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Vergänglich

Die Ikonen meiner Jugendzeit sind uralt und hässlich, oder tot. Früher war ich über die Todesnachricht eines Prominenten noch irgendwie geschockt oder wenigstens überrascht. Heutzutage habe ich mich daran gewöhnt. All die Künstler, die um wahnsinnig viel Aufmerksamkeit gebuhlt haben, die diese dann oft genug mit Bedeutung verwechselt haben. Und dann bleibt nur noch ein kümmerlicher Nachruf am Ende der Tagesschau mit ein paar vergilbten Bildern.

Für uns Normalos bleibt nicht mal das. Der Drang und der Wille, was Unvergängliches und Bleibendes zu schaffen, ist ja vorhanden. Auch der Glaube daran ist präsent. Nur die Wirklichkeit sieht verdammt anders aus. Nichts wird bleiben. Das Neue wird immer das Alte verdrängen, das Tempo, dass das geschieht, verschärft sich sogar. Wir sind nur Sternenstaub und der kann von Glück reden, wenn er wenigstens eine Episode gewesen ist, über die Bruchteile von Sekunden nachgedacht wird.

Die eigenen Bedeutsamkeiten sind für Andere nichts. Und das schon zu Lebzeiten. Danach wird es nur noch schlimmer. Mit dieser Erkenntnis sind die bedeutenden Akzente, die man im Leben setzen will, nur Beschäftigungstherapie. Das ist gar nicht schlimm, mit der Erkenntnis könnte man ja gelassener agieren und müsste sich nicht immer so getrieben geben. Das würde den Rhythmus auch entschleunigen und wir könnten dem Lebensende entspannt entgegen sehen. Also ich könnte damit leben.

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Frau Masur und Frank Hoyer

Aus meinem Fenster sah ich die letzten Bummelanten, die sich noch auf dem Weg zur Schule machten. Das war auch mein Ziel. Wieso ich eine zeitlang so notorisch zu spaet kam und das in voller Absicht, kann ich mir bis heute nicht erklaeren. Als ich bei der Gaertnerei Spillner ankam, erklang bereits das Vorklingeln zum Unterricht. Ich musste noch den ganzen Ravensbergweg hoch zur POS 6 laufen, ca einen Kilometer. Frau Masur stand bereits da im Matheraum, man konnte die hellerlaeuchteten Fenster sehen. So woechentlich musste ich fuer meine Unpuenktlichkeit immer nachsitzen. Da gab es bei ihr keine Kompromisse. Eine alte Jungfer, die mit ihrem Beruf verwachsen war, die akribisch ganze Tafeln zuschreiben konnte und somit ihre Unterrichtsvorbereitung transparent machte. Auf der ersten Seite der Tafel standen immer Hinternamen. Das waren die Rabauken, mit denen sie noch ein Huehnchen zu rupfen hatte. Die Beschwerden kamen von anderen Lehrern oder Mitschuelern. Sie war namlich meine Klassenlehrerin zwischen der vierten und sechsten Klasse und unterrichtete noch Deutsch und eben Mathe. In iherer so typischen Schrift schrieb sie auch ellenlange Briefe an meine Mutter, wenn ihr meine Unterrichtseinstellung nicht gefiehl. Das war immer sehr amuesant zu Hause. Sie hatte zwar immer die Gleichen auf dem Kiecker, aber sonderlich unfair wirkte sie nicht. Ausser einmal. Als sie zur Beerdigung meines Klassenkameraden Frank Hoyer nur den Gruppenrat zuliess.

Ich holte ihn oefters zum Schulweg ab, wir spielten auch ausserhalb der Schule zusammen, ich teilte mir mit ihm den Umziehschrank beim Schwimmunterricht. Es waren die letzten Tage der grossen Sommerferien. Traumhaftes Wetter, Eltern sassen auf den Balkons, Kinder tollten auf den Wegen oder sausten mit ihren Fahrraedern durch die Gegend. An der schon damals viel befahrenden Drewitzer Strasse gab es einen Huegel, der ein Abkuerung zur dahinter liegenden Strasse war. Diesen Weg habe ich oft genommen, er war usus. Frank fuhr genau auf diesen Huegel, um mit dem gewonnenden Tempo der Abfahrt schnell die Drewitzer zu ueberqueren und dann zu den Wohnhaeusern zu gelangen. Frau Hoyer nahm gerade die Waesche ab, um sehen zu muessen, wie ein Wartburgfaherer Frank erwischte. Er war sofort tot. Den Schrei von Frau Hoyer hoehrte man in der ganzen Nachbarschaft.

Ich konnte es gar nicht richtig begreifen, wusste nur, dass es nicht richtig war, seine Freunde nicht zu seiner Beerdigung zu lassen. Da hatte Frau Masur nicht das richtige Gespuer fuer eine gute Entscheidung gehabt. Das war mir schon damals als Neu-Viertklaesserer klar geworden.

Wenn ich groß bin, liebe Mutti…

„Wenn ich groß bin, liebe Mutti…würd ich alles für Dich tun, denn dann haben Deine Hände endlich Zeit zum auszuruhn. “ (Kinderlied von 1966) Nun bin ich groß und Du bist tot. Was für eine Tragödie. Am Ende wäre es wahrscheinlich doch nicht so gekommen.

Deine letzten Jahre verbrachtest Du oft alleine oder mit Deinem kleinen Freundeskreis. Natürlich waren Deine Söhne auch präsent, aber sie hatten schon längst ihr eigenes Leben.

Der Abnabelungsprozess war zumindest bei mir lang und schmerzhaft. Partnerschaft und Auslandsaufenthalt schafften seinerzeit Fakten zur Distanzierung von der Kindheit. Aber die Jahre davor, die wir hatten, waren von so viel Herzlichkeit, Diskussionsfreude und innerer Wärme geprägt, es waren die intensivsten Jahre mit Dir.

Mehr konnte ich von Dir auch nicht erwarten, eine glückliche Kindheit und eine tolerante und offene Begleitung meiner Jugendzeit, Du bist mir niemals auf den Zünder gegangen. Bei uns, und das ist in vielen Familien nicht selbstverständlich, wurde geredet. Manchmal zuviel, davon habe ich heute noch was.

Deine großartige Menschlichkeit, Dein Eintreten für die Querdenker, Gegen-den-Strom-Schwimmer, Außenseiter und Schattenkinder war außergewöhnlich. Vielleicht warst Du auch der Außenseiter, der ständig kämpfen musste.

Vielleicht wärst Du an dieser heutigen Zeit verzweifelt. Ein Shoppingbesuch damals in Westberlin hatte Dich ordentlich überfordert. Die Reisen nach Österreich, an die Riviera oder in die Dolomiten hast Du hingegen genossen. Man hätte noch mehr machen müssen, noch mehr Zeit miteinander verbringen sollen.

Was ich besonders schätze: nie warst Du Mainstream. Außer bei Deinem Musikgeschmack. Ich kenne so viele Schlager der 70er, meine Textsicherheit schockiert mich zuweilen.

Jetzt, zu Deinem 15. Todestag und im November zu Deinem 80. Geburtstag ist es endlich Zeit, sich daran länger zu erinnern und diese Zeilen zu schreiben. Wahrscheinlich lebt viel von Dir in mir, prägt mein Denken und Handeln bis heute und es ist gut und erhabend so.

1. Mai 1973

Ich war ja noch Jungpionier mit einem blauen Halstuch an der Schwelle zum Thälmannpionier mit einem roten Halstuch. Natürlich war die zentrale Mai-Demonstration angesagt. Aber unser Meerschweinchen, das beim laufen immer Haken schlug und ein schwarzes und ein braunes Bein hatte, lag an diesem bedeutungsschwangeren Tag leblos im Terrarium. Mein ältester Bruder heulte Rotzblasen, selten habe ich ihn so emotional gesehen. Das Schwein sollte am Nachmittag eine standesgemäße Beerdigung bekommen. Doch bis dahin wurde es eingewickelt auf dem Balkon gelagert. Als die Tränen getrocknet waren, machten wir uns auf dem Weg in die Innenstadt. Die Taktik war, sich kurz beim Lehrerkollegium zu zeigen und dann gleich den Fisch zu machen, da wir keine Lust auf Winkelemente und Freude zur Schau stellen hatten, so wie es sonst am 1. Mai üblich war. Wir wollten schnell unserer Wege gehen und selbst entscheiden, was wir mit diesen unterrichtsfreien Tag anfangen wollen. Favorit war oft die Lobby des Interhotels, dort lief im Farbfernseher immer die Maiparade von der Karl-Marx-Allee, außerdem fühlten wir uns wie Männer von Welt. Dann stromerten wir noch durch die Gegend und hatten viel Spaß. Aber da war ja noch die Beerdigung. Ein Pflichttermin, der die positive Grundstimmung an diesen Tag nicht trüben konnte. Es war Frühling und wir waren Kinder…