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Da brennt der Baum

Leute mit aufgerissenen Auge im Turboschritt brettern ihre zu Schwertransporter umfunktionierten Kinderwagen voller Geschenke und Geschenkpapier über die Bürgersteige, um für die bucklige Verwandschaft überflüssige Gaben zu basteln. Sie stürzen von einer Ecke in die andere und kaufen die glitzernden Konsumtempel leer, um beim Fest der Liebe und Besinnung nicht blöd dazustehen.

Eine Ente zum Festtagsschmaus reicht ja nicht, es muss noch Karpfen, Reh, Wildschwein, Kaninchen und Kasseler sein. Auf all das, worauf das ganze Jahr verzichtet wurde, wird in einer Woche abgefackelt. Man kann ja zwischendurch kotzen gehen.

Der Terminkalender ist so voll, als hätte man 30 Stunden ohne Schaf zur Verfügung. Alle müssen abgeklappert werden. Das Ganze wird dann streng nach den Regeln der Mahlzeiten durch dekliniert. Frühstück bei Onkel Franz, geht gleich in einem Brunch über, dann wartet die Gans bei Tante Klara, um bei Oma Henriette zum Kaffee reinzuschneien. Abendbrot mit Fondue bei uns…bloß wann bereite ich es vor?

Der Wahnsinn wird mit so einer sinnlosen Konsequenz durchgeführt, dass man denken könnte, dass alle nicht nur getrieben, sondern wahnsinnig geworden sind. Es gibt keine Pause, keine Besinnung und kein Gespräch. Die Hatz unterm Weihnachtsbaum hat bereits schon Tradition. Befeuert von den Massenmedien denkt man, von Jahr zu Jahr wird es schlimmer und grausiger. Wahrscheinlich ist es auch so, aber niemand denkt daran, dem Wahnsinn Einhalt zu gebieten.

Auch wenn die Reflexion sich der Realität genähert hat, werden daraus keine Konsequenzen gezogen. Wir sind im Hamsterrad angekommen, das Tempo hat sich verschärft. Flucht ist der einzige Ausweg, dieser Apokalypse zu entrinnen. Deswegen bin ich über die Feiertage verplant, also weg. Ich weiß nicht, was sonst mit mir passieren würde.

Heiligabend 1972: Prügel und ein Hase in Flammen

Ich hasse Weihnachten. Diese ganze verlogene Farce. Das ganze Jahr sind wir eiskalt und zum Fest am Jahresende zeigen wir plötzlich Gefühle. Was für eine heuchlerische Scheiße. Immerhin habe ich es die letzten Jahre hinbekommen, diesen apokalyptischen Alptraum zu entrinnen. Dieses Jahr geht es nach Lissabon, letztes Jahr war ich in Tel Aviv. Alles ist besser als dieses unwürdige Fest zu begehen.

Als ich neun war, hatte sich meine Mutter so gedacht, in Vorbereitung auf Weihnachten können mal die Kinderzimmer aufgeräumt werden. Es wurde eine Razzia, man fand Dinge, die man hätte nicht finden sollen. Nach der Prügel mit einem Stock kam das große Feuer. Alles Unnütze und Liebgewonnene wurde nun Opfer der Flammen. Das wärmte den Ofen und machte Platz für Neues. So musste der alte Teddy genauso dran glauben, wie ein tausendmal geflickter Hase, der eigentlich als Bettgeselle unersetzbar geworden war. So wurde das Inferno am Heiligabend zum Friedhof der Kuscheltiere.

Apropos Prügel: Einmal musste mich meine Mutter so verprügeln, dass sie mich nicht zum Sportunterricht schicken konnte. Ich war grün und blau von der Gürtelschnalle. Wie konnte die sonst so liebevolle Frau auf einen wehrlosen Kinderkörper einschlagen, sie muss in diesen Momenten den Verstand verloren haben. Ich hatte es nie verstanden. Auch ihre spätere Erklärung, sie stand als Alleinerziehende mit drei Jungs unter enormen gesellschaftlichen Druck, ist nicht der Hauch einer Entschuldigung. Es gibt kein Verzeihen!

Nach dem Inferno im Kinderzimmer sollten wir uns umziehen, um uns auf die Bescherung vorzubereiten. Durch die Glastür sahen wir schon die Kerzen am Baum erleuchten. Es sangen Kinder weihnachtliche Lieder. Alles war friedlich und feierlich. Geschenke und Essen in familärer Atmosphäre waren nun auf einem Mal angesagt. Warum ich diesen Widerspruch einfach hingenommen habe, weiß ich bis heute nicht.

Wenn ich heute an Weihnachten denke, kommt mir das Grausen. Ein kirchliches Konstrukt ist zur Konsummaschinerie verkommen, alle machen auf besinnlich. Nichts daran ist ehrlich. Diese ganze aufgepumpte und bunte Kacke ist so aufgesetzt, so instrumentalisierend, wie ein Sektenritual. Gott sei Dank werde ich diesen Geistern nicht folgen müssen.

Ente gut-alles gut!

Ich liebe Enten, goldbraun, knusprig aus dem Ofen, der Geschmack spricht für sich. Überall und zu fast jeder Gelegenheit habe ich Enten zubereitet, unabhängig von der Jahreszeit und von der Herkunft. Ob vom Aldi oder vom Ökobauern, immer musste eine Ente her, um kulinarisch das Gleichgewicht zu bekommen.

Wenn ich Vegetarier werden würde wollen, auf Ente würde ich nicht verzichten können. Mit meinem Freund Juri habe ich da einen Gesinnungsgenossen gefunden. Daraus ergaben sich unzählige verschiedene Entenessen, die in die Annalen der jeweiligen Lebensläufe Eingang gefunden haben. Töpfe voller Rot- oder Grünkohl, Briocheknödel, Wirsing, Kartoffeln oder anderes Gemüse bzw. Saucen aller Couleur waren oftmals nur lästiges Beiwerk zum opulenten Entenmahl. Von mir aus konnte man darauf verzichten. In Irland aß ich eine halbe Ente ohne Knochen mit Knoblauchmayonnaise in einem Baguette als Snack so für zwischendurch.

Bei Freunden habe ich Entenverbot, da sich nach einer Zubereitung im High Tech-Ofen die Fettauffangschale, die nicht heraus genommen wurde, beim Reinigungsprogramm bei 300 Grad fast entzündete. Für die Ofeninhaberin ist ein zukünftiges gemeinsames Entenessen einfach zu gefährlich und zu schmutzig.

Die Geschichte eines Freundes schockierte mich als Entenliebhaber dann doch gewaltig. Ihm wurde nämlich eine Ente einfach weg genommen. Aber der Reihe nach:

Er geht immer, weil er alleine wohnt, an Weihnachten zu seinem Bruder feiern und bringt immer die Weihnachtsente mit. So ist es verabredet. Es ergab sich, dass er Heiligabend krank wurde und absagen musste. Er wollte der Verwandtschaft mit seinem trockenem Husten nicht auf den Geist gehen. Er hatte ja die Ente, Kammillentee, Fernsehen und Hustentabletten, das sollte über Weihnachten reichen. Aber er hatte die Rechnung ohne seinem Bruder gemacht.

Dessen Frau war noch in der Nähe arbeiten und so schickte er sie los, um die Weihnachtsente doch gefälligst vom Kranken abzuholen. Immerhin war sie ja gekauft und sollte auch im würdigen Rahmen gegessen werden. Mein Freund war so schockiert und wehrte sich nicht. Erst als die Schwägerin mit dem Vieh und einem „Frohes Fest“ entschwand, realisierte er seinem Nahrungsverlust. Er kochte sich Nudeln mit Ketchup. Seit diesem Vorfall feierten die Geschwister nicht mehr gemeinsam Weihnachten.

Auch für mich wäre dieser Verlust inakzeptabel. Man kann mir Manches nehmen, aber keine Ente. Und Vegetarier werde ich sowieso nicht.