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Frau Masur und Frank Hoyer

Aus meinem Fenster sah ich die letzten Bummelanten, die sich noch auf dem Weg zur Schule machten. Das war auch mein Ziel. Wieso ich eine zeitlang so notorisch zu spaet kam und das in voller Absicht, kann ich mir bis heute nicht erklaeren. Als ich bei der Gaertnerei Spillner ankam, erklang bereits das Vorklingeln zum Unterricht. Ich musste noch den ganzen Ravensbergweg hoch zur POS 6 laufen, ca einen Kilometer. Frau Masur stand bereits da im Matheraum, man konnte die hellerlaeuchteten Fenster sehen. So woechentlich musste ich fuer meine Unpuenktlichkeit immer nachsitzen. Da gab es bei ihr keine Kompromisse. Eine alte Jungfer, die mit ihrem Beruf verwachsen war, die akribisch ganze Tafeln zuschreiben konnte und somit ihre Unterrichtsvorbereitung transparent machte. Auf der ersten Seite der Tafel standen immer Hinternamen. Das waren die Rabauken, mit denen sie noch ein Huehnchen zu rupfen hatte. Die Beschwerden kamen von anderen Lehrern oder Mitschuelern. Sie war namlich meine Klassenlehrerin zwischen der vierten und sechsten Klasse und unterrichtete noch Deutsch und eben Mathe. In iherer so typischen Schrift schrieb sie auch ellenlange Briefe an meine Mutter, wenn ihr meine Unterrichtseinstellung nicht gefiehl. Das war immer sehr amuesant zu Hause. Sie hatte zwar immer die Gleichen auf dem Kiecker, aber sonderlich unfair wirkte sie nicht. Ausser einmal. Als sie zur Beerdigung meines Klassenkameraden Frank Hoyer nur den Gruppenrat zuliess.

Ich holte ihn oefters zum Schulweg ab, wir spielten auch ausserhalb der Schule zusammen, ich teilte mir mit ihm den Umziehschrank beim Schwimmunterricht. Es waren die letzten Tage der grossen Sommerferien. Traumhaftes Wetter, Eltern sassen auf den Balkons, Kinder tollten auf den Wegen oder sausten mit ihren Fahrraedern durch die Gegend. An der schon damals viel befahrenden Drewitzer Strasse gab es einen Huegel, der ein Abkuerung zur dahinter liegenden Strasse war. Diesen Weg habe ich oft genommen, er war usus. Frank fuhr genau auf diesen Huegel, um mit dem gewonnenden Tempo der Abfahrt schnell die Drewitzer zu ueberqueren und dann zu den Wohnhaeusern zu gelangen. Frau Hoyer nahm gerade die Waesche ab, um sehen zu muessen, wie ein Wartburgfaherer Frank erwischte. Er war sofort tot. Den Schrei von Frau Hoyer hoehrte man in der ganzen Nachbarschaft.

Ich konnte es gar nicht richtig begreifen, wusste nur, dass es nicht richtig war, seine Freunde nicht zu seiner Beerdigung zu lassen. Da hatte Frau Masur nicht das richtige Gespuer fuer eine gute Entscheidung gehabt. Das war mir schon damals als Neu-Viertklaesserer klar geworden.

Der kleine Knirps

Na ja, so richtig brüllen war es nicht. Trotzdem habe ich mich danach schlecht gefühlt. Der kleine Knirps hat mich so in Rage gebracht, dass ich für einen Moment meine Emotionen nicht ganz im Griff hatte.

Immerhin nervt er schon wochenlang. Er hörte nicht, auch nach eindringlicher Aufforderung, den Geschirrwagen nicht als Personenfahrzeug zu benutzen. Immerhin ist der Wagen nicht dafür ausgelegt und kann davon kaputt gehen. Und ohne Wagen ist echt doof. Er grinst einen noch bei der Weiterfahrt an und ignoriert völlig meine Argumente.

Obwohl sie nichts im Saal zu suchen haben, turnen sie doch ungehemmt dort rum. Ich kann ja nicht neben dem Kochen auch noch beaufsichtigen. Ist ja auch nicht mein Job. Mein Job ist, für 80 Kinder und Erwachsende zu kochen und das Essen lecker und pünktlich zu servieren. Den kann ich auch erfüllen, wären da nicht solche Nebenaufgaben.

Nachdem das kleine Ungetüm wieder einmal seine ungestümen Runden im Saal vor der Küche gedreht hat, er bereits rausgeschickt worden ist, verlangte er rigoros Einlass vom Garten aus. Ich hatte gerade ein anderes Kind in der Küche, mit dem ich kochen wollte. Erst ignorierte ich den Quälgeist. Als die Schläge gegen die Glastür lauter wurden und er schon Gebärden anzeigte, sie eintreten zu wollen, musste ich einschreiten. Mein Puls war vor Wut und Ärger auf 180, also herrschte ich ihn an, dass er zurückzuckte.

Danach tat es mir leid, immerhin bin ich ja viel größer als er und wahrscheinlich auch stärker. Dennoch sah ich in diesem Moment keine andere Möglichkeit, seinem Ungehorsam Einhalt zu gebieten. Ich glaube, für gezeigte Grenzen sind Kinder durchaus dankbar. Mit Kuschelpädagogik kann halt nicht alles durchgesetzt werden.

Mich ärgerte die Aktion trotzdem, da ich mich auf die extrovertierte Version meiner Gefühle einließ und der kleine Knips es abbekam. Beim Essen hatte er schon wieder alles vergessen, Kinder in diesem Alter sind nicht nachtragend. Hoffe nur, das ein gewisser Respekt von ihm gegenüber Anderen und Dingen übrig geblieben ist und es keinen weiteren Gefühlsausbrüchen bedarf, um ihn disziplinieren zu müssen.

„Der guckt wie ein Pädo“

Zwei ca. 11-jährige Mädchen unterhielten sich im Park und da fiel dieser Satz.

Dass Sexualität die Kinder- und Jugendsprache beeinflusst, ist nicht erst beim massiven Gebrauch von sexistischen und damit auch oft diskriminierenden Schimpfwörtern bekannt. Die Diskrepanz zwischen Wissen und Gebrauch ist in diesem Alter natürlich besonders groß.

Wenn die Mädchen einen Pädophilen gemeint haben, ist es zweifelhaft, ob sie den gesamten Komplex zu diesem Thema überblicken oder auch nur darüber aufgeklärt wurden.

Die sexistische Sprache der Medien, die schnell angenommen und für wahrhaftig erklärt wird, fördern eine Verformung der gewünschten gesunden und natürlichen Aufklärung. Oft sind die Teenager, die soweit wären, dass sie sich Sexthemen annehmen, vorher schon von der Umwelt „versaut“.

Sexistische Werbung, Filme und Serien, aber auch die Schlagzeilen des Boulevards geben ein von der Wirklichkeit entferntes Bild über Sexualität wider, die einer gesunden und individuellen Entwicklung junger Menschen im Wege steht.

Die Diskriminierung, die mit sexistischer Sprache einher geht, wird als Machtmittel gegenüber Schwächeren in der Gruppe gebraucht. Es sind die Gockelrituale bei den männlichen Jugendlichen, sich besonders gegenüber Mädchen ungebührlich zu verhalten. Sie zeigen noch eigene Unsicherheit und Unerfahrenheit. Wenn man die ersten Sexerlebnisse hatte, legt sich das pupertäre Gehabe.

Mädchen machen das wahrscheinlich genauso, nur versteckter und zurückhaltender.

Ich bin immer noch überrascht, von so jungen Menschen so unreflektierte Worte zu hören, man spürt den Bedarf nach richtiger Aufklärung.

1975: Friedrichstadtpalastverbot

Na das mit dem Friedrichstadtpalastverbot war so eine Sache, die zwischen meiner Mutter und mir beinahe nicht richtig bereinigt werden konnte.

In der DDR, und das betraf besonders die 70er, waren die Fenster zum Westen für Normalsterbliche ziemlich verschlossen. Es gab aber ein winzigen Spalt, der sich manchmal Sonnabendabend im DDR-Fernsehen öffnete. Da lief dann die Fernsehshow „Ein Kessel Buntes“ mit den drei Dialektikern und später mit anderen Moderator*innen. Wenn es einen Ort zum Auftritt für internationale Stars aus dem nichtsozialistischen Wirtschaftssystems (NSW) gab, dann war es diese Fernsehsendung. Sie zeigte mir, dass es ein buntes Leben jenseits der Zone geben muss. Und das alles fand in den frühen Jahren der Show im legendären Friedrichstadtpalast statt.

Ich war neun und so fasziniert von dem Ding, zudem auch noch der Vater eines Mitschülers meiner Klasse in der Werner-Seelenbinder-Oberschule Bühnenbildner im Palast war und der Klasse für die Kinderrevue „Clown Ferdinand“ Karten besorgte. Das war meine Chance, endlich meinen Traum, den Palast in Berlin von innen zu sehen, in Erfüllung gehen zu lassen. Diesen dunklen samtrot schimmernden Zuschauerraum mit seinen typischen Säulen, auf die die ganzen Westkünstler geschaut haben müssen, während sie im  „Kessel“ sangen. Eine wunderbare Vorstellung, die ich mir sicher mehr, als all die anderen Kinder, gewünscht hätte.

Doch meine Mutter hatte als Strafe für mein Schwänzen von Ferienspielen ausgerechnet die Streichung dieses Schulausfluges vorgesehen. Das brachte mich völlig aus der Fassung. Meine Rebellion hatte aber keinen Erfolg. Ich musste, als meine Klassenkamerad*innen nach Berlin fuhren, bei ihr in der Bezirkssprachheilschule in der Seestraße, wo sie Erzieherin war, antreten. Ich fand das natürlich völlig unangemessen, überzogen und gemein. Die Filzstifte, die ich später von meiner Klassenlehrerin, Frau Masur, als Ausgleich für die entgangene Klassenfahrt überreicht bekam, konnten meine Tränen aus Wut und Unrecht nicht trocknen.

Jahre später stellte ich meine Mutter zur Rede. Sie wollte mich damals treffen, da sie der Meinung war, ich entgleite ihr sonst. Ich habe ihr irgendwann verziehen, obwohl ich nie mehr in das alte Revuetheater kam.

In den 80ern wurde das Ding abgerissen und statt dessen wurde ein neuer Palast gebaut. Diesen dürfte ich dann mal besuchen. Wehmütig dachte ich an entgangene Kinderfreuden. Der Palastneubau erzählt mir keine Geschichte und hat für mich bis heute nicht die Faszination und Anziehungskraft des schönen, alten Friedrichstadtpalastes.