geflüstert.

Später, als die Berufsschule gebaut wurde, kamen die Menschen nicht nur zum spazieren gehen, sondern rauchten und schmissen Abfälle auf die Wiesen. Versteckspiele in den kleinen aufgeforsteten Tannen wurden von abendlichen Treffen der jugendlichen Berufsschüler abgelöst. Die Zivilisation rückte immer näher und nahm zunehmend von den Waldrandgebieten Besitz. Einerseits war das recht unterhaltsam, nur dem Wind zu lauschen, kann mit der Zeit schon sehr langweilig werden. Die Themen unter uns Bäumen änderten sich mit der Zeit, wir hatten nicht mehr so viel Zeit miteinander.

Heute, etwa 30 Jahre später, habe ich mich an die um mich rum Bebauung gewöhnt, immerhin hatte ich überlebt. Ich stehe als grüne Auflockerung schon mittlerweile ewig in einem Neubaugebiet. Alle meine näheren Freunde und Bekannten sind verschwunden, zum Wald habe ich keinen Kontakt mehr. Man muss sich ja arrangieren, man hat ja keine Wahl. Manchmal kommen Kinder vorbei, um auf mir zu klettern. Dann wird mir ganz warm ums Herz, erinnern sie mich doch an meine glorreiche Zeit als König auf einem Hügel, damals im Wald in Potsdam-Waldstadt.