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„Kein Betrag von Garnelen auf die Barbie wird dies zu heilen“

Alex traf ich in Seranda/Albanien. Er war monatelang in Europa unterwegs, ist ein typischer Traveller gewesen. Jetzt ist er in seiner Heimat Australien wieder angekommen und schreibt allen, die er auf seinen Wegen getroffen hat. Die drollige Uebersetzung gibt trotzdem seine Stimmungslage wieder und macht noch mehr Sehnsucht aufs Reisen:

Leider hatte ich vor ein paar Wochen meiner Reise kurz und Rückkehr in das Land down under zu schneiden. Ich bin immer noch depressiv als Dreck auf dies und kein Betrag von Garnelen auf die Barbie wird dies zu heilen. Für die letzten 7 Monate, die ich den Traum, backpacking in Europa gelebt haben, könnte man sogar sagen, dass ich zu viel Spaß hatte, wie es mich buchstäblich fast umgebracht. Ich besuchte 14 Ländern, erfahrene, so viel, als Person wuchs und machte Erinnerungen mit einigen der besten Leute, dass Sie jemals treffen konnte!Also ich wollte nur sagen Danke an alle, die das einige von ihnen beste Monate meines Lebens gemacht (Sie alle wissen, wer Sie sind) und hoffentlich wird ich Bier mit wie viele von Ihnen trinken wie möglich noch in diesem Jahr in Europa! Vermisse euch alle!

Ganz weit weg

IS und Ebola-ganz weit weg. Weg von Deutschland, weg von Berlin, weg vom Thälmannpark. Ich lebe mit der nötigen Empathie eines Mitteleuropäers im geordnetem, sauberem, sicherem, warmen und zivilisiertem Paradies.

Natürlich bewegen die Elendsbilder aus aller Welt. Zerfetzte Kinderkörper, abgerissende Gliedmaßen, Ruinen, hungernde und durstige Menschen, Explosionen, Angst in Gesichtern, unendliches Elend und Verletzungen, die man sich nicht vorstellen kann, können einen nicht kalt lassen.

Der Ekel, die Abscheu und die Wut auf soviel Grausames wird aber schnell verdrängt, vom Alltäglichen, von Luxusproblemen und von eigenen Befindlichkeiten. So ziemlich schnell sogar.

Manchmal bleiben die fernen Bilder etwas hängen. Dann mache ich mir so ein paar Gedanken und komme immer wieder zur Erkenntis: man was habe ich für Glück gehabt, wie bin ich priviligiert. Und ich kann es sowieso nicht ändern.

Das Ungleichgewicht, die ungerechte Verteilung in arm und reich, in sauberes Wasser und gar kein Wasser habe ich ja nicht bestimmt, für dieses Unrecht bin ich nicht verantwortlich. Ich muss im Rahmen meiner Möglichkeiten hier auch ums Überleben kämpfen. Zivilisation ist auch nicht einfach.

Klar, ist es nicht das Überleben, dass sich die Menschen in einem afrikanischen Dorf stellen müssen, aber wir haben hier ganz andere Probleme. Und die wollen sich viele Andere außerhalb des reichen Kosmos sowieso nicht reinziehen. Oder doch?

Jedenfalls ist es die Gnade der örtlichen Geburt, die mich auf der Sonnenseite des Planeten aufwachsen und leben lässt. Um meinen Alltag zu vergessen, reise ich gerne. Am liebsten weit weg, also in ärmere Länder.

Das Elend dort zu sehen, macht mir nicht soviel aus, gehöre ich ja nicht zu ihnen. Ihre Kulturen zu konsumieren und damit meinen Horizont zu erweitern, könnte man mit einer zusätzlichen Ausbeutung gleichsetzen, denen ja die historische Ausbeutung dieser Länder von den Reichen voraus gegangen ist.

Ich bade mich in einer Sozialromantik, die mir eine Erhabenheit und ein gutes Gefühl schenkt. Ein Gefühl von Freiheit und Luxus, dass ich mir ein begrenztes Mitgefühl und gewisse Entsagungen sowie die Erkenntnis von geographischen, sozialen, politischen und geschichtlichen Zusammenhängen leisten kann.

Mit der Kreditkarte in der Traveller-Hose tauche ich in meiner Begrenztheit in andere Kulturen und habe ein Gutmensch-Gefühl dabei. Zurück in meiner heimatlichen Behausung bei Elektrik und fließend Wasser bin ich froh, dem Dreck der Welt entronnen zu sein und trotzdem was gelernt zu haben.

Natürlich hoffe ich, dass das Elend sich fern hält, nicht zu mir kommt, mich nicht betrifft. Global denken und lokal handeln macht die Sache für mich leichter und dient der Orientierung für mein Handeln in dieser ungleichen Welt.

Das Martyrium der Vipassana oder solange sitzen und meditieren geht gar nicht

Da lässt sich der hartgesottende und elendgegerbte Hardcore-Traveller Martin doch von seiner esoterisch angehauchten Freundin Roswitha überreden…wenn Du nun mal hier bist, im Epizentrum der Meditation, dann geh doch für 10 Tage ins Leidenscamp von Vipassana…

Es war eine gegenüber dem sonstigen Moloch von Katmandu extrem gepflegte Anlage, fast schon mit klarer Luft, sauberen Betten und Vollverpflegung und das für lau. Super Angebot, dachte der Martin, so am Ende der kräftezehrenden und aufopferungsvollen Reise passt das noch gerade so rein.

Er hatte viel erlebt und lange durchgehalten, war durch Dreck und Schlamm gerobbt, hatte sich beim Essen infiziert und sich die Seele raus geschissen, sich von Millionen Moskitos auffressen lassen, fast von glitschigen Wanderwegen in die Tiefe gerutscht, gefroren, dass es kaum ein Aufwachen gab, geröchelt und nach Luft gejabst, als der Sauerstoff jenseits der 5000 Höhenmeter knapp wurde, sprich Grenzerfahrungen gemacht, die für mehrere Leben gereicht hätten.

Und nun diese elegante Anlage, überwacht von einer Armee von Aufpassern, einem Guru, der einem die Regeln des Lebens vermitteln will und völlig von der Kraft der inneren Stärke, die sich nach den Tagen im ständigen Schneidersitz ohne jegliche Kommunikation und nach einem streng reglementierten Tagesablauf entwickeln sollen, überzeugt ist.

Die 5 Forderungen  der Meditationssekte waren: keinen Sex, keine Gespräche, keine Lügen, kein Tier töten und die Einhaltung des Tagesablaufes. Martins Gründe für den doch dann plötzlichen Abbruch der Zeremonie nach 2 Tagen waren auch 5. Extreme Rückenschmerzen, ständige soziale Kontrolle, die Abgeschirrmtheit der Anlage, wie im Knast, die als Musik vorgetragene nicht enden wollende Predigt und das Schweigen. Ständig schaute er sehnsüchtig zum Ausgang. Er bekam ein Gefühl von Platzangst, völliger Fremdbestimmung und sektenhafter Indoktrination. Die missionierende Ideologisierung kotzte ihn zunehmend an, dass er eine Privataudienz beim Guru bestellte.

Er hätte das hier längst beendet, wenn nicht der Dienstweg solange gedauert hätte. Nur die Lüge, dass er eine Maus getötet hat, rettete ihn nach draußen.

Als er wieder die räudigen Straßen von Katmandu betreten und den faulenden Geruch der schmutzigen Stadt eingeatmet hatte, fühlte er sich endlich wieder frei. Die Suche nach seinem Inneren hatte er sich völlig anders vorgestellt.

Brian Eno

Warum dieser Künstler mich verfolgt, weiß ich gar nicht. Vielleicht ist es ja am Ende die Musik. Und die Erinnerung an den Tag, als er mir das erste Mal begegnete. Heute wird er 65 Jahre alt , sagten die Leute von Radio Eins, und ich möchte ihm hiermit gratulieren und alles Gute wünschen, verbunden mit noch mehr Schaffenskraft.

Wir lagen sternförmig um eine einsame Kerze unter freien Himmel mitten in der Nacht und hörten Eno. Karsten sagte es jedenfalls. Psychedelic Music, passend zur Stimmung, die nach extatischem Feiern einer insgesamt 72 Stunden dauernden Fete auch mal im Arsch sein konnte. Niemand sprach, jeder folgte seinen Gedanken. Wir genossen ein Stück Losgelöstheit. Wir genossen unser Jungsein. 1984 in Neufahrland.

Karstens Eltern hatten ein weitläufiges Wassergrundstück, auf dem sich prima feiern ließ. Freundinnen kamen mit Zelten und Schlafmatten direkt vom Balaton dorthin, um zu tanzen und zu chillen. Mir waren bis dato diese Traveller-Attitüden fremd, ich war gerade als Spätchen auf Entdeckungsreise zu den Möglichkeiten der Jugend. Wir hopsten nackig auf den Kähnen herum, die auf dem Nedlitz-Paritzer Kanal den Müll der Westberliner abtransportierten. Dann brannte noch eine Scheune, nie wieder hab ich so ein Feuer gesehen. Und dann wurden Karsten auch noch die Fläppen (Führerschein) abgenommen, da wir im Schweinesuff mit seiner Karre noch Nachschub holen wollten und die Bullen, die wegen dem Brandes da waren, ignorierten. Sie ignorierten uns nicht. Karsten musste zum Bluttest und ich schob die 150ger Karre zurück, die ich aber erst mal abbockte. Es passierte noch einiges, Raum und Zeit lösten sich auf.

Die Fete ging Sonnabendnachmittag los und als ich Dienstag Mittag nach Hause kam, erkannte mich meine Mutter kaum. Ich hatte andere Klamotten an, war völlig übernächtigt, verkeimt, alkoholisiert, aber glücklich.

Das alles fällt mir bei Brian Eno ein. Jetzt stoße ich auf ihn an.