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Kaschmir: Gefangen im Paradies

Ich war ja so paralysiert von Delhi, dass ich mich in einem Touristoffice hätte alles aufschwatzen lassen können. Es waren 35 Grad und eine unerträgliche Luftfeuchtigkeit. Ich wollte in den Norden, aber nach Rishikesh fuhren keine Züge mehr. Oder sie waren voller Pilger. Da gab es wohl wieder so ein religiöses Fest, wohin es Tausende zog. Da hatte man als Touri keine Chance, hin zu kommen. Auch ganz gut, sollte das Klima im Wallfahrtsort nicht besser sein.

Aushaltbar sollte es nur ganz weit im Norden, schon am Himalaja sein. In Kaschmir oder Ladakh. Also sollte ich das Angebot vom Agenten annehmen und in das vor wenigen Monaten noch umkämpfte Gebiet nach Srinagar reisen.

Es war alles ganz furchtbar aufregend, ich befand mich wie in einem Film. Zuweilen wusste ich nicht, was mir geschah. Das Motto, gesund bleiben und überleben, schien mir der passende Leitspruch für die kommenden Tage zu sein.

Viel Militär empfing mich am Flughafen und tatsächlich war jemand da, um mich abzuholen. Es ging mit zitternden Knien auf eines der berühmten Hausboote, namens Montreal. Das hörte sich doch weltlich an, konnte mich aber kaum beruhigen, da ich mich vollends in fremde Hände begeben habe.

Die Luft war tatsächlich sehr angenehm, aber an Durchatmen war nicht zu denken. Die Angst, hier passiert Dir irgendwas, war noch größer. Paradiesisch war dann das Ambiente, dass mich am Dalsee empfing, so fremd und exotisch. Grüne Berge, traumhafte Blumenfelder, märchenhafte Moscheen, uralte Ortschaften und freundliche, aber distanzierte Menschen waren die Eindrücke der ersten Tage. Verhandlungen mit einem muslimischen Geschäftsmann über Safran waren Szenen, wie aus Tausend und einer Nacht.

Die Blicke der fremden Menschen flößten mir nicht mehr Vertrauen ein, war ich doch für sie der Fremde. Die kleinen Späße mit dem Küchenjungen und meine Einträge in einem Tagebuch lockerten die Stimmung manchmal etwas auf. Die wunderbaren Eindrücke, die ich hier machen konnte, entfalteten ihre Wirkung erst, als ich wieder zu Hause in Berlin war.

Als ich einen Garten besichtigen konnte, waren die Schießscharten der Kämpfe zwischen Indien und Pakistan in Srinagar noch zu sehen. Eigentlich war es noch Kriegsgebiet.

Mein Guide auf der von mir gebuchten Trekkingtour hatte später alle Hände voll zu tun, um mich vor Wegelagerern, Kleinkriminellen und zwielichtigen Gestalten zu verstecken, bzw. zu beschützen. Es gelang ihn mit viel Geschick und Schmiergeld. War ich doch fast der Einzige, der nicht von hier kam und den man es auch ansah. Die Gastfreundschaft der bettelarmen Bergnomaden und der Dorfbewohner war sehr unterschiedlich und unterlag immer einer gewissen Spannung.

Als unser Zelt einstürzte und ein Kuh mich fast überrannt hätte, waren sie aber alle da, um uns zu helfen, ein Ersatzzelt war schnell besorgt. Als ich eine Wunde mit einer Salbe behandelte, war das ganze Dorf anwesend. Dabei hatte ich nur die nötigsten Medikamente und Cremes mit, für die Menschen hier war ich fast ein Doktor. Drei Hühner sollten mich die Tage der Bergtour versorgen, waren sie anfänglich noch putz und munter, reduzierten sich dann aber von Tag zu Tag, um dann von Pfanne in den verwöhnten Touribauch gelangt zu sein. Fast hätte ich ihnen noch Namen gegeben.

Nicht zu vergessen war bei aller sozialen Kontrolle, die unglaublich traumhaften Landschaften, denen ich begegnen dürfte. Dennoch konnte ich keinen Schritt alleine machen. Es musste viel mit Touristen passiert sein, die Angst meines Bergführers war augenscheinlich.

Für den Besitzer des Hausbootes, der mich gar nicht weiterreisen lassen wollte, war ich wahrscheinlich ein super Geschäft. Mit großer Energie und Überredungskunst konnte ich mich von ihm lösen und mich nach Ladakh in den buddhistischen Teil Indiens aufmachen.

Erst als ich das letzte muslimische Nest Kargil passiert hatte, fühlte ich wieder befreit. Der Druck in der Magengegend ließ nach und die Menschen schauten freundlicher.

Vielleicht sind es die Unmengen von Vorurteilen und das tradierte Wissen, dass ich mich bei den Buddhisten wohler fühlte. Wahrscheinlich tue ich in meiner Einschätzung den muslimischen Menschen Unrecht, aber so fühlte ich damals. Übrigens die hinduistischen Inder waren mir, wenn sie vom Mittelstand kamen, noch unangenehmer. Auch so eine Momentaufnahme, die nur von Gefühlen lebt.

Im Nachhinein, war die Tour nach Kaschmir eine der eindrucksvollsten, aber auch spannendsten Momentaufnahmen meiner auch nicht ganz kleinen Reisevita.

Schockstarre in Delhi

Habe ich schon über meine super Interkontinentalreisen geschrieben? Das wird ab jetzt vermehrt vorkommen. Reisereportagen können so bunt und unterhaltsam sein. Zeigen sie uns doch oftmals, wie grau und trostlos der Alltag hier ist. Na gut, jetzt ist Frühling in Berlin und da ist man auch gerne hier. Das Reisen aber auch mal nicht Spaß machen kann, zeigte sich bei meinem Trip im Sommer 2011 nach Indien.

Ausgerechnet im Sommer wollte ich ein paar erholsame Tage auf dem Subkontinent erleben. Als ich in Delhi ankam, erschlug mich nicht nur das feucht-heiße Klima, sondern auch Menschenmassen, Lärm, Dreck und die vielen Tiere auf der Straße. Ich verkroch mich zunächst in mein Hostelzimmer, ein fensterloses Loch mit so einem Deckenpropeller, den ich gleich auf Stufe 5 einstellte. Mit 80 Fernsehprogrammen, die ich rauf und runter zappte, versucht ich mir die Frage zu beantworten, was ich hier soll, warum ich hier bin, was all die Menschen hier wollen und was ich als nächstes machen will. Die Unfähigkeit, etwas zu tun und zu planen, lag an der Tatsache, das meine Seele noch in Berlin war und ich selbst körperlich schon tausende Kilometer weiter gereist war.

Stunden später trieb mich der Hunger auf die Straße, wo ich sofort einem Touri-Schlepper auf dem Leim ging. Das von ihm favorisierte Travel-Office wollte mich für einen nicht unerheblichen Beitrag nach Kaschmir verschicken. Sie hatten ja recht. Bei diesem Wetter konnte man nur nach Norden flüchten. Meine ursprüngliche Route nach Rishikesh und Haridwar konnte ich mir wegen Pilger-Verstopfung und den schon erwähnten feuchtheißen Klima ja abschminken, also blieb nur die Flucht in die Sommerfrische nach Srinagar im umkämpften Kaschmir.

Ich hatte mich dann auf ein Reisepaket mit Stadtrundfahrt Neu Delhi, Flug nach Kaschmir, Hausboot in Srinagar und Trekking in den Bergen an der pakistanische Grenze eingelassen und sollte es nicht bereuen. Wie ich von einer  indischen Mittelstandsfamilie als Exot fotografiert wurde, mein Essen laufen und gackern sah und meinen Guide nach Ladakh entkam, ist eine andere Geschichte und wird bestimmt auch noch auf dieses Blog erzählt werden.