Schlagwort-Archive: Worldcup2014

Von wegen Traum(halb)finale

Zunächst spielen zwei Mannschaften schlecht, unkreativ, voller Taktik und Angst, die Abwehrreihen stehen, kaum Höhepunkte, neutralisieren sich gegenseitig. Für den Zuschauer ein Graus. Die Deutschen entdecken ihre Tugenden wieder: Ergebnis halten, Standfußball, Gegner mürbe machen, erfolgreich andere rausgrätschen. Von den Franzosen kam aber auch nichts. Also hat irgendwer von den zwei schlecht spielenden Mannschaften sich ins Halbfinale gequält. Europäischer Fußball könnte so schön aussehen.

Der Gastgeber trat an, um das Spiel zu zerstören. Sie wollten Kolumbiens Spielstärke im Keim ersticken. Der Totalausfall der Offensive wurde mit Kampf und Wegtreten kompensiert. Antifußball vom großen Favoriten ist ein Armutszeugnis. Spielende Mannschaften werden zerstört. Wenn man jetzt heult, dass sich Neymar was gebrochen hat und man gegen den Kolumbianer klagen möchte, ist dass nur eine Farce, wenn man bedenkt, wie hier die Brasilianer getreten haben.

Somit gibt es ein Halbfinale, dass nicht armseliger sein könnte. Hoffentlich lässt Löw spielen und versucht nicht den Gegner nieder zu ringen. Das wäre dann so richtig traurig um diese eigentlich interessante WM.

Meine Favoriten (3): Kolumbien und Belgien

Das Achtelfinale hat es gezeigt: Viel Kampf, viel Herz bei den Kleinen, viel Glück und Cleverness bei den Großen. Außer Kolumbien und Belgien, die sind verdient im Viertelfinale. Wenn es nach Fußballästheten geht, kommen die auch noch weiter. Dann bin ich für Costa Rica, damit die Robbentruppe rausfliegt, und ich bin leider für Deutschland, da die Franzosen noch mehr enttäuscht haben. Somit wäre dann das Halbfinale perfekt: Kolumbien-Belgien, Costa Rica-Deutschland. Mal sehen, was daraus wird.

Während des Ghana-Spiels schlug die Stimmung um…

WM: Der schmale Grat zwischen Patriotismus und Nationalismus

„Party-Patriotismus ist bei Großturnieren erwünscht, nationalistische Äußerungen werden als Affekthandlung abgetan. Während des Ghana-Spiels schlug die Stimmung um.

Von Paul Hofmann und Anne-Sophie Balzer

Es läuft die 53. Minute des WM-Spiels Deutschland gegen Ghana. Ein Zuschauer rennt auf den Rasen, auf seinen nackten Oberkörper sind seine Telefonnummer und E-Mail-Adresse gemalt, zwei der Buchstaben ähneln den SS-Runen. „Überhaupt nicht Nazi“, wird der polnische Mann anschließend auf seinem Facebook-Profil dementieren, es habe sich vielmehr um zwei „4“-Ziffern gehandelt. Nach brasilianischen Medienberichten wollte er lediglich Aufmerksamkeit erregen und Geld für weitere WM-Tickets und seine Rückreise sammeln.

In den sozialen Netzwerken: Offener Rassismus neben Deutschtümelei

Möglicherweise wollte er das tatsächlich. Zur gleichen Zeit waren in den sozialen Netzwerken offener Rassismus und deutschtümelnde Kommentare zu beobachten. „Alter, gegen eine Mannschaft verlieren wo sich niemand ein Ball leisten kann“, schreibt ein User zum zwischenzeitlichen Rückstand der deutschen Mannschaft. Das sollte lustig sein, weil Ghana arm ist. Das kolonialrassistische Klischee teilen 53 andere Benutzer, 221 weitere favorisieren es.

Vielfach liest man den Begriff „Bimbo“ oder Sklaverei-Anspielungen, noch öfter vermuten Nutzer, dass die Deutschen wegen ihrer dunkelhäutigen Gegenspieler bald „schwarz sehen“ würden. Den Gipfel erreicht ein einzelner Tweet, den den Spielern von Ghana wünschte, sie mögen „mitten auf dem Spielfeld an AIDS“ sterben.

Seine Verfasserin bekommt Beleidigungen und Morddrohungen, sie entschuldigt sich später bei Facebook für ihre „unbedachte Äußerung“. Der Fankulturforscher Gunter A. Pilz, der beim DFB die Arbeitsgruppe Fair Play leitet, sieht in solchen Entgleisungen noch keine problematische Tendenz, wobei jede einzelne aber „eine zu viel“ sei.

Fankulturforscher: Jede Entgleisung ist eine zu viel – wegen des Mitläufer*innen-Effekts

Pilz warnt davor, übergriffige Äußerungen unreflektiert stehen zu lassen. „Wir müssen wachsam sein und überlegen, wie unsere Begeisterung für Fußball und die deutsche Nationalmannschaft keine Bühne für Nationalismus oder Rassismus darstellt“, sagt er im Gespräch. Der deutsche „Party-Patriotismus“ sei nicht per se gefährlich, laufe aber Gefahr, instrumentalisiert zu werden. Jeder müsse sich deshalb gewahr sein, dass andere Gesinnungen dankbar und unauffällig an den Patriotismus der Massen andocken. …“ Gesamter Beitrag

Meine Prognosen stimmen nicht

Man kann ja sagen, was man will, aber es gibt sie, die geilen Spiele bei der WM. Gestern waren es an die Zwei. Dafür haben sich meine Prognosen überhaupt nicht bewahrheitet, das Gegenteil hat stattgefunden.

Zunächst sind die Niederlande nicht Opfer ihrer Arroganz geworden, obwohl es am Anfang des Spiels gegen Australien ganz so aus sah. Nein, sie haben sich gerappelt und das Spiel auf souveräne Art umgebogen. Es war ein Klassespiel, weil auch Australien stark war. Damit haben sich die Niederländer für mich voll in den Favoritenkreis gespielt.

Im zweiten Spiel habe ich so starke Chilenen gesehen, dass ich beeindruckt war. Die ganze Taktik, die Defensive und traumhafte Offensivaktionen, für die Südamerikaner war es ein perfektes Spiel, dass sie hochverdient gewonnen haben. Für Spanien gehts nach Hause, obwohl sie viel versucht haben und durchaus Chancen hatten. Aber die Chilenen waren zu stark.

Zwei gar nicht so schlecht spielende Mannschaften müssen jetzt nach Hause fahren und zwei ganz großartige Mannschaften stehen im Achtelfinale. Wir werden von ihnen noch einiges hören.

Schiedsrichter

Sie sind zu bedauern. Sie bekommen nur einen Bruchteil der Gage, den die zu beobachtenden  Kicker einstreichen. Sie müssen in Sekunden entscheiden, was sie gesehen haben. Sie werden immer angefeindet, von Spielern, Zuschauern, Fernsehzuschauern und den unvermeidlichen Kommentatoren. Sie müssen fast so fit sein, wie die Spieler und müssen eine natürliche Autorität ausstrahlen. Sie sind Streitschlichter und Mediatoren. Sie machen, trotz der Komplexität ihres Jobs, ihre Arbeit meistens fehlerlos. Aber wenn sie einen Fehler machen, ist ein ganzer Berufsstand im Verruf. So wie jetzt wieder mal in Brasilien.

Da rollt der Ball gerade mal für vier Spiele und schon haben wir gravierende Fehleinschätzungen der Männer in Schwarz gesehen, die eine riesige Diskussionslawine entfacht haben. Sie ist auch gar nicht aufzuhalten, zu emotional ist das Verhältnis zwischen Fairness und Ungerechtigkeit. Schiedsrichter entscheiden Spielverläufe. Diese eindeutigen Fehlleistungen der Schiedsrichter in den ersten Spielen haben zum Glück, die Spiele nicht auf den Kopf gestellt, aber sie hätten es können. Wenn dass so weiter geht, wird es ungemütlich für die Branche.

Ich hoffe, die schwarzen Männer haben ein glückliches Händchen, weiß aber auch, dass ihre Fehlleistungen einfach dazu gehören und aus so manchen schnarchnasigem Spiel eine Gefühlsexplosion produzieren. Und das ist auch gut so.

Demontiert

Das habe ich nun davon. Spanien hoch geschrieben, Holland nieder gemacht. Raus kommt ein 1:5. Nichts hat gestimmt in der Prognose. Die niederländische Mannschaft ist nicht überaltert, Louis van Gaal hat sie, bis auf drei Positionen, völlig verjüngt. Der einstige und gescheiterte Betonierer des FC Bayern hat hier eine Frische auflaufen lassen, die einem nicht nur den Atem nimmt, sondern die hoch ambitionierten Spanier ihren Stolz genommen hat.

Wie kam dieses Fußballwunder zustande? Die Holländer spielen schon gefällig, aber sie lassen sich auch gerne vorführen. Diesmal waren sie die Protagonisten einer Show, die Andere, und diesmal den amtierenden Welt- und Europameister, alt aussehen lässt. Wenn man die vermeintlich unbesiegbaren Spanier vor allen Dingen mit einem atemberaubenden Tempo vorführt, zeigt das eine besondere Klasse, die ich den H0lländern nicht zu getraut habe. Dennoch besteht die Gefahr, dass sie jetzt sich so groß fühlen, dass sie im Rausch der ihr nicht ganz unbekannten Arroganz bei den nächsten Gruppenspielen abstürzen.

Den Spaniern traue ich trotzdem die mentale Stärke zu, dass sie diesen Totalausfall wegstrecken und ganz konzentriert die nächsten Gruppenspiele durchziehen. Sie sind auf dem Boden gelandet und werden mit dieser Bodenberührung intelligent umgehen.

Holland wird die Bodenhaftung fehlen.

Meine Favoriten (2)

Italien: Die sind ja immer im Favoritenkreis zu finden, weil sie eine Turniermannschaft sind. Die können jedes noch so gut erdachte Spiel zerstören. Und aus einer kontrollierten Abwehr stoßen sie mit den technisch versierten Spielern zum gegnerischen Tor. So spielt meistens eine Auswärtsmannschaft. Das machen die Italiener so perfekt, dass mit ihnen immer in einem Turnier zu rechnen ist. Und wenn es nötig ist, Druck zu machen und in die Offensive zu gehen, dann können sie auch das kurzeitig. Wie gesehen in der Verlängerung beim WM-Halbfinale gegen Deutschland, wo ihr Powerplay die Deutschen raus beförderte. Irgendwie könnte Jose Morinho die Italiener trainieren.

Argentinien: Ever meine Lieblingsmannschaft. Als noch Riquelme von Villareal ein System kreierte, das so geil war, in seinen verschiedenen Tempen, in dem kontrollierten Umschalten von Angriff auf Verteidigung und umgekehrt, einfach eine Augenweide. Leider haben sie immer wieder die Mannschaft auf eine Persönlichkeit zugeschnitten. Bei Maradona war das sehr erfolgreich. Diesmal soll alles auf Messi rauslaufen und das wird wahrscheinlich ein Fehler sein. Messi hat seinen Zenit schon überschritten, er hat auch nicht die Persönlichkeit eines absoluten Spielführers. Dennoch ist mit den Gauchos immer zu rechnen.

Portugal: Eigentlich ist es kein Topfavorit, aber dem Ronaldo-Hype muss ja irgendwie Rechnung getragen werden. Der kann eben ein Spiel entscheiden, sein aufreizendes Auftreten nötigt Respekt ab, ist aber sonst eher abtörnend. Ansonsten können die Spieler technisch gut mithalten und auch den einen oder anderen wichtigen Sieg einfahren.

Holland: Die sind zu alt oder im Umbruch, die werden nichts reißen.

Außenseiter: Das könnten doch wirklich mal afrikanische Mannschaften sein, Kamerun und die Elfenbeinküste bieten sich da an. Wenn sie ihre Scheu ablegen, wenn sie konstanter spielen, wenn sie sich an die Vorgaben der Trainer halten und wenn sie gute Tage erwischen. Wie Polen, Türkei und Südkorea wird es definitiv eine Überraschungsmannschaft geben. Vielleicht ist das auch mal eine andere amerikanische Mannschaft, das Potenzial dazu haben Viele. Sie sind auch das Salz in der Suppe und haben immer meine Sympatie.

Deutschland: Schon alleine wegen dem nationalen und nationalistischen Gehabe, dem Meer an Fahnen, dem Sieg-Gebrüll, allein den nationalen Farben bin ich dafür, dass sie in der Vorrunde rausfliegen. Das ist echt eine Quälerei und kaum zu ertragen. Aber rein fußballerisch gönne ich ihnen natürlich das Weiterkommen. Seit 2006 spielen sie auf technisch hochwertigem Niveau, man schaut ihnen gerne zu. Wir haben nicht DIE Spielerpersönlichkeit, obwohl die Mannschaft schon gereift ist. Wir können jeden schlagen aber auch Opfer eigener Fehler sein. Halbfinale ist, wie immer, drin zu mehr wird es nicht reichen. Außerdem wäre mehr auch von der Stimmung her nicht auszuhalten. In diesem Schland gibt es zu viele Schlochs.

Bei aller Fußball-Euphorie muss noch konsterniert werden, was diese WM noch so bedeutet. Sie macht mehr kaputt, als sie zusammen hält. Sie ist zu einem perversen System der FIFA und seinen geldgierigen Partner mutiert, sie zerstört Infrastrukturen, wo sie eigentlich welche entstehen lassen sollte. Sie hinterlässt Elend, Stadionruinen, verwüstete Landstriche und ein Haufen Geld für Wenige. Brot und Spiele für das Volk, um während der WM unbeliebte Gesetzte durchzuwinken, um von wirklichen Problemen abzulenken.

Und es klappt, auch bei mir….was für ein Elend…