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Nur ein Spiel #brager

„Wird eine Fußballweltmeisterschaft vom Radio übertragen, deren jeweiligen Stand die gesamte Bevölkerung aus allen Fenstern und durch die dünnen Wände der Neubauten hindurch zur Kenntnis zu nehmen gezwungen ist, so mögen selbst spektakulär verschlampte Gammler und wohlsituierte Bürger in ihren Sakkos einträchtig um Kofferradios auf dem Bürgersteig sich scharen. Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen. Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.“

(Theodor W. Adorno)

Die ganze Nation in Trauer, Depression macht sich breit, Unruhen werden wieder entfacht werden, von diesem Schock wird sich das Land nicht mehr erholen, Implosion des ganzen Landes, von den Deutschen kaltblütig vorgeführt und gedemütigt….was für ein Bullshit.

Es war nur ein Spiel und Brasilien hat eben, zwar hoch, aber nur verloren. Davon geht die Welt nicht unter. Welchen Einfluss hat denn eine Nationalmannschaft auf die Gefühlslage eines Volkes? Warum wird alles Leid und Erfolg an ein paar überbezahlten Kicker festgemacht, den ganze Stolz und das Ungemach sollen diese Fußballer bestimmen?

Ist denn Spanien nach dem Gewinn der Welt- und Europameisterschaften besser geworden? Hat es das Land aus der Krise geführt, ist die Jugendarbeitslosigkeit halbiert worden, hat sich ihre  Mentalität und ihr Selbstverständnis verbessert? Und jetzt, wo sie raus geflogen sind, ist das jetzt schlecht für die Nation?

Ist Deutschland, weil sie gerade jetzt ein paar gute Kicker hat und einen intelligenten Trainer, jetzt ein besseres Volk, gar ein überlegendes? Braucht es diesen Titel, um ihre wirtschaftliche Dominanz zu unterfüttern, dann auch noch „über alles“ singen zu können?

Sind die Niederländer als Volk arrogant, weil ihre Nationalmannschaft so spielt? Brauchen sie für ihren Minderwertigkeitskomplex einen WM-Sieg?

Gönnen wir einer afrikanischen Mannschaft auch mal Erfolg, weil es dem armen und gebeutelten Kontinent so gut tun würde? Und würde es irgendein Elend verschwinden machen?

Kolumbien habe ich ja nicht das Weiterkommen gegönnt, weil sie noch nie dran waren oder weil es dem ramponierten Image des Landes gut tun würde. Nein, ich habe es Kolumbien gewünscht, weil es einfach geil spielt.

Ich hoffe auf die Deutschen, nicht weil es mein Land ist und ich soviel Stolz brauche, um im Leben zurecht zu kommen, sondern weil sie ebenfalls geil spielen können. Und diese Spielweise hat es aus meiner Sicht verdient, erfolgreich zu sein.

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Meine Prognosen stimmen nicht

Man kann ja sagen, was man will, aber es gibt sie, die geilen Spiele bei der WM. Gestern waren es an die Zwei. Dafür haben sich meine Prognosen überhaupt nicht bewahrheitet, das Gegenteil hat stattgefunden.

Zunächst sind die Niederlande nicht Opfer ihrer Arroganz geworden, obwohl es am Anfang des Spiels gegen Australien ganz so aus sah. Nein, sie haben sich gerappelt und das Spiel auf souveräne Art umgebogen. Es war ein Klassespiel, weil auch Australien stark war. Damit haben sich die Niederländer für mich voll in den Favoritenkreis gespielt.

Im zweiten Spiel habe ich so starke Chilenen gesehen, dass ich beeindruckt war. Die ganze Taktik, die Defensive und traumhafte Offensivaktionen, für die Südamerikaner war es ein perfektes Spiel, dass sie hochverdient gewonnen haben. Für Spanien gehts nach Hause, obwohl sie viel versucht haben und durchaus Chancen hatten. Aber die Chilenen waren zu stark.

Zwei gar nicht so schlecht spielende Mannschaften müssen jetzt nach Hause fahren und zwei ganz großartige Mannschaften stehen im Achtelfinale. Wir werden von ihnen noch einiges hören.

Demontiert

Das habe ich nun davon. Spanien hoch geschrieben, Holland nieder gemacht. Raus kommt ein 1:5. Nichts hat gestimmt in der Prognose. Die niederländische Mannschaft ist nicht überaltert, Louis van Gaal hat sie, bis auf drei Positionen, völlig verjüngt. Der einstige und gescheiterte Betonierer des FC Bayern hat hier eine Frische auflaufen lassen, die einem nicht nur den Atem nimmt, sondern die hoch ambitionierten Spanier ihren Stolz genommen hat.

Wie kam dieses Fußballwunder zustande? Die Holländer spielen schon gefällig, aber sie lassen sich auch gerne vorführen. Diesmal waren sie die Protagonisten einer Show, die Andere, und diesmal den amtierenden Welt- und Europameister, alt aussehen lässt. Wenn man die vermeintlich unbesiegbaren Spanier vor allen Dingen mit einem atemberaubenden Tempo vorführt, zeigt das eine besondere Klasse, die ich den H0lländern nicht zu getraut habe. Dennoch besteht die Gefahr, dass sie jetzt sich so groß fühlen, dass sie im Rausch der ihr nicht ganz unbekannten Arroganz bei den nächsten Gruppenspielen abstürzen.

Den Spaniern traue ich trotzdem die mentale Stärke zu, dass sie diesen Totalausfall wegstrecken und ganz konzentriert die nächsten Gruppenspiele durchziehen. Sie sind auf dem Boden gelandet und werden mit dieser Bodenberührung intelligent umgehen.

Holland wird die Bodenhaftung fehlen.

Meine WM-Favoriten (1)

Es wird ja wieder unzählige Tipp-Gemeinschaften geben. Für die und für Andere, die sich sonst nicht so viel mit Fußball beschäftigen, können meine Empfehlungen Orientierung sein.

Brasilien: Topfavorit als Gastgeber und Rekordweltmeister. Obwohl die emotionsgeladen Unterstützung der eigenen Bevölkerung noch nicht auszumachen ist, wird sie im laufe des Turniers schon noch kommen und dann können frenetische Fans der zwölfte Mann sein. Der Gastgeber hat, wie immer, eine aus dem nicht endenden Pool an Talenten bestückte Mannnschaft geformt, die es immer drauf haben, den Titel zu holen. Man muss sie spielen lassen, darf sie nicht in ein taktisches Korsett schnüren, wenn sie sich dann in einem Rausch spielen, was anzu nehmen ist, sind sie nicht zu schlagen.

Spanien: Das Beste, was der europäische Fußball derzeit hat, kommt aus Spanien. Die Liga hat alles international abgeräumt, was möglich war (Madrider GL-Finale, EL-Sieger: Sevilla) und die spanischen Spieler haben so eine Siegermentalität, aus denen sie ihr Selbstvertrauen an einem Titel ziehen. Spanien ist mit ihrem System wegweisend, sie machen nicht den Fehler der Franzosen, die nach WM- und EM-Titel Opfer ihrer eigenen Arroganz wurden. Die Qualität der Spanier ist nachhaltig.

England: Bei den Buchmachern stehen sie ganz oben. Vielleicht haben sie es verdient, immerhin zählen sie immer zu den großen Fußballnationen. Spielerisch muss da aber mehr kommen. Wenn sie mit mentaler Stärke ein Elfmeterschießen im Viertelfinale überstehen, ist das Halbfinale mal drin.

Fortsetzung folgt…

Tortour de France

Der Text spiegelt eine emotionale Einstellung wieder, wie sie mir bei und nach einem Frankreichbesuch begegnete. In einer Art von Aufarbeitung sind diese ungerechten und verallgemeinerten Sätze entstanden. Dafür möchte ich mich schon vorab bei allen Franzosen entschuldigen. Den Text möchte ich aber nicht ändern, weil er zeigt, dass auch ich nicht völlig frei von Ressentiments bin und ein kleines Stück Rassismus auch in mir steckt. So bleibt der Text authentisch. Also her mit den Protesten und dem korrekten Weltverständnis!

Wenn mir, wie so oft, jemand erzählt, Frankreich wäre ein so gastfreundliches Land mit so vielen netten Menschen, denke ich immer, in welchem Land war ich eigentlich damals?

Arroganz, Borniertheit, Ignoranz, Aggressivität und unglaubliche Unfreundlichkeit prägten meinen damaligen Urlaubsaufenthalt in dem so landschaftlich bezauberndem Land. Diese Menschen haben dieses Land nicht verdient.

Zunächst wurden wir ignoriert, weil wir an der Küste in der Hochsaison eine Zeltplatz suchten. Dann wurden wir verfolgt, weil wir bei einem anderen Campingplatz nach Wasser fragten, es uns verweigert wurde und der Chef etwas wie Bitch verstand, dass ich aber in meiner Beschimpfung nie sagte. Später wurden wir bedroht, weil wir in einem Feinschmeckergeschäft ein Foto gemacht haben. Er wollte das Foto unbedingt gelöscht haben und legte Hand an meine Kamera.

Der Zug zur Gewalttätigkeit ist bei den Franzosen überhaupt sehr groß. Als wir in einem Küstenrestaurant nur Wasser bestellten und den mitgebrachten Wein dort trinken wollten, packte der Kellner meinen Kumpel am Kragen, schlug ihn und warf ihn raus. Der Aufpasser auf einem sehr schönen Campingplatz, der uns schon vom geschlossenen Strand werfen ließ, konnte aber nicht verhindern, dass wir einfach illegal dort zelteten. Seinem brutalen Verhalten sind wir später gerade so entronnen.

Die Leute in den Bars, Restaurants und Cafes verstanden nichts, auch kein Englisch, sie wollten nichts verstehen. Auf einem Fest wurden wir andauernd dämlich angemacht. Kaum einer hatte ein Lächeln für uns übrig, wenige waren freundlich oder hatten wenigstens einige Grundsätze der Höflichkeit für uns übrig.

Es ist kein Land zum Reisen, wenn nur die Landschaft nicht so schön wäre. In Spanien war es umgekehrt. Die Landschaft wurde hässlicher, aber dafür wurden die Leute freundlicher. Der Besitzer des Ladens, den ich ebenfalls fotografieren wollte, stelle sich sogar mit aufs Bild.

Diese nationalistischen, arroganten Franzosen sind es jedenfalls nicht, die ich in die Liste der gastfreundschaftlichen Völker mit aufnehme. Und ob ich jemals nochmal hinfahren werde, weiß ich noch nicht. Wenn dann nur ohne Fremdkontakt.