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DFB-Team: Respekt versenkt im Ballermannfieber

Ich habe mich schon gefreut. Über eine Mannschaft, die irgendwie verdient Weltmeister geworden ist. Die so spielerisch stark ist und auch respektvoll mit den Gegnern nach den Spielen umgegangen ist. Die Erziehung von Löw trug, so war der Eindruck, Früchte. Understatement war angesagt. Für die Fans kann man ja nichts.

Als dann aber der Empfang der Sieger in Berlin ihren Lauf nahm, wich der Freude zunehmend ein befremdliches Unbehagen. Ich mache ja die Fan-Attitüden sowieso nicht mit. Aber was hier wie eine Propagandaveranstaltung der deutschen Industrie daherkommt, hat ja mit Sport und sportlichen Erfolgen nichts mehr zu tun. Das war unterste Niveau-Schublade, da wird der typische Deutsche, der Ballermanndeutsche bedient. Jetzt weiß ich noch mehr, warum mir das alles drumherum eher abstößt.

Als sich Teile der Nationalmannschaft herab ließen und auf sehr unwürdige Art und Weise ihre letzten Gegner verhöhnten, wusste ich, dass jetzt der wahre Charakter der spätpupertierenden Jungschnösels durchbricht. Die sollten Fußball spielen und ansonsten doch lieber ihre Fresse halten. Damit haben sie den erworbenen Respekt innerhalb von Minuten im dusseligen und fanatischen  Siegerwahn versenkt.

Wer die Choreographie dieser widerlichen Show am Brandenburger Tor verzapft hat, sollte sich schämen, damit eine Visitenkarte der Deutschen für die Welt abgegeben zu haben.

SO WILL ICH NICHT FEIERN!!

Alle reden vom Titel

Als wäre es elementar für die Nation, den Titel nach Hause zu holen. Mit welchen Minderwertskomplexen muss diese Nation geschlagen sein, dass sie sich vorstellen kann, mit einem WM-Titel Probleme lösen zu können und für das Selbstwertgefühl und -verständnis dieser sportliche Erfolg irgendeine weitergehende Relevanz hat.

Die Welt soll eine Welt der Sieger sein, zumindest zählt nur das. Sagen sie uns tagtäglich. Was machen aber die Unterlegenden? Sollen die sich alle erschießen oder mindestens, sich vergraben?

Der perverse Leistungsgedanke hat uns vereinnahmt. Er kategorisiert nur noch in Winner und Loser. Was sagt uns diese Kategorisierung? Und der Jugend? Welche Werte werden da vermittelt?

Natürlich hat der Sport eine wertvermittelnde Rolle. Die begleitende WM-Berichterstattung wird dieser Vermittlung überhaupt nicht gerecht. Fairness ist was für Loser, Verlieren ist verlieren, Sieg bedeutet alles. Was für ein Abgesang!

Wie boykottiere ich?

„Wer an der Selbstverständlichkeit des Zeichens nationaler Symbolik rüttelt, landet schnell im Abseits.“

Fußball und Patriotismus: „Stolz geht immer mit der Abwertung anderer Gruppen einher, er geht nicht ohne“

In ein paar Tagen beginnt die Fußball-WM und ich weiß noch nicht, wie ich dieses Fernsehgroßereignis erfolgreich boykottieren kann.

Angesichts der toten Straßenkinder von Rio, den Säuberungsaktionen in den Favelas, den schier schizophrenen Verhältnis der FIFA zu Menschenrechten, der unglaublichen Suggestion der Verantwortlichen nach sauberen Spielen und der konsequenten Korruption der FIFA bei der Vergabe und in ihrem gesamten Finanzgebahren scheint es mir unabdingbar, diese Spiele des Fußballs zu meiden.

Alltagstauglich ist mein Vorhaben aber nicht. Überall werden mir Symbole und Töne, Gespräche und Informationen begegnen, die mit dem weltgrößten Sportevent zu tun haben. Jeder auch noch so gute Freund wird versuchen, dich voll zu quatschen und dich nach deiner Meinung und deinen Tipps zu fragen. Deutschlandfahnen und hupende Autos werden die Stadt voll müllen.

Ich interessiere mich für Fußball schon seit frühester Jugend und ich liebe dieses Spiel. Ich schaue mir schon mal Drittligaspiele an, weil es mich halt interessiert. Bei der WM liegt es auf der Hand, dass es hier den besten Fußball geben wird. All das sollte ich nun verpassen, zumal in dieser Zeit kaum über etwas Anderes gesprochen wird. Ich wäre draußen.

Ich werde der Dynamik der Massen erlegen sein und sicher bei Gelegenheit Spiele verfolgen. Es wird mir dabei nicht gut gehen, wenn ich es nicht schaffe, die negativen und kritischen Bilder und Fakten zu verdrängen.

Ich werde das Deutschlandgebrülle ekelhaft finden und bei jeder sichtbaren nationalen Beflaggung einen Würgereiz bekommen. Aber mich werden die Ergebnisse interessieren, ich werde über Taktik diskutieren und für meine Favoriten die Daumen halten.

Aber meine Sympathie werden dieses Schland und die vielen Schlochs nicht bekommen. Da wird auch diese WM nichts ausrichten können.